«Es gibt keinen Grund, neidisch zu werden», sagt Thomas Bauer, der oberste Schweizer GE-Personalvertreter, angesprochen auf den jüngsten Zwischenerfolg der deutschen Kollegen in der Kraftwerksparte von Siemens. Der Münchner Konzern hatte im November den Abbau von 6900 Stellen im Turbinen- und Generatorengeschäft angekündigt, die Hälfte davon in Deutschland. Diese Woche einigten sich die von der IG Metall unterstützten Angestellten auf ein Rahmenabkommen, unter dem die Verhandlungen über den Personalabbau in den nächsten Monaten stattfinden sollen.

Demnach will die Unternehmensleitung auf die ursprünglich angekündigte Schliessung von Standorten verzichten. Am Standort Görlitz, den das Management noch im November ganz aufgeben wollte, soll nun das neue Zentrum für den Dampfturbinenbau entstehen. Die Generatorenproduktion in Erfurt hätte nach den ersten Plänen der Siemens-Leitung verkauft werden sollen.

Jetzt liegt die erste Priorität bei der Restrukturierung. Die Siemens-Angestellten räumen zwar ein, dass es eine Notwendigkeit zur Restrukturierung des Kraftwerkgeschäftes gibt. Doch hinter dem Beharren auf der Weiterführung der Produktionsstandorte steht deren Überzeugung, dass sich diese Geschäft nie mehr zurückholen lassen, wenn sie einmal aus Deutschland verschwunden sind.

Kritische Grösse würde erreicht

«Ich bin froh für unsere deutschen Kollegen, dass sie im Kampf um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze ein erstes Zwischenziel erreichen konnten», sagt Bauer im Wissen, dass sich in solchen Abkommen bisweilen auch ein Pferdefuss versteckt. «Für uns sind die Verhandlungen bei Siemens ganz klar ein Anreiz, unseren eignen Kampf mit dem GE-Management fortzusetzen», sagt Bauer. Ab Montag könnten diesbezüglich nun die ersten Würfel fallen. Dann trifft sich der europäische Betriebsrat während dreier Tage, um über die Restrukturierungspläne des US-Konzerns in der Kraftwerksparte zu befinden.

Im November hatte GE den Abbau von weltweit 12'000 Stellen angekündigt. Davon sollen 4500 in Europa beziehungsweise 1400 in der Schweiz erfolgen. Ein derart radikaler Abbau wäre eine «Katastrophe», sagt Bauer – insbesondere auch für die Schweiz. Hier hatte GE schon vor gut zwei Jahren 900 Arbeitsplätze gestrichen.

Mit politischer und gewerkschaftlicher Unterstützung gelang es den Personalvertretern, den anfänglich geplanten Abbau von 1300 Stellen, um ein knappes Drittel einzudämmen. Doch mittlerweile beschäftige GE in der Schweiz nur noch rund 4500 Personen und ein weiterer Kahlschlag im geplanten Ausmass würde die Zukunft des Standortes Schweiz grundsätzlich infrage stellen, ist Bauer überzeugt.

Deshalb müsse in den Verhandlungen mit dem Management dies deutlich mehr herauskommen, als damals vor zwei Jahren. Allein in Baden, wo die Ingenieure und Planer sitzen, will GE nach den bisher bekannten Plänen 1100 Stellen streichen. In Oberentfelden ist der Abbau von 50 Stellen geplant und im Gasturbinenbau in Birr sollen 250 Stellen wegfallen. Für Bauer ist klar: Wenn diese Vorhaben so umgesetzt würden, falle das Kraftwerkgeschäft von GE in der Schweiz unter die kritische Grösse. Dann sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die endgültige Schliessung komme.

Bauer gibt sich kämpferisch und gar nicht pessimistisch. «Wir haben dem Management unsere Vorschläge im europäischen Prozess unterbreitet und werden ab Montag im europäischen Betriebsrat über deren Antworten befinden», sagt er ohne Einzelheiten zu enthüllen. Entlocken lässt sich Bauer immerhin so viel: «Wir haben positive Signale empfangen.» Auch für die Schweizer Kraftwerkbauer ist indessen klar, dass sie in Zukunft kleinere Brötchen backen müssen.

Die weltweite Produktion von Gasturbinen ist nach Branchenschätzungen auf jährlich 400 Einheiten ausgelegt. Nachgefragt werden derzeit aber lediglich rund 100 Einheiten im Jahr. Bei Siemens ist das Ergebnis der Kraftwerk- sparte im vergangenen Quartal um 74 Prozent eingebrochen. Bei GE ging das Quartalsergebnis in der Power-Sparte um 38 Prozent zurück.