ASE-Prozess

Schimpftiraden und Männerwitze: Telefon-Mitschnitte zeigen, wie der ASE-Chef vorging

Der Angeklagte wird von einem Kantonspolizisten ins Kantonale Zivilschutzausbildungszentrum in Eiken geführt. Dort beginnt heute Montag, 21.11.2016 der Prozess im Betrugsfall.

Der Angeklagte wird von einem Kantonspolizisten ins Kantonale Zivilschutzausbildungszentrum in Eiken geführt. Dort beginnt heute Montag, 21.11.2016 der Prozess im Betrugsfall.

Am ersten Prozesstag zeichneten Telefon-Mitschnitte ein wenig schmeichelhaftes Bild des damaligen ASE-Chefs. Dieser und zwei andere Angeklagte sollen rund 2000 Personen um insgesamt 170 Millionen Franken betrogen haben.

Der Auftakt war nichts für sanfte Gemüter. Ein Schimpfwort jagte das nächste im Zivilschutz-Ausbildungszentrum Eiken. Angesagt war der erste Verhandlungstag des Prozesses gegen die Verantwortlichen der Fricktaler Investmentfirma ASE. Ohne grosse Umwege leitete der Gerichtspräsident Beat Ackle zum Staatsanwalt über, der knapp ein Dutzend Telefon-Mitschnitte abspielte. Am einen Ende war stets Martin Schlegel zu hören. Dem damaligen Geschäftsführer der ASE und seinem Mitstreiter Simon M. wird vorgeworfen, mit einem enormen Schneeballsystem knapp 2000 Personen um 170 Millionen Franken betrogen zu haben.

Am anderen Ende der Gespräche befanden sich jeweils Angestellte der Basler Kantonalbank (BKB). Rund 600 Geschädigte hatten ein Konto beim Geldinstitut. Was nun folgt, ist eine Aneinanderreihung von Kraftausdrücken. Als ein BKB-Mitarbeiter Schlegel wegen Minuspositionen mehrerer Kunden anruft, fällt der ASE-Chef dem Bankangestellten ins Wort: «Es ist mir schon klar, was du für ein Problem hast. Ich habe noch ein ganz anderes Problem!»

Es folgt eine Schimpftirade Schlegels auf die BKB: «Die sollen mich alle am Arsch lecken!» Der Bankmitarbeiter ist verunsichert, sagt, er sei gerade aus den Ferien gekommen. Schlegel poltert weiter: «Es kotzt mich an, wenn ihr eure Mails nicht lesen könnt!» Er setzt den Mitarbeiter unter Druck, es sei die Bank, die ihren Job nicht mache. Der Angestellte beschwichtigt und fragt, ob Schlegel später für ein weiteres Gespräch noch erreichbar sei. Letzterer erwidert: «Ich bin immer erreichbar, im Gegensatz zu euch Pennern!»

Unter grossem Druck

Es sind längst nicht die einzigen Kraftausdrücke, die an diesem Morgen zu hören sind. Sie ziehen sich durch viele der Mitschnitte und sind alles andere als jugendfrei. Aus heutiger Sicht gibt der aggressive, beleidigende Ton einen Hinweis darauf, wie sehr Schlegel bereits ein bis zwei Jahre vor dem Auffliegen des Falls unter Druck gestanden haben muss.

In anderen Aufzeichnungen gibt sich Schlegel dagegen als jovialer Kumpel. Zwischen geschäftlichen Belangen reisst er Männerwitze, lästert über das Liebesleben eines Kunden. Er kann die BKB-Mitarbeiter wiederholt davon überzeugen, dass alles in Ordnung sei. Ja, er habe die Liste der Konti mit den Minuspositionen gerade vor sich: «Glaub mir, es kommt gut.» Man habe schliesslich eine Vereinbarung getroffen, was ASE tun und lassen dürfe und was nicht. Er habe diese genau gelesen: «Wir verletzen nichts», sagt Schlegel zu einem BKB-Berater. Dieser antwortet unterwürfig: «Schau, ich mach einfach das, was du mir sagst.»

Klar: Die Auswahl der Telefon-Mitschnitte ist eine subjektive des Staatsanwalts. Aber zweifelsohne geben sie einen Eindruck von Schlegels Gerissenheit. Dieser sitzt am ersten Prozesstag regungslos neben seinem Anwalt.

Mega-Wirtschaftsbetrug vor Gericht

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450 Ordner Akten, 2500 Geschädigte: Zwei Chefs der Firma ASE und die Basler Kantonalbank sollen 170 Millionen Franken veruntreut haben. 

Gegenüber den Verantwortlichen der Bank benimmt sich Schlegel anständiger. So etwa in Gesprächen mit Manfred G. Dieser war Teamleiter im Zürcher Private-Banking-Ableger und betreute Schlegel. G. schenkte dem ASE-Chef auch mal eine Flasche Champagner zum Geburtstag. Als wiederholt Treuhänder von Anlegern detaillierte Auskünfte einfordern und direkt bei der BKB Auszüge ihrer Kunden verlangen, äussert Schlegel gegenüber G. seine Besorgnis darüber. Er weist den BKB-Kadermann an, keine Bankbelege herauszugeben. Dieser bestätigt, er werde seine Leute darauf sensibilisieren. G. sitzt wegen Mithilfe zum gewerbsmässigen Betrug ebenfalls auf der Anklagebank.

Enttäuscht von der BKB

Seine joviale Seite war es auch, mit der Schlegel Kunden und Vermittler von seinen ASE-Produkten überzeugen konnte. Dies zeigten die Befragungen von Betroffenen im Anschluss an die Telefon-Mitschnitte. Schlegel sei das Antibild eines Betrügers gewesen, gab ein Vermittler zu Protokoll, der Kunden der Fricktaler Investmentfirma zugehalten hatte. Er habe nicht etwa Brioni-Anzüge getragen, sondern die Tür zum Büro mit verwaschenen Jeans geöffnet. Er sei wie ein ehrlicher «Chrampfer» hinübergekommen. Schlegel hat offenbar als Person überzeugt. Die Beschreibung «sehr angenehm» wurde mehrfach gewählt, auch «bodenständig» war zu hören, als die Richter die Befragten auf Schlegel ansprachen. Und offenbar wirkte er auch kompetent: «Die Zusammenarbeit mit Schlegel war präzis und sehr schnell», sagte ein anderer Vermittler aus. Er habe auch nie irgendwelche Personalien durcheinandergebracht.

Überzeugen liessen sich Kunden und Vermittler aber nicht nur von Schlegel selber. Die BKB als Schweizer Bank mit Staatsgarantie war für alle Befragten ein wichtiges Indiz, dass es sich bei ASE um eine seriöse Investmentfirma handeln musste. Einer der Kunden, der im Auftrag für die BKB ein Informatikprojekt leitete, erkundigte sich sogar direkt bei Verantwortlichen der Bank nach der ASE. Er erhielt zur Antwort, dass die BKB seit mehr als zehn Jahren erfolgreich mit der Firma zusammenarbeite und Schlegel als sehr seriös einstufe. Die Bank habe später bestritten, eine solche Antwort abgegeben zu haben. Zum Glück habe er aber die betreffende E-Mail aufbewahrt.

Nicht nur er zeigte sich am Montag über das Verhalten der Bank sehr enttäuscht. «Ich bin entsetzt, dass so etwas in einer Bank passieren kann, wie es die Anklageschrift darstellt», sagte ein weiterer Kunde. Aber auch Schlegel musste sich so einiges anhören. «Dies war der grösste Tiefpunkt in meinem Leben», sagte ein anderer Geschädigter. «Dass man derart getäuscht wird, hat mir sehr zu schaffen gemacht.»

Am Dienstag werden mehrere Mitarbeiter und Verantwortliche der BKB befragt, darunter auch Ex-Chef Hans Rudolf Matter.

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