Salär-Streit
Eklat in Genf: Swiss will neuen Mindestlohn nicht bezahlen – nun wendet sich die Crew ans Arbeitsinspektorat

Der Westschweizer Kanton sagte vergangenen Herbst Ja zum weltweit höchsten Mindestlohn. Davon sollten eigentlich auch die Flight Attendants der Swiss profitieren.

Benjamin Weinmann
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Beim Swiss-Kabinenpersonal droht wegen des neuen Mindestlohngesetzes in Genf eine Zweiklassengesellschaft.

Beim Swiss-Kabinenpersonal droht wegen des neuen Mindestlohngesetzes in Genf eine Zweiklassengesellschaft.

Christian Beutler / Keystone

Es mutet bizarr an: Während die Swiss diese Woche den Abbau von insgesamt 1700 Vollzeitstellen bekanntgegeben hat, befindet sie sich gleichzeitig in einem Streit um höhere Löhne. Und zwar geht es um das Kabinenpersonal in Genf. Dieses sollte seit November besser entlöhnt werden. Denn das Genfer Stimmvolk sagte vergangenen Herbst Ja zu einem Mindestlohn von rund 4000 Franken. Flight Attendants der Swiss verdienen beim Eintritt hingegen nur 3400 Franken.

Doch bisher machte die Swiss keine Anstalten, das neue Gesetz zu befolgen (CH Media berichtete). Die Kapers, die Gewerkschaft des Kabinenpersonals, hat nach mehreren Gesprächen die Geduld verloren: «Weil die Swiss den neuen Mindestlohn trotz Gesetz in Genf nicht bezahlt, werden wir uns nun an das kantonale Arbeitsinspektorat wenden», sagt Kapers-Präsidentin Sandrine Nikolic-Fuss auf Anfrage.

Es droht eine Zweiklassengesellschaft

Die Swiss zählt aktuell rund 200 Flight Attendants in der Rhone-Stadt – gegenüber rund 4000 am Hub in Zürich. Insofern wäre das Ausmass der Lohnerhöhung in Genf überschaubar. Doch Swiss-Chef Dieter Vranckx steckt in der Zwickmühle: Wenn er die Saläre der Westschweizer Angestellten erhöht, werden auch die Flight Attendants in Zürich ihre Ansprüche geltend machen. Das käme teuer. Wenn er auf die Zürcher Begehren aber nicht eingeht, droht intern eine Zweiklassengesellschaft – mit Besserverdienenden in Genf, und Schlechterverdienenden in Zürich.

Kommt hinzu: In Genf verdienen zahlreiche Angestellte des Kabinenpersonals derzeit sogar bloss 3100 Franken - rund 5 Prozent weniger als üblich, wie die «Tribune de Genève» kürzlich berichtete. Grund dafür sind die Sparmassnahmen der Swiss, die auch Lohneinbussen zur Folge haben. Bis im April sind Angestellte mit einem Lohn von weniger als 4000 Franken davon verschont worden, nun jedoch nicht mehr. Auf Anfrage der Zeitung gibt sich die Swiss zum Thema und zur Frage, ob man das Gesetz missachte, schweigsam. Man sei noch immer in Gesprächen mit den Sozialpartnern und habe noch keinen Entscheid getroffen, lässt die Airline verlauten.

Auch «BBC» und «CNN» berichteten darüber

In Genf würden laut Kapers-Präsidentin Nikolic-Fuss rund 80 Prozent der Angestellten von der Anpassung an den neuen Mindestlohn profitieren. Die Annahme dessen sorgte bei der Abstimmung vergangenen September auch international für grosses Aufruhr. Denn mit 23 Franken pro Stunde ist es der höchste Mindestlohn weltweit, so dass auch Medien wie «CNN» und «BBC» darüber berichteten. Der Kanton ging bei der Abstimmung davon aus, dass rund 30'000 Bürgerinnen und Bürger davon betroffen sind.

In den Städten Zürich, Winterthur und Kloten hat Kapers derweil zusammen mit anderen Gewerkschaften drei kommunale Volksinitiativen für einen Mindestlohn von 23 Franken eingereicht. Inwiefern kommunale Mindestlohnvorschriften möglich sind, ist allerdings unklar.