Herr Kaufmann, die Credit Suisse macht 2016 einen Verlust von 2,4 Milliarden; Verwaltungsrat und Management kriegen dennoch mehr Lohn. Nun stellt Ethos sich gegen die Wiederwahl von CS-Präsident Urs Rohner. Warum?

Vincent Kaufmann: Kurz gesagt, finden wir: Die CS braucht einen Neustart, Urs Rohner ist dafür der falsche Mann. Er ist seit 2011 im Verwaltungsrat. In dieser Zeit wurde kein Vertrauen aufgebaut, im Gegenteil. Der Aktienpreis hat sich halbiert, tausende von Arbeitsplätzen sind verschwunden, es mussten immense Straf- und Entschädigungszahlungen für Fehlleistungen entrichtet werden. Heute ist keine klare Strategie zu erkennen, es sollen nur noch mehr Arbeitsplätze gestrichen werden.

Rohner hat mit Tidjane Thiam einen neuen CEO ernannt. Sollten Sie ihm nicht erst Zeit geben?

Wir haben den Wechsel auf dem CEO-Posten begrüsst. Nun braucht es jedoch auch einen Präsident, der eine neue strategische Vision entwickeln und glaubwürdig vertreten kann.

Rohner kann das nicht?

Als Brady Dougan noch CEO war, stand Urs Rohner voll hinter der alten Strategie, eine grosse Investmentbank zu haben. Jahrelang war diese alte Strategie laut Rohner die beste. Dann trat Tidjane Thiam an, und Rohner stand voll hinter der neuen Strategie, eine kleine Investmentbank zu haben. Nun war diese Strategie laut Rohner die beste. Es gibt zu viele Kehrtwenden. Nehmen Sie den Börsen-Verkauf des Schweizer Geschäfts der CS. Dieser sei geplant, wurde betont, nun ist er nur eine Option von vielen.

Das war er immer, sagt die CS.

Das sagt sie heute, ja. Aber dann schaue ich nach, was sie 2015 an ihrer Investoren-Roadshow sagte. Da wird der Verkauf fest zur Strategie gezählt.

Wer käme als Nachfolger von Rohner infrage?

Der Verwaltungsrat muss Kandidaten vorschlagen, eine ausserordentliche Generalversammlung könnte auswählen. So geben es die Regeln vor.

Gibt es mögliche Kandidaten im Verwaltungsrat?

Viel Erfahrung im Finanzsektor hätten etwa Alexandre Zeller oder Andreas Gottschling, die neu als Verwaltungsräte vorgeschlagen wurden. Es könnte auch jemand von aussen sein. Es ist aber wirklich nicht an uns, hier Namen vorzuschlagen.

Sie wollen Präsident und Vizepräsident abwählen. Destabilisieren Sie damit die CS nicht?

Es könnte für kurze Zeit etwas Unsicherheit geben, das mag sein. Aber macht die CS weiter wie bisher, wäre das viel gefährlicher. Es ist Sache des Verwaltungsrates, einen Nachfolgeplan in der Schublade zu haben.

Thiam soll eine Vergütung im Wert von total 11,9 Millionen erhalten. Warum lehnen Sie das ab?

Die CS kommt in zwei Jahren auf Verluste von total 5,3 Milliarden. Das spüren die Aktionäre, auch sind rund 7000 Stellen weg. Doch der CEO soll für 2016 fast den vollen Bonus zugesprochen erhalten, als ob er alle Ziele erreicht hätte. Das kann nicht sein. Ein CEO sollte sich mit den Aktionären solidarisch zeigen. Dazu kommt: die 11,9 Millionen entsprechen nicht dem vollen Wert der Vergütung.

Sondern?

Es dürften 2016 rund 14 Millionen sein, wenn Thiam alle Ziele erfüllt. Die Rechnung geht so: Sein Grundgehalt ist drei Millionen, im Branchenvergleich eines der höchsten. Dazu kommt ein Bonus von total über 8 Millionen aus zwei Paketen: erstens 4,1 Millionen für 2016; zweitens werden 4 Millionen zurückbehalten und ausbezahlt, wenn Thiam bis 2019 alle Ziele erfüllt. Dieses zweite Paket ist gemäss einer Fussnote im Geschäftsbericht jedoch mit einem Abschlag von 46 Prozent bewertet. Erreicht Thiam die Ziele, entfällt der Abschlag und das zweite Bonuspaket hat 7,5 Millionen wert. Also käme Thiam mit Grundgehalt und beiden Bonuspaketen auf 14,5 Millionen.

Sind Sie sonst zufrieden mit ihm?

Wir müssen abwarten, bis sich die Resultate seiner Arbeit zeigen. Beim Verkauf des Schweizer Geschäftes sollte er für mehr Klarheit sorgen. Wir hatten ihn so verstanden, dass er diesen Verkauf versprochen hatte. Wir befürworten diese Idee. Die Schweizer Bank hätte nicht die Investmentbank-Risiken der «Global Market»-Division und könnte viel stabiler im Dienste von Schweizer Investoren, KMU und Kunden geschäften.

Hält sich die CS bei der Vergabe der Boni an die eigenen Kriterien?

Sie macht diese Kriterien transparent, was wir begrüssen; aber wir sind nicht mit allen einverstanden. So richtet sich der Bonus für Thiam nach dem Abbau von Kosten und Stellen. Aus ethischer Sicht geht das nicht: jemand erhält mehr Geld, wenn er Menschen den Arbeitsplatz streicht.

Warum investieren Sie als Ethos überhaupt in die CS?

Wir haben unter anderem indexierte Fonds, da kommen wir an der CS nicht vorbei. In den aktiv verwalteten Nachhaltigkeits-Fonds dagegen, investieren wir nicht in die CS. In diesen Fonds berücksichtigen wir ethische und soziale Kriterien, Auswirkungen auf die Umwelt.

Sie haben uns noch nicht gesagt, ob sich die CS ihrer Ansicht nach an die eigenen Kriterien hält?

Sie misst deren Einhaltung an einem angepassten Gewinn, der etwa die Milliarden-Busse ausklammert. Sie sagt sinngemäss: wir hätten unsere Ziele erreicht, wäre die Busse nicht gewesen; die Busse hat das frühere Management verschuldet, also zahlen wir dem neuen Management nahezu den vollen Bonus aus. Die Aktionäre können diese Milliarden-Busse natürlich nicht ausklammern. Es gab ihretwegen einen hohen Verlust, der Aktienkurs fiel und die Eigenkapitaldecke ist so dünn, dass keine Dividenden ausbezahlt werden sollten.

Verluste, tausende Jobs abgebaut, eine dünne Eigenkapitaldecke, dennoch höhere Boni: gibt es das öfter in der Schweizer Wirtschaft?

Es ist bei der CS eher extrem, was wohl mit der Kultur des Investmentbankings zu tun. Es gab da einen typischen Satz im Geschäftsbericht: man habe den Investmentbankern hohe Boni zahlen müssen, weil sie sonst die Bank verlassen hätten. Das ist typisch für die Erfahrungen von Schweizer Banken mit dem Investmentbanking: Es kostet viel Eigenkapital, kostet viel Reputation, kostet viel an Boni – und die Resultate schwanken stark.

Können Sie an der CS-Generalversammlung etwas bewirken?

Das werden wir sehen. Neben Ethos lehnt der US-Stimmrechtsberater Glass Lewis alle Vergütungsanträge ab. ISS, der grösste US-Stimmrechtsberater, hat sich noch nicht geäussert. Er sprach sich aber gegen den Vergütungsbericht des Pharmakonzerns Novartis aus. Daran gab es in unseren Augen weniger auszusetzen als an jenem der CS. Es könnte also eine spannende GV werden.

Ständerat Thomas Minder fordert schärfere Regeln. Pensionskassen sollen im Einzelnen offenlegen, wie sie stimmen.

Viele Pensionskassen tun dies bereits, aber es wäre wünschenswert, wenn es bedeutend mehr täten. Unserer Ansicht nach müsste sich unbedingt auch die Anleger-Fonds bewegen. Sie sollten ihre Stimmrechte aktiver nutzen und darüber ihren Anlegern detailliert Rechenschaft ablegen.

Braucht es dafür nach der Minder-Reform wieder neue Regeln?

Wir hoffen nicht. Zunächst sollten die Fonds über ihren Branchen-Verband probieren, sich selber mit Richtlinien zu regulieren. Erst wenn ihnen dies nicht gelingt, müsste leider der Gesetzgeber eingreifen.