Industrie

«Sanieren oder verkaufen»: Das sind die harten Methoden des neuen ABB-Chefs

Blick in eine ABB-Werkstatt in Turgi AG.

Blick in eine ABB-Werkstatt in Turgi AG.

Björn Rosengren gibt auf einer Videokonferenz erstmals Einblick in seine strategischen Pläne. Sein «unsentimentaler» Managementstil lässt weitere Veränderungen erwarten.

Björn Rosengren bezeichnet sich selbst mindestens in geschäftlichen Dingen gern als «unsentimental». Er weiss, dass er damit bei vielen Investoren gut ankommt. Am heutigen Mittwochnachmittag, hundert Tage nach seinem Antritt als CEO von ABB, gab der 60-jährige Schwede in einer Videokonferenz eine erste öffentliche Kostprobe seines Managementstils.

«Das Portfoliomanagement wird künftig eine noch grössere Rolle spielen», versprach er seinem Publikum, das primär aus Finanzanalysten bestand. «Wir werden nicht davor zurückschrecken, Divisionen zu sanieren, zu veräussern oder auszubauen», versicherte der Manager.

Unter «Divisionen» versteht Rosenberg die 18 operativen Einheiten innerhalb der vier Konzernbereiche Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik sowie Robotik und Fertigungstechnik. Der Skandinavier will die Verantwortung für den Geschäftserfolg noch deutlich stärker dezentralisieren, als dies schon sein deutscher Vorgänger Ulrich Spiesshofer im Dezember 2018 an die Hand genommen hatte.

Der neue «ABB Way»: Mehr Autonomie, mehr Leistungskontrollen

Zu diesem Zweck hat Rosengren unter dem Namen «ABB Way» ein neues Betriebsmodell geschaffen, unter dem der schwedisch-schweizerische Elektrotechnikkonzern die Zahl der in zentralen Konzernfunktionen tätigen Mitarbeiter von 18'000 im Jahr 2019 auf weniger als 1'000 reduzieren will. Die Mehrheit der zu dezentralisierenden Mitarbeiter soll in die Geschäftsbereiche transferiert werden.

Diese erhalten zwar mehr Autonomie, müssen sich aber auch strengeren Leistungskontrollen unterwerfen. «Wir stärken unser Leistungsmanagement durch ein neues Punktesystem, das auf sehr transparenten und standardisierten Leistungskennzahlen basiert», erklärte Rosengren. Dazu gehören zirka 15 Leistungskennzahlen wie Bestellungseingang, Umsatz, Gewinnmargen, Investitionen, Kapitalkosten oder auch der Personalbestand. Finanzchef Timo Ihamuotila bezeichnete die Scorecard als ein «mächtiges» Führungsinstrument, weil es absolute Eindeutigkeit im internen Leistungsvergleich erzeuge.

«Fix or Exit»

Bleibt eine Division hinter den gesetzten Leistungszielen zurück, will der CEO nicht lange fackeln. Ist das Problem selbstverschuldet oder liegt es am Markt? Auf die Diagnose folgt die therapeutische Antwort: «Fix or Exit» – sanieren oder verkaufen.

Das neue System zur Leistungsmessung soll im 3. Quartal eingeführt werden. Es ersetzt den bisherigen Budgetprozess durch eine rollende Planung in einem Horizont von 15 Monaten. Nach dem im Dezember 2018 beschlossenen Verkauf der traditionsreichen Stromnetzsparte an die japanische Hitachi steht den verbleibenden rund 110'000 ABB-Angestellten eine neue Zeit von grösseren Veränderungen bevor.

Entscheide über Desinvestitionen dürften schon bald fallen

Konkrete Angaben zu möglichen Desinvestitionen machte Rosengren auch in der auf die Präsentation folgenden Fragerunde keine. Er verwies auf den für November terminierten Kapitalmarkttag, auf dem er vertieft auf die Umsetzung der operationellen Strategie eingehen werde. Entscheidungen dürften freilich schon bald fallen, denn der Verwaltungsrat müsse diese auf seiner Sitzung im September absegnen, sagte Rosengren.

Grössere Akquisitionen stehen für Rosengren nicht mehr auf der Agenda. Unternehmen müssten zuerst Stabilität und eine ausreichende Profitabilität erreichen, bis sie das Wachstums forcieren könnten. Sonst drohe eine Wertvernichtung. ABB ist als Konzern nicht auf dem von Rosengren anvisierten Leistungsniveau angelangt. 2019 schöpfte der Konzern aus einem Umsatz von 28,6 Milliarden Dollar eine operationelle Marge von 11,1 Prozent. Rosengren will einen Wert von mindestens 15 Prozent.

Der Erlös aus dem bis Mitte Jahr abzuschliessenden Verkauf der Stromübertragungssparte an Hitachi im Umfang von gegen 8 Milliarden Dollar will Rosengren weiterhin an die Aktionäre ausschütten. «Dazu haben wir uns verpflichtet», sagte er. Doch die Ausschüttung müsse auf eine verantwortungsvolle Weise erfolgen. Das Kreditrating dürfe sich nicht verschlechtern. Moody’s hatte das ABB-Rating im April auf A3 gesenkt, womit die ABB-Anleihen immer noch als sichere Anlagen gelten, solange keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten.

Autor

Daniel Zulauf

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