Als vor fünf Jahren die UBS gerettet werden musste, titelte am gleichen Tag «Die «Weltwoche»: «la crise n’existe pas». War das Pech, Provokation oder Ignoranz?

Roger Köppel: Weder noch. Dieser Titel war ein pointierter, sachlich berechtigter, ja visionärer Kontrapunkt zum masochistischen Bankenbashing, zur damals herrschenden Weltuntergangs- und Krisenstimmung, von der sich alle Medien epidemisch erfassen liessen. Wir argumentierten, dass die Schweiz bisher erstaunlich solide durch die Krise kam und dank ihrer grundsätzlich liberalen Wirtschaftspolitik ohne Bankenverstaatlichung und ohne Konjunkturpakete auch ein Fels in der Brandung bleiben würde. Wir behielten recht. Die Schweiz verzeichnete tiefe Arbeitslosigkeit, trotz starkem Franken exzellente Exportresultate, eine anhaltend hohe Zuwanderung liess sogar die Gefahr einer gewissen Überhitzung entstehen. Selbst die UBS-Rettung, die damals alle in Panik versetzte, erwies sich für die Schweiz als glänzendes Geschäft. Vielleicht war sie gar nicht wirklich nötig gewesen. La crise n’existe pas, in der Tat.

Aber wenn das keine Krise war, was war es dann?

Ich würde nicht bestreiten, dass es eine Finanz- und Bankenkrise gab, nur eben gab es daneben auch interessante Fakten, die dem allgemeinen Krisen-Hype entgegenstanden. Wie man weiss, ist «Die Weltwoche» eine unkonventionelle Zeitung, die sich darum bemüht, die Dinge auch mal anders anzuschauen und nicht einfach nachzubeten, was die andern bringen. Sie setzt sich für ein pluralistisches Weltbild ein.

Wie kam es zum Titel?

Unser Plan war: Wie können wir auf dem Cover die Stärken der Schweiz gegen das Krisengetöse hervorheben? Die Idee hatte dann unser Jazzkolumnist Peter Rüedi, den ich für ein Brainstorming anrief. Ihm fiel die Sache mit der Weltausstellung ein: «La Suisse n’existe pas». Rüedis augenzwinkernde Pointe fand ich hervorragend. Wir adaptierten den Selbstzerfleischungsslogan, indem wir ihn zu einem Plädoyer für schweizerische Stärken umformulierten. Einen Künstler brauchten wir nicht. Das geschah alles in der Produktionswoche.

Die Schlagzeile ist auch eine Anlehnung an den Surrealismus-Künstler René Magritte. Sein Bild «Ceci n’est pas une pipe» spielt mit Bedeutung von Fiktion und Realität. Sind auch Krisen bloss Einbildungsphänomene? War der «Weltwoche»-Titel ein Versuch, dem allgemeinen Glauben an die Krise entgegenzuwirken?

Diese Bezüge sind mir nicht bekannt, aber ich finde sie interessant. Tatsächlich sind Krisen oft mentale Phänomene, emotionale Zustände, die allerdings sehr produktiv sind. Krisen sind wichtig, weil man sich infrage stellt und aufs Wesentliche konzentriert. Ich wollte mit meinem Cover Gegensteuer geben und sagen: Schaut her, es mag nicht alles gut laufen in der Wirtschaft, aber es gibt auch positive Aspekte, auf die wir uns jetzt erst recht konzentrieren sollten.

Gerold Bührer, damals Economiesuisse-Präsident, schrieb über die angeblich nicht so schlimme Bankenkrise. Als Economiesuisse-Präsident wurde er aber vom Bund vorinformiert. Hatte er nichts gesagt?

Das müssen Sie Gerold Bührer fragen (siehe Box). Ich glaube, er wusste am Dienstag noch nichts, als Redaktionsschluss war. Das Blatt erschien am Donnerstag. Die entscheidende Frage lautet: Hätte ich das Cover immer noch gemacht im Wissen um die UBS? Die Antwort lautet: Aber sicher.

Wussten Sie, dass der Bund die Rettung am 16. Oktober kommunizieren würde?

Nein.

Welches Echo hatte die Schlagzeile ausgelöst?

Grosses Echo, Gelächter, Häme und Spott. Die Konkurrenz freute sich diebisch, dabei lagen die Kritiker falsch. Man musste damals Gegensteuer geben auch gegen die Anti-Banken-Stimmung, und wie man sieht, hatten wir recht: Die Schweiz kam sogar gestärkt durch die Turbulenzen. Das bestätigen Ihnen führende Ökonomen, zum Beispiel Aymo Brunetti gerade kürzlich an einem Vortrag an einer Familienunternehmertagung.

War Ihnen das Timing irgendwie peinlich oder völlig egal?

Es war Pech, dass die UBS-Rettung genau am Drucktag der «Weltwoche» ruchbar wurde. Aber ich hätte das Cover trotzdem geschaltet.

Haben Leser Abos gekündigt oder sind die Leserzahlen gesunken?

Weder noch.

Wie erklären Sie sich, dass es dem Ruf der «Weltwoche» nicht geschadet hat? Den deutschen «Stern» etwa nahm nach Publikation der falschen Hitler-Tagebücher ja niemand mehr so richtig ernst.

Könnte es daran liegen, dass die Leser intelligenter sind als die journalistischen Kritiker der «Weltwoche»? Unsere Argumente waren fundiert, die Aussage stimmte. Dass wir den Fall UBS in dieser Ausgabe nicht kommentieren konnten, war Pech. Der Vergleich mit den Hitler-Tagebüchern ist reine Polemik und verkennt den Skandal der Hitler-Tagebücher, bei denen kriminelle Fälscher in bewusster Täuschungsabsicht am Werk waren. Für so einen Vergleich sollte man Ihnen eigentlich für drei Monate den Journalistenausweis entziehen (lacht).

Wie lautet Ihre Einschätzung fünf Jahre nach der UBS-Rettung? War sie ein Erfolg?

Die von der Finanzkrise bereits geschwächte UBS kam damals in Schwierigkeiten, weil alle grossen Banken faktische Staatsgarantien hatten und viele Kunden ihre Gelder in diese vermeintlich sicheren Häfen brachten. Vielleicht hätte der Bundesrat einfach früher schon ein Zeichen der Beruhigung aussenden sollen, man hätte sich das Rettungsmanöver vielleicht sogar sparen können. So, wie es dann herauskam, war es ein sehr gutes Geschäft für die Schweiz und für ihre Nationalbank.

Ist die UBS heute stark genug, die nächste Krise selbstständig zu meistern?

Das liegt in der Verantwortung der UBS-Führung und wird sich in der nächsten Krise zeigen. Wichtig ist, dass sich die UBS-Manager bewusst sind, dass sie den marktwirtschaftlichen Gesetzen unterliegen: Wer es gut macht, wird reich. Wer versagt, muss untergehen. Keine Firma darf so gross oder so wichtig sein, dass sie vom Staat gerettet werden muss. Dieses «Too big to fail»-Problem scheint mir noch nicht gelöst. Das aber ist Aufgabe der Politik.