Bei der Helvetia Versicherung in St. Gallen rumort es. Pierin Vincenz, der frühere Chef der Raiffeisen, weigert sich bislang standhaft, von seinem Amt als Präsident des börsenkotierten Versicherers zurückzutreten.

Dabei laufen seit Wochen zwei Verfahren gegen ihn. Das eine wurde von der Finma initiiert und betrifft seine Tätigkeit als CEO der Raiffeisen zwischen 2010 und 2015. Das andere wird von der Firma Aduno angestrengt, an der Raiffeisen beteiligt ist und der Vincenz als Präsident lange Zeit vorstand. Aduno hat mit Hans Baumgartner einen ehemaligen Staatsanwalt mandatiert, der verschiedene Firmenkäufe unter die Lupe nimmt, bei denen Pierin Vincenz im Verdacht steht, möglicherweise persönlich profitiert zu haben. Das Verfahren sei an keinen Zeitrahmen gebunden, heisst es bei Aduno.

Während eines Verfahrens gilt die Unschuldsvermutung, auch Pierin Vincenz stützt sich darauf. Solange nichts Erhärtetes gegen ihn vorgebracht wird, trägt er eine weisse Weste. Und doch: Vincenz’ Glaubwürdigkeit ist in grober Weise infrage gestellt. Und nicht nur seine, sondern auch diejenige von Helvetia und seines früheren Arbeitgebers Raiffeisen. Und das ist ein Problem.

Den Ruf schützen

Als Verwaltungsratspräsident ist es Vincenz’ Hauptaufgabe, alles zu unternehmen, um den Ruf der Gesellschaft zu schützen. Verharrt er auf seinem Posten, setzt er seine Interessen über diejenigen der Helvetia. «Das Verfahren färbt auf Helvetia ab», sagt ein hoher Kadermann des Versicherers. «Wir hatten einen tadellosen Ruf, doch je länger sich die Verfahren hinziehen, desto stärker kommen wir unter Druck.» Die Verfahren könnten sich noch Monate hinziehen.

Bis jetzt scheint Vincenz den Support im Verwaltungsrat zu geniessen. Die wichtigste Stütze für ihn ist Doris Russi Schurter. Die Luzerner Rechtsanwältin ist Vertreterin der Patria Stiftung, die 30 Prozent an Helvetia hält. Ein Wort von ihr würde reichen, und Vincenz müsste zurücktreten. Warum Russi Schurter noch an Vincenz festhält und ob sie nicht glaube, dass mit seinem Verbleib die Reputation des Instituts Schaden nehmen könnte, will sie nicht beantworten. «Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass die Patria Genossenschaft als Aktionärin von Helvetia zu diesen Fragen keine Stellung bezieht», schreibt sie in einer Stellungnahme.

Spätestens im Frühling muss Russi Schurter doch noch Stellung beziehen. Tritt Vincenz vorher nicht freiwillig zurück, muss er sich an der Generalversammlung vom 28. April zur Wiederwahl stellen. Wenn bis dann die Finma-Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist, bringt dies die Patria Stiftung in eine Zwickmühle. Mit ihrem Stimmengewicht entscheidet sie im Alleingang, ob Vincenz im Amt bleibt oder nicht.

Es gibt auch praktische Gründe, warum ein Ausharren von Vincenz auf dem Präsidentenstuhl ein Problem ist. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Helvetia-Verwaltungsrat scheint derzeit erschwert. Präsident Vincenz hockt in den Sitzungen Patrick Gisel gegenüber, dem Chef von Raiffeisen. Die beiden haben zwar jahrelang eng zusammengearbeitet, doch seit Bekanntwerden des Finma-Verfahrens hat sich das Verhältnis abgekühlt.

Hildebrand machte es vor

So war es letztlich Gisel, der bereits vor Monaten die Prüffirma Deloitte beauftragte, im Rahmen einer internen Untersuchung die Amtsgeschäfte von Vincenz zu durchleuchten. Diese Untersuchung war letztlich der Auslöser für das Enforcement-Verfahren der Finma. Aller Voraussicht nach dürfte Gisel nächstes Jahr aus dem Verwaltungsrat von Helvetia ausscheiden. Raiffeisen hat jüngst ihre Beteiligung verkauft.

Ebenfalls schwierig dürfte sich die Zusammenarbeit im Verwaltungsrat von Investnet gestalten. Die Raiffeisen-Tochter ist Ziel der Finma-Untersuchungen. Gleichzeitig ist Vincenz weiterhin Verwaltungsratspräsident der Beteiligungsgesellschaft. Dort sitzt er zwei Raiffeisen-Geschäftsleitungsmitgliedern gegenüber. Pikant ist: Raiffeisen kennt den Inhalt des Deloitte-Untersuchungsberichts. Pierin Vincenz dagegen hat keine Akteneinsicht und weiss nicht, was Raiffeisen über seine früheren Geschäfte weiss.

Vincenz lässt über einen Sprecher ausrichten, dass die Zusammenarbeit im Verwaltungsrat durch das Finma-Verfahren in «keiner Weise beeinträchtigt» ist. Zu einer möglichen Wiederwahl heisst es: «Ob er (Vincenz) wieder antritt, wird er wie vor jeder Generalversammlung rechtzeitig mit dem Verwaltungsrat diskutieren und entscheiden.» Raiffeisen teilt in einer Stellungnahme mit, die Bank habe «derzeit keinen Anlass, das Präsidium von Vincenz bei Investnet infrage zu stellen».

Dass Manager wie Vincenz sich an ihren Ämtern festhalten, ist verständlich. Dass es auch anders geht, hat zum Beispiel Philipp Hildebrand vorgemacht. Obwohl nichts von den Vorwürfen an ihm hängenblieb, trat er als Präsident der Nationalbank zurück. Angesichts «meiner Verantwortung für das Amt und für die Institution Schweizerische Nationalbank» habe er sich entschlossen, das Amt niederzulegen.