WEF 2016
Schneider-Ammann steht am Pult und kann’s nicht anders

Der Schweizer Bundespräsident eröffnete das WEF mit einem Appell für mehr Ausgleich.

Pascal Ritter, Davos
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Traditionellerweise wird das WEF vom Bundespräsidenten eröffnet.

Traditionellerweise wird das WEF vom Bundespräsidenten eröffnet.

REUTERS

Als Bundespräsident Johann Schneider-Ammann am Mittwochabend zur Eröffnungsrede des Weltwirtschaftsforums in Davos ansetzte, hatte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck die Messlatte bereits hoch gesetzt. Am Nachmittag hatte Gauck einen Appell an Europa gerichtet. Er stärkte Bundeskanzlerin Merkel den Rücken und fragte: «Wollen wir wirklich, dass das grosse historische Werk, das Europa Frieden und Wohlstand gebracht hat, an der Flüchtlingsfrage zerbricht?» Und er antwortete gleich selbst: «Niemand, wirklich niemand, kann das wollen.» Gauck gab den osteuropäischen Ländern, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehrten, zu bedenken, dass einst sie es waren, die als Flüchtlinge Schutz suchten. Und er kritisierte die Wiedereinführung von Grenzkontrollen. Gaucks Worte gewannen an Bedeutung, weil Österreich gleichentags Höchstwerte für Flüchtlinge einführte (siehe Berichterstattung im Auslandteil).

War da etwas mit Alstom?

Die Ausgangslage war auch für die Rede des Bundespräsidenten und Wirtschaftsministers günstig. Nicht nur weil die Flüchtlingsfrage auch die Schweiz umtreibt, sondern vor allem, weil kurz vor dem WEF die Massenentlassungen bei Alstom bekannt geworden waren. Schliesslich hat sich das WEF mit dem Thema «Die vierte industrielle Revolution» genau dieser Frage angenommen: Wie gelingt eine florierende Weltwirtschaft, wenn immer mehr Arbeiter durch Roboter ersetzt werden?

Doch Schneider-Ammann machte weder zum einen noch zum anderen drängenden Thema pointierte Aussagen. Darum ging es ihm aber auch nicht. Ihm ging es vielmehr um Ausgleich. Er sprach von Gegensätzen, die es in Einklang zu bringen gelte. Denn die Welt sei selten zerrissener gewesen als jetzt. Und dies, obwohl sie nie näher beisammen gewesen sei. Scheinbare Widersprüche dieser Art zogen sich durch die Rede des Bundespräsidenten. So seien etwa Offenheit und Grenzen nicht absolut. Es könne sehr wohl beides gleichzeitig geben.

Der Bundespräsident wirkte angespannt und las im Gleichtakt vom Blatt ab. Er blieb abstrakt oder zitierte aus der Geschichte. Diese lehre, dass Veränderungen unaufhaltbar seien und dass die Globalisierung mehr Vorteile als Nachteile bringe. In diesem Sinne plädierte er für Freihandel und warnte vor Fortschrittsängsten. Nur einmal wechselte Schneider-Ammann in den Imperativ. Nämlich als er sich für Investitionen in Bildung und Weiterbildung einsetzte.

Biden zeigt, wie es geht

Und dann kam Joe Biden. Der US-Vize schritt locker und mit einem Lächeln auf die Bühne. Er redete frei und lange. Er warnte anekdotenreich davor, dass der Mittelstand durch die vierte industrielle Revolution abgehängt würde. «Wenn Lastwagen ohne Fahrer ihr Ziel finden, ist das gut für den Besitzer der Spedition. Doch was passiert mit den Lastwagenfahrern?» Das ist eine Frage, auf die auch die Alstom-Arbeiter im Aargau wohl gerne eine Antwort hätten. Doch als auch Biden Bildung forderte und sogar die Berufslehre lobte, war Schneider-Ammanns Rede längst zum Schulvortrag verblasst. Der US-Vize beliess es nicht beim Bildungsappell. Er forderte gesetzlichen Schutz für Arbeiter und progressive Steuern. Jeder müsse seinen Teil beitragen. Denn die wachsende Ungleichheit sei nicht nur ein Problem für die Gesellschaft, sondern verringere auch Wirtschaftswachstum.

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