Shoppingtour
Ryanair will Gratisflüge anbieten - ist ihr Chef Michael O'Leary verrückt geworden?

Michael O’Leary, Chef der irischen Billigairline Ryanair, will mittelfristig kostenlose Flüge anbieten. Die Einnahmen sollen über Shopping am Flughafen generiert werden. Geht das überhaupt?

Adrian Lobe
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Ryan-Air-Chef Michael O'Leary denkt über eine revolutionäre Idee nach: Gratisflüge.

Ryan-Air-Chef Michael O'Leary denkt über eine revolutionäre Idee nach: Gratisflüge.

KEYSTONE/EPA/HANNAH MCKAY

Kaum eine Dienstleistung hat sich in den vergangenen Jahren so verbilligt wie das Fliegen. Zwischen 1965 und 2000 sind die Ticketpreise in den USA um 50 Prozent gefallen. War Fliegen in den 1950er Jahren noch ein Privileg der Oberschicht, sind Flugzeuge heute ein Transportmittel für jedermann. Möglich machten diese Demokratisierung des Reisens nicht zuletzt Billigfluggesellschaften wie Ryanair und EasyJet, die mit Dumping-Preisen den Markt aufmischten. Ein Flug mit Ryanair kostet im Durchschnitt umgerechnet 46 Euro. Ryanair warb in den USA mit einem Seitenhieb auf Hillary Clintons niedrige Umfragewerte mit dem Spruch: «Das einzige, was niedriger ist als unsere Preise? Hillarys Chancen in Alabama.»

Der Flug als Shopping-Mall

Preisbrecher wie Ryanair sind etablierten Carriern wie Lufthansa oder AirFrance ein Dorn im Auge, nicht nur wegen den Rabatten auf die Flughafengebühr, sondern auch wegen der Personalpolitik – viele Piloten arbeiten als Scheinselbständige.

Doch nun will Ryanair-Chef Michael O’Leary weiter an der Preisspirale drehen. Sein Ziel: Kostenlose Flüge. «Ich habe die Vision, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Tarife bei Ryanair umsonst sind», sagte er im November vergangenen Jahres. «In diesem Fall werden die Flüge ausgebucht sein, und wir werden unser Geld damit verdienen, die Flughafeneinnahmen (...) zu teilen und einen Anteil an den Shopping- und Einzelhandelserlösen bekommen.» Die Rechnung, die O’Leary aufstellt, sieht vereinfacht so aus: Ryanair drückt die Flughafengebühren und Steuern auf ein Minimum und versucht die Kosten über Bordverpflegung und Zusatzleistungen wie Gepäckaufgabe und Sitzplatzauswahl reinzuholen.

«An vielen Flughäfen zahle ich schon 20 Pfund an Passagierabgaben und Gebühren», sagte O’Leary. «Wenn ich das zurückstutze, warum nicht? Ich verkaufe Sitze zu 4 Pfund und zahle 13 Pfund Luftverkehrsabgabe drauf. Ich zahle, damit Sie mit mir fliegen können.»
Aber ist das realistisch? Werden Ryanair-Flüge bald kostenlos sein? Wird Fliegen zu einem Konsumerlebnis wie in Shopping-Malls, wo man keinen Eintritt zahlt und die Einnahmen über den Verkauf von Waren generiert werden?

George Hoffer ist emeritierter Professor für Transportökonomie an der University of Richmond und hat die Preisstrategie von Ryanair studiert. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er: «O’Leary hat im Grunde das vorgeschlagen, was Ökonomen ein «tie-in-sale» nennen. Bei diesen Kopplungsverkäufen gibt es ein Hauptprodukt, in diesem Fall das Fliegen, und Nebenprodukte wie Gepäckkosten, Parkgebühren, Essen und so weiter.» Klassische Kopplungsverkäufe sind zum Beispiel Nassrasierer oder Drucker, wo die Klingen respektive Druckerpatronen separat gekauft werden müssen.

«Die Flughäfen subventionieren Ryanair schon dermassen, dass die Billigfluglinie faktisch Tickets zum Nulltarif anbietet und die Kosten über Zusatzgebühren reinholt», so Hoffer. «Der Punkt ist, dass Flughäfen Parkgebühren, Pacht für Geschäfte und Preise in Cafés erhöhen müssen, um die Flughafengebühren weiter senken zu können.»

Das Geschäftsmodell ist auf Kante genäht. Die Manchester Airports Group, der Eigner des Flughafens London Stansted, wo 80 Prozent der Passagiere mit Ryanair fliegen, hat einen Zehnjahresvertrag mit der irischen Billigfluglinie geschlossen, nachdem sie 2013 den Flughafen für 1,5 Milliarden Pfund gekauft hatte.

Die Grenzen der Unterbietung

Obwohl die Zahl der Passagiere in Stansted 2016 um 11 Prozent auf 23,1 Millionen stieg, schrumpften die Einnahmen von 148 Millionen Pfund auf 141 Millionen Pfund. Pro Passagier kalkuliert die Betreibergesellschaft mit 5,7 Pfund Ausgaben (inkl. Parken). Keine hohe Margen, doch die Menge macht’s. Ryanair erwartet bis 2024 ein Wachstum auf 200 Millionen Passagiere. Und die sollen nicht nur fliegen, sondern auch shoppen. Aber rentiert sich das?

«Generell gibt es kein «free lunch», sagt Transportökonom Hoffer. «Irgendjemand muss bezahlen.» Entweder der Steuerzahler durch die Subventionierung von Regionalflughäfen oder weniger preisorientierte Kunden. Auch Rob Britton, Professor an der McDonough School of Business und Gastdozent an der HSG St. Gallen, hat Zweifel an der Strategie. «Michael O’Leary ist ein guter Manager, aber auch ein Show-Mensch, der gerne übertreibt», teilt er auf Anfrage mit. «Ryanair hat ein robustes Geschäftsmodell aufgebaut, was dazu beitrug, die Ticketpreise zu drücken. Aber es bedürfte einiger Dienstleistungen mehr, um sie auf Null zu fahren.» Dem Unterbietungswettbewerb der Billigflieger seien Grenzen gesetzt.