Naturpflege

Schafe statt Rasenmäher: Ins Gras beissen für einen Franken

Im August ist es auch in Payerne VD so weit: Schafe «mähen» das Gras unter Solarmodulen.

Im August ist es auch in Payerne VD so weit: Schafe «mähen» das Gras unter Solarmodulen.

Es ist der neuste Schrei in Sachen Naturschutz: Bio-Rasenmäher. Nein, nicht mit Solar betrieben. Es sind Schafe. Nach den SBB setzen auch andere Unternehmen Schafe als Rasenmäher ein.

Die bekanntesten «Bio-Rasenmäher» der Schweiz gehören Michael Dieterle aus Bubendorf BL. Der Inhaber des Betriebs «Naturpflege» vermietet in der ganzen Nordwestschweiz gefährdete Nutztierrassen für die Grün- und Landschaftspflege.

Darunter sind auch Schafe der über 1000 Jahre alten Rasse Skudde, die von der Stiftung Pro Specie Rara unterstützt wird. Die SBB setzen sie ein. Ebenso Gemeinden, Kantone oder Privatpersonen. Aber nicht, um deren Milch oder Wolle zu verwerten, sondern um Grasflächen zu pflegen.

#sbbmääh: Die SBB pflegt rund 2700 Hektaren Böschungen entlang des Bahnnetzes. Neu helfen auch die SBB Schafe bei dieser Aufgabe mit.

#sbbmääh: Die SBB pflegt rund 2700 Hektaren Böschungen entlang des Bahnnetzes. Neu helfen auch die SBB Schafe bei dieser Aufgabe mit.

Gefährdete Rassen grasen ab

Obwohl die «SBB-Schafe» nach einem Bericht in der Zeitung «20 Minuten» inzwischen sogar in den USA für Schlagzeilen gesorgt haben, bleibt der Einsatz von vierbeinigen Rasenmähern in der Schweiz auf einem bescheidenen Niveau.

Das könnte sich nun bald ändern: Im August wird die grösste Schweizer Freiflächen-Solaranlage in der waadtländischen Stadt Payerne ans Stromnetz gehängt. Weil die Photovoltaikmodule auf einer erhöhten Metallstruktur installiert sind, können auf dem darunterliegenden Grundstück Schafe weiden – mit anderen Worten: das Gras «mähen».

Laut Jean-Michel Bovin, Direktor der Energiefirma Group E Greenwatt, sollen rund 40 Schafe auf der 60 000 Quadratmeter grossen Solaranlage Platz finden. Genau wie für die SBB werden auch für die Energiefirma Skudde-Schafe die Flächen abgrasen.

Zum Zug kommen zudem andere gefährdete Rassen wie Walliser Schwarznasenschafe, Spiegel- und Suffolk-Schafe. Auftragsnehmer sind zwei Züchter aus der Region, die ihre Tiere – ausser im Winter – auf dem Grün der Solaranlage halten werden.

Ähnlich ist es bei den SBB. Den allergrössten Teil ihrer 2700 Hektaren Böschungen bearbeitet die Eisenbahngesellschaft maschinell. Wo es wirtschaftlich Sinn macht, setzt sie jedoch nach Möglichkeit die Schafe ein.

Abfrass fördert Biodiversität

Der Preis variiert zwischen 10 Rappen bis einen Franken pro Quadratmeter — je nachdem wie zugänglich und beschaffen die Fläche ist. Gärtnern gegenüber sei man absolut konkurrenzfähig, sagt Schäfer Michael Dieterle. «Kommen aber grosse Mähmaschinen, dann können wir preislich kaum mehr mithalten.»

Zum Vergleich: Rasenmähen mit einer Maschine kostet zehn bis fünfzehn Rappen pro Quadratmeter. Der Markt zahle den Mehrwert für die Naturpflege nicht, sagt jedoch der Besitzer der SBB-Schafe: Der Boden wird dank den Tieren geschont und die Biodiversität durch unregelmässigen Abfrass gefördert. Überdies bleiben die bedrohten Nutztiere erhalten.

Die Schafe feiern dank pfiffigen Unternehmern ein Revival: Bereits früher wurden Bauern beauftragt, um beispielsweise Bahnböschungen von Vierbeinern abgrasen zu lassen. Schäfer wie der Bubendorfer Michael Dieterle versuchen nun, diese alte Tradition der Wander-Schäferei auch in die Städte zu bringen: «Das Potenzial ist vorhanden», sagt er.

1000 Schafe sind im Einsatz

Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass die Methode nachhaltig ist: Seit einigen Jahren pflegen Schafe das Grün der Anlagen von Energiegenossenschaften und Solarparkbetreibern. Für Capital Stage, dem grössten Solarparketreiber Deutschlands, sind von Frühjahr bis Ende Herbst rund 1000 Schafe im Einsatz, darunter Suffolk-Rassen. Auch für das tierische Wohl ist gesorgt: Rinnen an Solarmodulen sammeln Regenwasser, von dem die wolligen Vierbeiner trinken können.

Mit der «Mäharbeit» sei man sehr zufrieden, sagt der Sprecher von Capital Stage, Till Giessmann. Dank den Vierbeinern würden sich die Böden besser erholen. Zudem sei es
für das Unternehmen billiger, das Grün mit Schafen zu pflegen.

Denn die 18 Solarparks, die Capital Stage betreibt, sind in ganz Deutschland verteilt. Es mache daher wenig Sinn, Mähmaschinen quer durchs Land zu transportieren, sagt Giessmann. Stattdessen trete der Solarparkbetreiber – genau wie Greenwatt in Payerne – jeweils mit Schäfern aus der Umgebung in Kontakt.

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