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SBB verschrotten relativ moderne Züge und haben kaum Reserve

Industriewerk Yverdon: Abbruch eines 18-jährigen Triebwagens, der 40 Jahre Dienst leisten könnte.Y. Dreyer

Industriewerk Yverdon: Abbruch eines 18-jährigen Triebwagens, der 40 Jahre Dienst leisten könnte.Y. Dreyer

Trotz «sehr geringer» Rollmaterialreserven verschrotten die Bundesbahnen relativ moderne Züge. Bahnexperten kritisieren das Vorgehen und werfen den SBB vor, die Zuverlässigkeit dem Gewinn unterzuordnen.

Die SBB haben immer geringere Rollmaterialreserven. Im Durchschnitt würden diese nur noch sieben Prozent betragen, berichtet die «Schweizer Eisenbahn-Revue» (SER) in ihrer aktuellen Ausgabe. Das sei «sehr wenig» und führe dazu, dass der kurzfristige Einsatz einiger zusätzlicher Fahrzeuge nur noch durch die gezielte Steuerung der Instandhaltungsarbeiten möglich sei, so die Fachzeitschrift.

Weitere Reserven für (unerwarteten) Mehrbedarf gebe es nicht mehr. Ende der 1990er-Jahre sah das noch ganz anders aus: «Vor der Bahnreform war eine Rollmaterial-Reserve von 25 Prozent üblich», sagt SER-Chefredaktor Walter von Andrian der «Nordwestschweiz». Die Hälfte davon sei für betriebliche Ausnahmesituationen, die andere Hälfte für technische Störungen und Unterhalt gedacht gewesen. «Diese Reserven waren übertrieben, jetzt drehen die SBB aber immer stärker ins andere Extrem», so von Andrian.

Die SBB geben gegenüber der «Nordwestschweiz» zu, dass eine Reserve von sieben Prozent «sehr gering» sei. Als Begründung gibt Sprecher Christian Ginsig an, dass das Unternehmen den Rollmaterialeinsatz auch nach betriebswirtschaftlichen Überlegungen plane und hochwertige Wagen nicht unnötig in Rangiergleisen herumstehen lasse. Die SBB bestreiten jedoch, dass die Reserven für einen Mehrbedarf nicht reichen würden. «Diese Aussage ist falsch. Wir decken auch Grossveranstaltungen ab», so Ginsig. Zudem sei die moderne Flotte im Durchschnitt lediglich zu 92 Prozent verplant, nicht zu 93 Prozent.

Frühes Ende für 18-jährige Züge

Ob nun 92 oder 93 Prozent – Bahnexperte von Andrian kritisiert, dass die SBB trotz dieser knappen Situation relativ modernes Rollmaterial ausrangierten. So geschehen im Industriewerk Yverdon mit zwei Triebwagen des Typs RBDe 561 (siehe Bild): «Die von den SBB verschrotteten Fahrzeuge hätten noch viele Jahre gute Dienste leisten können», so von Andrian. Die Triebwagen seien erst 18 Jahre alt gewesen, die normale Lebensdauer betrage 40 Jahre. Nur schon, bis die Fahrzeuge abgeschrieben seien, dauere es mehr als 30 Jahre. Jedes der verschrotteten Fahrzeuge habe einen Marktwert von mehr als einer Million Franken gehabt.

Der Grund für die Verschrottung ist für von Andrian klar: «Die Fahrzeuge sind bei den SBB unbeliebt.» Ursprünglich wurden die vier Triebwagen von der Mittelthurgaubahn aus einer Serie für die SBB mit Zusatzausrüstungen für den Verkehr nach Deutschland beschafft. «Diese marginalen Unterschiede zum Rest der Flotte hätte man mit bescheidenem Aufwand ausmerzen können», sagt von Andrian.

Kritik geht über Rollmaterial hinaus

Die SBB sagen zum Vorwurf der verfrühten Verschrottung: «Das ist die persönliche Meinung der ‹Schweizer Eisenbahn-Revue›.» Richtig sei aber, dass man eine klare Flottenstrategie verfolge, bei welcher man möglichst auf kleine und unterhaltsintensive Einzelfahrzeuge verzichte. «Dieser Umstand ist bekannt und entspricht der bereits mehrfach kommunizierten Strategie, die Flotte zu vereinheitlichen», so Ginsig.

Von Andrians Kritik beschränkt sich indes nicht nur auf die Rollmaterialreserven: «Die SBB gehen mit allen Ressourcen an die Grenzen.» Es gehe nur noch darum, möglichst gewinnbringend zu wirtschaften. Welche Auswirkungen dies auf den Verkehr habe, sei zweitrangig. «Die Verfügbarkeit und die Zuverlässigkeit für die Reisenden sind kein Thema mehr», so der Bahnfachmann.

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