Die SBB wollen kleinen Händlern Auftrieb verleihen. Im Frühjahr 2019 lancieren die Bundesbahnen im Zürcher Hauptbahnhof das neue Projekt «Smart Emma» in Anlehnung an die alten Tante-Emma-Geschäfte, die dem Strukturwandel zum Opfer gefallen sind. Dabei sollen lokale Anbieter mit ihren Produkten eine temporäre Chance erhalten, um sich etablieren zu können. Die Pop-up-Filialen können laut SBB-Sprecher Reto Schärli «wöchentlich, vielleicht aber auch täglich oder je nach Tageszeit» wechseln. Das Spezielle: Wer zum Zug kommt, entscheiden die Kunden per Online-Abstimmung.

Die Verkaufsflächen in den Bahnhöfen sind heiss begehrt. Denn der gesamte Detailhandelsmarkt entwickelt sich negativ. In den letzten sieben Jahren sind laut dem Marktforscher Gfk über 6000 Läden verschwunden. Die Bahnhofshops hingegen konnten ihre Umsätze – an denen die SBB gewöhnlich beteiligt sind – von 1,48 auf 1,63 Milliarden Franken steigern. Die wachsenden Pendlerströme, der Ausbau der Shoppingfläche und die liberalen Öffnungszeiten sorgen für ein brummendes Geschäft.

Die SBB haben ihre rund 800 Bahnhöfe zu Konsumtempeln entwickelt, mit 243 Kiosk- und 148 Convenience-Läden. Vor allem aber sind die Bahnhöfe längst mehr als nur Teil der Verkehrsinfrastruktur geworden. Oft sind sie der Dreh- und Angelpunkt einer Stadt.

Das Rennen ist eröffnet

Laut Geschäftsbericht sind im letzten Jahr die Mieterträge auf 480 Millionen Franken gestiegen. Die stete Herausforderung aus SBB-Sicht: Als Bundesbetrieb müssen sie möglichst alle Mieter- und Kunden-Ansprüche erfüllen und gleichzeitig profitabel wirtschaften. Besonders jetzt sind die Ansprüche gross. Denn die SBB gaben vor drei Wochen bekannt, dass sie per 2021 diverse Flächen neu ausschreiben. Viele Händler werden ins Rennen steigen. Nur: Für so manche Branchenvertreter sind die Bedingungen unfair. So auch für FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. Als Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes steht er 300'000 Unternehmen vor. Kürzlich hat Bigler beim Verkehrsdepartement (Uvek) eine Interpellation eingereicht. Er fragt an die Adresse der Uvek-Chefin Doris Leuthard: «Nehmen die SBB in der Vermietung von Retail-Flächen ihre Verantwortung wahr?»

«Reine Gewinnmaximierung»

Bigler stört sich daran, dass die SBB an den Bahnhöfen Verkaufsflächen vermieten, «die sie ursprünglich für die Bereitstellung von Verkehrsdienstleistungen erhalten haben.» Dass die SBB am Verkauf von Sandwiches, Brezeln und Kaffee kräftig mitverdienen, schmeckt ihm nicht. Die Bundesbahnen würden «reine Gewinnmaximierung» betreiben und von «Marktverzerrungen profitieren». In der Branche gälten die SBB-Mieten als exorbitant und würden auf unrealistischen Umsatzerwartungen basieren. Das führe dazu, dass sich fast nur Grossverteiler und internationale Ketten darum bewerben könnten, sagt Bigler. «Lokale KMU und kleinere Detailhändler bleiben ganz auf der Strecke oder müssen schon nach kurzer Zeit Standorte aufgeben.»

Gordon Tommasi ist so ein kleiner Händler. Der Zürcher ist Inhaber der Firma «Waffelkönig». An Food-Festivals verkauft er mit seinem Verkaufswagen süsse Waffeln. «Ich habe mich schon mehrmals für einen Shop in einem Bahnhof interessiert, musste aber jedes Mal einsehen, dass es für mich ein Ding der Unmöglichkeit ist.» Die Miete sei schlicht zu hoch. Komme hinzu, dass die besten Flächen jeweils an die üblichen Verdächtigen Migros, Coop und Valora gingen. «Das hat man ja zuletzt in Oerlikon gesehen.»

Der Bahnhof Oerlikon ist eine der grössten SBB-Umbauten in jüngster Zeit. 2016 wurde er nach mehrjährigen Bauarbeiten neu eröffnet – angereichert mit massiv mehr Shops. Von den 28 Geschäften ging die Hälfte an die drei Grossen: Valora mit drei Kiosk-, zwei «Brezelkönig»- und zwei «Caffè Spettacolo»-Filialen, Coop mit einer «Pronto»-, einer «To go»-, einer «Marché»- und einer «Import Parfümerie»-Filiale sowie die Migros mit zwei «Hug»-Bäckereien und einem «Bio Take-away».

«Immer der gleiche Mix», war nach der Eröffnung denn auch vielfach zu hören. Tatsächlich spiegelt die starke Präsenz von Migros, Coop und Valora in den Bahnhöfen oftmals ihre tatsächliche Marktgrösse. Und für die SBB ist es logistisch einfacher, wenige grosse statt viele kleine Partner zu haben. Im Fall Oerlikon dürften die SBB die Monokultur aber zu weit getrieben haben. Denn in den vergangenen Tagen wurden gleich drei Filialen geschlossen: Coops Marché, Migros’ Bio-Take-away und Valoras Caffé Spettacolo.

Höhere Miete an Bahnhofstrasse

Seinem Ärger Luft gemacht hat zuletzt Mark Ineichen, Inhaber und Chef der Discounter-Kette Ottos. Noch deutlicher als Gewerbeverbandschef Bigler kritisierte Ineichen die Vermietungspraxis der SBB gegenüber dieser Zeitung: «Das ist Raubrittertum, was die SBB da betreiben. Ihre Mieten sind exorbitant.» Die Bundesbahnen würden ihre Stellung ausnutzen, da sie sich in den Bahnhöfen nicht an die restriktiveren Ladenöffnungszeiten halten müssen, die für andere Händler gelten. «Das ist eine Frechheit gegenüber allen Gewerblern.»

Anders sieht es Stefan Müller, Inhaber der Spirituosen-Kette «Drinks of the World», die an acht grossen Bahnhöfen eingemietet ist: «Wir sind mit den Konditionen zufrieden, die Umsatzmiete war in den letzten zehn Jahren stabil.» Natürlich seien die Preise hoch, aber dafür seien die Kundenfrequenzen gut. Das sei in anderen Shoppingcentern anders. «Und an der Zürcher Bahnhofstrasse würden wir wahrscheinlich bis zu drei Mal mehr Miete bezahlen.» Für Müller stimmt zudem der Mietermix, den die SBB sehr professionell bewirtschaften würden. «Das erwarte ich von den SBB als Steuerzahler auch.»

Die SBB weisen die Kritik aus dem Gewerbe zurück. Wie viel der gesamten Mietfläche von Migros, Coop und Valora belegt ist, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli nicht. Angaben zum durchschnittlichen Mietpreis werden nicht kommuniziert. Den Vorwurf der zu hohen Mietpreise lässt Schärli dennoch nicht gelten. Diese seien marktgerecht. Von einem eintönigen Mietermix könne auch keine Rede sein: «Gerade in kleineren und mittleren Bahnhöfen sind zahlreiche kleinere Firmen eingemietet.» Viele solcher lokalen Händler seien seit vielen Jahren an den grossen Bahnhöfen präsent. Zudem erfüllten die SBB letztlich einen Auftrag des Bundes: «Der Bundesrat erwartet, dass die SBB die Bahnhöfe als kundenfreundliche Dienstleistungszentren betreibt und nachfrageorientiert ausbaut.»