Wer ein Medikament nimmt, schluckt damit nicht nur die Schweizer Preise, sondern auch die europäischen. Denn wie viel ein Mittel hier kostet, hängt von den Preisen im Ausland ab. Im Nationalrat wird es heute um dieses Preissystem gehen. Denn wenn die Zeit noch reicht, steht die Motion der Gesundheitskommission zur Diskussion. Sie ruft den Bundesrat dazu auf, «zusammen mit den Versicherern und der Pharmaindustrie eine einvernehmliche Lösung» für die Medikamentenpreise zu finden.

Kein Einvernehmen herrscht über den Euro-Wechselkurs. Dieser ist der flottierende Punkt im festen Preissystem. SP-Bundesrat Alain Berset hat diesen Kurs für die in diesem Sommer anstehende neue Preisfestsetzung für kassenpflichtige Medikamente von 1.53 auf 1.23 Franken gesenkt. Die Preise werden nur alle drei Jahre überprüft, deswegen ist der alte Kurs so hoch – und die heutige Festsetzung des Wechselkurses hat nachhaltige Auswirkungen. Und deswegen protestiert die Pharmaindustrie so lautstark, weil ihr Bundesrat Berset damit einen Strich durch ihre Rechnung macht.

Die Rechnung für die Festsetzung der Medikamentenpreise geht dabei so: Für ein kassenpflichtiges Medikament wird ein Preisvergleich mit dem Ausland durchgeführt. Referenz für die Schweiz sind dabei seit Oktober 2009 sechs europäische Länder: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, die Niederlande und Österreich.

Teurer Schweizer Beipackzettel

Aus diesen sechs verschiedenen Preisen wird für ein Medikament der Durchschnitt errechnet. Hinzu kommt ein Aufschlag von fünf Prozent, so viel darf die Pharmaindustrie in der Schweiz mehr verlangen. Gerechtfertigt wird dies unter anderem mit dem Mehraufwand wegen des Beipackkzettels, der in drei Sprachen abgefasst sein muss.

Wegen des Bezugs auf die Preise in sechs anderen europäischen Ländern spielt der Eurowechselkurs eine Rolle. Denn die Mehrheit der Vergleichsländer hat den Euro als Währung. Je tiefer der Euro-Frankenkurs nun festgesetzt wird, desto tiefer fallen die Schweizer Preise aus. Bei der Pharmaindustrie drückt der starke Franken – anders als etwa bei der Maschinenindustrie – nicht nur die Preise im Ausland, sondern in der Schweiz selbst. Mit dem Export hat das anders als bei den Maschinenbauern nichts zu tun.

Sinken aber in der Schweiz die Preise, leidet das ganze Geschäftsmodell der Pharmaindustrie. Denn die Rechnung der Branche sieht so aus: Die grossen Firmen machen eine Mischkalkulation. Das heisst, Länder mit hohen Medikamentenpreisen finanzieren Länder mit niedrigen Preisen mit. «Wir haben über ganz Europa verteilt ganz unterschiedliche Preise. Das ist eine Mischkalkulation, das ist völlig klar», sagt der Gesundheitsökonom eines grossen deutschen Pharmakonzerns, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. Auch eine Schweizer Brancheninsiderin betont, die Schweiz subventioniere faktisch mit ihren hohen Preisen die tieferen Preise in Ländern wie Deutschland.

Billige Mittel sind teuer

In der Schweiz zahlen Patienten für kassenpflichtige Mittel laut Krankenkassenverband Santésuisse aktuell im Schnitt 20 Prozent höhere Preise als in den sechs Vergleichsstaaten.

Bei den Generika fällt diese Rechnung noch gravierender aus. Bei den an sich günstigeren Nachahmermedikamenten legen Patienten und Prämienzahler in der Schweiz Santésuisse zufolge bis zu 45 Prozent drauf. Da in den nächsten drei Jahren eine Vielzahl wichtiger Patente auslaufen, wird der Generikamarkt immer grösser und rückt für Krankenkassen und Pharmaproduzenten in den Fokus.

Denn gerade bei Nachahmerprodukten setzen Pharmakonzerne auf die Mischkalkulation. In Deutschland tobt bei Generika ein ruinöser Wettbewerb. Dort schliessen Krankenkassen direkt mit den Pharmafirmen Rabattverträge ab. Der Prozess läuft über eine Ausschreibung (Tender) und das Unternehmen, das die höchsten Rabatte bietet, bekommt den Abschluss. Dadurch kann es zu massiven Preisabschlägen kommen: Zum Teil sind die Mittel mehr als 80 Prozent billiger.

Diesen Preiskrieg überleben nur Konzerne, die weltweit aufgestellt sind. Nur diese können auf die kritische Masse kommen. Und nur bei diesen funktioniert eine Quersubventionierung zwischen dem Preisgefälle in den unterschiedlichen Ländern. Die Masse holen sie sich über grosse Billigmärkte wie Deutschland, die Marge bessern sie über Hochpreismärkte wie die Schweiz auf.

Deswegen ist die Schweiz für Pharmakonzerne interessant, auch wenn sie nur einen kleinen Markt bietet. Das Land zählt zu einem der Schlüsselmärkte der Branche, weil es entscheidend für ihre Mischkalkulation ist. Dass für die Industrie die Rechnung bislang aufging, das belegen ihre Milliardengewinne.