Anmeldungen in Schulheime
Schulheime in der Region sind rappelvoll

In der Krise sinkt die Nachfrage in den meisten Betrieben. Nicht so in den Heimen: Sie vermelden derzeit Rekorde, wie dies die Anmeldungen in Effingen, Schloss Kasteln und St. Johann, Klingnau bestätigen.

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Aargauer Zeitung

Maja Sommerhalder

«Wir spüren die Finanzkrise», sagt Heimleiter Hans Röthlisberger. Im Schulheim Effingen werden 48 normal begabte, verhaltensauffällige Knaben im Schulalter betreut. Nicht, dass es finanzielle Probleme gibt: «Der Kanton finanziert unseren Betrieb.» Die Spenden seien minimal zurückgegangen. «Unsere Spender zahlen vielleicht 150 statt 200 Franken.» Damit finanzieren sie das, was sich viele Heimbewohner nicht leisten können: Dazu gehören Zahnkorrekturen, Therapien, Kleider oder Schullager.

Seit die Finanzkrise ausgebrochen ist, hat sich die Nachfrage für Heimplätze verdoppelt. 65 Jugendliche stehen auf der Warteliste; einen Heimplatz gibt es nur noch im Notfall. Am Tag des Telefongespräches musste ein Junge notfallmässig platziert werden: «Man hat Angst, dass er ins Ausland entführt wird», so Röthlisberger. Bei der Krise von 1990 beobachtete er das gleiche Phänomen. «Gerade jetzt in der Finanzkrise verlieren viele Leute ihre Arbeitsplätze und kommen finanziell unter Druck. Das hat Auswirkungen auf die ganze Familie.»

Nun 46 statt 20 wie im Vorjahr

Das Schulheim St. Johann in Klingnau vermeldet derzeit einen Rekord. «So viele Anmeldungen wie für das nächste Schuljahr gab es noch nie», so Leiter Roland Fischer: «Es sind 46. Im vergangenen Schuljahr waren es 20.» Hat das mit der Krise zu tun? «Die Krise kann dazu beitragen, aber es gibt auch andere Gründe.» Die gesellschaftliche Grundhaltung habe sich verändert: «Alles was nicht der Norm entspricht, stört.» Da sei man früher toleranter gewesen: «Schulen und Eltern delegieren solche Probleme lieber und erwarten, dass andere handeln», sagt Fischer.

Das Schulheim St. Johann nimmt Kinder und Jugendliche auf, die zwar durchaus begabt sind, aber unter einer erheblichen Verhaltensstörung leiden. Viele Einzelkinder leben hier: «Sie bekommen von ihren Familien die ungeteilte Aufmerksamkeit. Deshalb haben sie Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzuordnen. Das trifft aber nicht nur auf Einzelkinder zu.» Probleme in der Gruppe hätten auch Kinder, denen jeder Wunsch erfüllt werde. Auch Buben würden häufig aus der Reihe tanzen: «In der Schule fallen sie stärker auf als die Mädchen.»

Mehr psychische Probleme

Im Schulheim Schloss Kasteln in Oberflachs will man die steigende Nachfrage nach Plätzen nicht unbedingt mit der Wirtschaftskrise in Zusammenhang bringen, wie Leiter Toni Bächli sagt: «In den letzten Jahren gab es immer wieder Schwankungen.» Trotzdem gab es seit Februar etwa 30 Prozent mehr Anmeldungen.

Doch die gesellschaftliche Veränderung spürt man auch hier: «Die Probleme der Heimkinder haben sich geändert.» Aufmüpfiges Verhalten oder Verweigerung der Schulpflicht waren früher Gründe für eine Heimeinweisung. Heute spielen oft psychische Probleme mit, so Heimleiter Bächli: «Viele müssen Medikamente nehmen und haben schon unzählige Therapien hinter sich.»

Die Lebensumstände seien schwieriger geworden. Viele Kinder werden allein von der Mutter gross gezogen. Weil diese häufig arbeiten muss, hat sie zu wenig Zeit für ihre Kinder: «Um dieses Betreuungsdefizit aufzufangen, bräuchte es bessere Angebote in den Schulen und den Gemeinden.» So oder so - die Krise geht am Schloss Kasteln nicht spurlos vorbei: «Wir haben weniger Spendeneinnahmen. Eigentlich wollten wir unseren Umbau mit privaten Sponsoren finanzieren. Das wird schwierig.»

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