Olympia schauen verboten

Schweizer Arbeitgeber ziehen Olympia den Stecker

Endlich Olympia! Endlich Sportarten, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt! Und dann blockieren einige Firmen und Kantone Internet-Live-Streams, damit während der Spiele die Produktivität nicht leidet.

Gestern wurden im russischen Sotschi die Olympischen Winterspiele eröffnet. Auf Sportfans warten zwei intensive TV-Wochen, viele wollen keine Entscheidung verpassen.

Erst recht nicht, wenn Schweizer die Chance auf eine Medaille haben. Diese Begeisterung macht auch vor dem Arbeitsplatz nicht halt. InternetLive-Streams erfreuen sich deshalb grosser Beliebtheit – zum Ärger manchen Arbeitgebers.

Viele ergreifen für die Spiele zwar keine besonderen Massnahmen, weil sie der Eigenverantwortung und der Vernunft der Mitarbeiter vertrauen.

Es gibt aber auch Arbeitgeber, die dem olympischen Feuer ihrer Angestellten klare Grenzen setzen: «Grundsätzlich sperren wir den Zugang zu Online-Übertragungen der Olympischen Spiele, behalten uns aber vor, unseren Mitarbeitern in der Schweiz den Zugang zu ausgewählten Veranstaltungen zu ermöglichen», so die UBS auf Anfrage der «Nordwestschweiz».

Überlastete Informatikinfrastruktur

Auch Novartis will während der Arbeit kein Jubelgeschrei hören: «Das private Fernsehen auf dem PC am Arbeitsplatz ist nicht erlaubt», schreibt der Pharmariese. Da die meisten Mitarbeitenden von flexiblen Arbeitszeiten Gebrauch machen könnten, erübrige sich eine spezielle Arbeitszeitregelung.

Eine besonders strikte Linie verfolgt die Verwaltung des Kantons Solothurn – nicht nur während der Olympischen Spiele: «Die Mitarbeiter können keine TV- oder Radioprogramme über die IT-Infrastruktur abrufen», schreibt ein Sprecher.

«Einschlägige Seiten» seien gesperrt, und beim Gebrauch von mitgebrachten privaten Geräten wie TV, Radio oder Smartphones sei es die Aufgabe von Vorgesetzten, zu intervenieren.

Die Arbeitgeber sperren den Zugang zu Live-Streaming-Angeboten aber nicht nur aus Angst vor Produktivitätseinbussen, einige machen sich auch Sorgen um die Informatikinfrastruktur.

Das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) hat in jüngster Vergangenheit negative Erfahrungen gesammelt – schuld sind die Schweizer Tennis-Cracks Stanislas Wawrinka und Roger Federer: «Uns ist aufgefallen, dass die Netzwerkverbindung aufgrund von Live-Streamings während der Australian Open langsamer wurde.»

Verfolge eine Grosszahl von Mitarbeitern einen Live-Stream, werde die Internetverbindung langsamer, so PwC.

Eingreifen will das Unternehmen aber trotzdem nicht: «Dies liegt völlig im Rahmen und die Produktivität ist auch nicht gesunken», lässt eine Sprecherin ausrichten.

St. Galler Verwaltung bestraft

Weniger Glück haben die Angestellten des Kantons St. Gallen. Weil es während der Australian Open zu einer Überlastung des kantonalen Netzwerkes gekommen ist, soll nun während Olympia der Zugang zu Diensten wie SRF oder Zattoo gesperrt werden.

«Wir müssen sicherstellen, dass die Verwaltung auch während Olympia funktioniert», sagt Staatssekretär Canisius Braun dem «St. Galler Tagblatt».

Dies sei nicht möglich, wenn die Informatik durch den enormen Datenverkehr, den die Streaming-Seiten verursachten, blockiert und die Mitarbeiter absorbiert seien.

Die Kantone Aargau und Zürich kündigen derweil an, dass auch sie das Streaming sperren werden, falls es während Olympia zu einer Überlastung der IT-Infrastruktur kommen sollte. In der Zürcher Verwaltung sei das während der letzten Fussball-EM schon einmal der Fall gewesen.

Chance für Team-Spirit

Wie stark die Arbeitsproduktivität durch das Mitverfolgen sportlicher Grossanlässe tatsächlich leidet, darüber kann nur spekuliert werden.

Von der «Nordwestschweiz» angefragte Ökonomen wollten zu dem Thema keine Auskunft geben, da solche Abschätzungen «immer fragwürdig» seien.

Das Beratungsunternehmen KPMG beobachtet keine Verringerung der Produktivität bei den Mitarbeitenden. «Vielmehr sehen wir im gemeinschaftlichen Erleben von Sportevents einen wertvollen Beitrag zur Stärkung der internen Netzwerke und des Mitarbeiter-Commitments», schreibt das Unternehmen.

Die Angestellten hätten deshalb die Möglichkeit, in einer speziell eingerichteten Zone die Spiele gemeinsam live zu verfolgen.

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