Im Geschäftsleben geht es oft schnell. Im März betonte Sulzer-Chef Greg Poux- Guillaume noch, wie die Industriefirma von Viktor Vekselberg profitiere. Der russische Milliardär sei etwa eine grosse Hilfe im Umgang mit der Bürokratie in Russland, immerhin der drittgrösste Energiemarkt. Einige Wochen später muss Sulzer sich nun schleunigst von Vekselberg distanzieren.

Vekselberg und seine Renova-Holding stehen auf der Sanktionsliste, die die USA am Freitag veröffentlichten. Insgesamt finden sich dort sieben russische «Oligarchen» und deren Unternehmen. Sie würden von einem «korrupten System» profitieren, so der US-Finanzminister Steven Mnuchin. Künftig würden sie nicht mehr geschützt sein vor den Folgen der destabilisierenden Tätigkeiten ihrer Regierung, wie die Untergrabung westlicher Demokratien.

Bei ihren Sanktionen wenden die Amerikaner eine «50-Prozent-Regel» an: Jedes Unternehmen, das zu mindestens 50 Prozent einer sanktionierten Person gehört, wird selber wie eine sanktionierte Person behandelt. Ob das Eigentum direkt oder indirekt ist, macht keinen Unterschied. Sulzer gehörte bis diese Woche zu 63 Prozent der Renova-Holding, die von Vekselberg kontrolliert wird.

Am Wochenende wurde darum am Sulzer-Sitz in Winterthur in aller Eile ein Manöver ausgeheckt. Sulzer wird diese Woche fünf Millionen Sulzer-Aktien von Renova übernehmen, um die Titel via Börse auf andere Eigentümer zu verteilen. Vekselbergs Anteil sinkt damit auf 48,8 Prozent. Das Geld, um Vekselberg die Aktien abzukaufen, muss Sulzer vorläufig nicht überweisen, wie ein Sprecher sagte. Der Deal kann erst vollzogen werden, wenn Vekselberg nicht mehr auf der US-Sanktionsliste steht. Damit stünde Sulzer, wenigstens formal, nicht mehr direkt im Einflussbereich der US-Sanktionen.

Dieses Manöver verkündete der Konzern in aller Frühe am Montagmorgen, wohl mit Blick auf die Börse. Die Investoren liessen sich dennoch nicht besänftigen. Die Sulzer-Aktien reagierten heftig auf die anstehende Aktienplatzierung. Die Titel verloren am Montag mehr als14,5 Prozent seines Wertes.

In einer Mitteilung schreibt Sulzer, man wolle mit dem Manöver «Störungen von Sulzers Geschäftsaktivitäten minimieren». Die Vereinbarung zwischen Sulzer und Renova ist verbindlich. Die vier Vekselberg-Vertreter im insgesamt achtköpfigen Sulzer-Verwaltungsrat waren beim Entscheid in den Ausstand getreten. Sulzer zeigt sich überzeugt, dass auf diese Weise jegliche Zweifel an Sulzers Unabhängigkeit ausgeräumt seien.

Die Sanktionen sind hart. Direkt sanktionierte Firmen dürfen in den USA keine neuen Bestellungen entgegennehmen. Den Banken sind Dollar-Transaktionen mit solchen Firmen untersagt. Diese Gefahr dürfte Sulzer vorerst abgewendet haben. Doch die Frage bleibt, inwiefern Kunden und Banken das Risiko auf sich nehmen wollen, mit Sulzer weiter zu geschäften.

Nicht vollständig ausschliessen lässt sich folgendes Szenario: Die US-Behörden könnten Geschäftspartner von Sulzer zu einem späteren Zeitpunkt der Zuwiderhandlung gegen Sanktionsbestimmungen anklagen – trotz Vekselbergs Teilrückzug. «Die Situation ist für alle sehr schwierig einzuschätzen. Letztlich muss jeder seine eigene Risikoeinschätzung vornehmen», sagt Urs Bigger, ein Spezialist für Compliance-Fragen im Bankensektor.

Der Umstand, dass Sanktionen heutzutage zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt würden, mache den praktischen Umgang mit ihnen besonders schwierig, meint Bigger. Sulzer liess sich nach Auskunft eines Firmensprechers bei dem angekündigten Vorgehen von US-Anwälten beraten.

Was macht die EU?

Der Industriekonzern Oerlikon mit Sitz in Pfäffikon bei Zürich steht zu rund 43 Prozent im Besitz von Renova bzw. von Vekselberg. Am Montag teilte Oerlikon mit, es gelte nicht als sanktioniertes Unternehmen, da die Beteiligung von Vekselberg unter 50 Prozent liege. Doch auch Oerlikon bleibt exponiert, da viel von der Einschätzung der Banken und der Kunden abhängt. Oerlikon-Präsident Michael Süss ist Direktor von Vekselbergs Renova Management. Die Oerlikon-Titel notierten zeitweise fast 10 Prozent im Minus. Auch die Titel des Stahlherstellers Schmolz +  Bickenbach tauchten, obschon Vekselberg seine dortige Beteiligung von 42 Prozent mit Gründerfamilien des deutschen Konzerns teilt.

Die nächste wichtige Entwicklung wird die Reaktion der EU auf das US-Sanktionsregime sein. Während die Schweiz direkt keine US-Sanktionen umsetzt, nimmt sie grosse Rücksicht auf die Politik der EU. Allfällige EU-Sanktionen könnten direkt auch für Schweizer Firmen und Banken verpflichtend sein, wenn sie vom Staatssekretariat für Wirtschaft erwartungsgemäss nachvollzogen würden.