1:12-Initiative
Roche-Chef verdient das 194-fache eines Schweizer Angestellten

Schweizer Verwaltungsräte sind im europäischen Vergleich sehr hoch bezahlt. Auch darum, weil einige unter ihnen zuvor selbst auf dem Chefsessel sassen. Gemessen an der Verantwortung ist die Vergütung happig.

Roman Seiler
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SP-Nationalrat Cédric Wermuth hat die Initiative lanciert: Der Cheflohn soll das Zwölffache des tiefsten Lohns in einem Unternehmen nicht übersteigen.

Gemäss Arbeitnehmer-Dachverband Travail Suisse sind das bei Roche 60 500 Franken.

CEO Severin Schwan dürfte also laut dem am Donnerstag im Ständerat behandelten Volksbegehren höchstens 726 000 Franken verdienen. Tatsächlich sind es 240-mal mehr, nämlich 14,53 Millionen. Das ist das 194-Fache des Normallohns eines Schweizer Angestellten.

Zwar gibt es keine Chefs mehr, die sich mit über 20 Millionen Franken vergolden lassen. Aber hierzulande verteilt schon eine Berner Kantonalbank (BEKB) Prämien, die das Verhältnis von 1:12 übersteigen.

Deren Teilzeit-Verwaltungsratspräsident Jürg Rieben hätte 747 100 Franken beziehen können, weil das Geldhaus ein Zehnjahresziel übertroffen hat. Damit hätte der Anwalt seine Vergütung für 2012 von 759 000 Franken fast verdoppelt.

Deshalb verzichtete er auf die Hälfte seiner «Nachhaltigkeitsprämie» zugunsten «eines kulturellen Zwecks». Profitiert hat auch Rudolf Wehrli, Präsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse: Er erhielt als BEKB-Verwaltungsrat eine Prämie von 197 000 und kam so auf 334 000 Franken.

Lohnvergleich

Transocean hat den Geschäftsbericht 2012 noch nicht publiziert. Die Credit Suisse (CS) macht dies heute. Daher fehlt der Vergleich der Saläre von UBS-Chef Sergio Ermotti und Verwaltungsratspräsident Axel Weber mit denen der CS-Top-Shots für das vergangene Jahr. Die Grossbanken legen die Marktwerte der Vergütung offen. In Unternehmen, welche die tieferen Steuerwerte aufführen, hat «Die Nordwestschweiz» den effektiven Wert errechnet oder geschätzt, wie im Fall von Martin Scholl, Chef der Zürcher Kantonalbank. (sei)

Harsche Kritik bei Clariant

Als VR-Präsident von Clariant verdiente Wehrli 660 000 Franken. Am kommenden Dienstag wird er sich an der Generalversammlung des Spezialitätenchemie-Konzerns harsche Kritik anhören müssen. Aktionärsvertreter lehnen den Vergütungsbericht ab, weil CEO Hariolf Kottmann - ebenfalls dank einer Sonderprämie - 7,4 Millionen Franken erhalten hat. Das sind 3,1 Prozent des Gewinns! Severin Schwans Vergütung ist zwar praktisch doppelt so hoch. Aber der Gewinn von Roche übersteigt den Umsatz von Clariant. Daher bezieht Schwan 1,5 Promille des Gewinns.

Letztlich komme es bei der Beurteilung eines Lohns auch auf die Grösse eines Unternehmens an, sagt Urs Klingler, Vergütungsexperte und Geschäftsführer von Klingler Consultants: «Roche und Novartis spielen in einer eigenen, globalen Liga mit.» Zudem gelte es, die Eigentumsverhältnisse zu beachten. So sind bei Roche, Adecco, Barry Callebaut oder Swatch die Familien Hoffmann und Oeri, Jacobs oder Hayek die bestimmenden Aktionäre. Deshalb bestimmen sie ebenfalls, wie hoch die Chef-Bezüge sind.

Typisch für die Schweiz sind die im europäischen Vergleich hohen VR-Honorare. So verdient VR-Präsident Christopher Gent beim britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline eine Million Franken in bar. Roche-VR-Präsident Franz Humer hat - ohne Sozialleistungen und andere Bezüge - 6,5 Millionen. Beim britischen Spirituosenhersteller Diageo begnügt sich Humer für sein VR-Präsidium mit 750 000 Franken.

Zurückhaltender Zurich-Präsident

Deshalb sind die 850 000 Franken von Josef Ackermann bei der Zurich Insurance Group bescheiden: Hier amtet der Ex-Deutsche-Bank-Chef seit Frühjahr 2012 als VR-Präsident. Rolf Dörig erhält beim viel kleineren Lebensversicherer Swiss Life 1,7 Millionen. Das ist gar ein bisschen mehr als im Vorjahr. Obwohl ein Abschreiber des immateriellen Unternehmenswerts des Finanzdienstleisters AWD zu einer Gewinnreduktion um 85 Prozent auf 93 Millionen Franken geführt hat. Bei der AWD-Übernahme war Dörig CEO.

Findet seinen Lohn angemessen: Roche-CEO Severin Schwan an der gestrigen Bilanzmedienkonferenz in Basel.

Findet seinen Lohn angemessen: Roche-CEO Severin Schwan an der gestrigen Bilanzmedienkonferenz in Basel.

Das ist ein Grund, warum die Vergütungen so hoch sind: Etliche der heutigen Grossverdiener sassen einst auf Chefsesseln oder waren wie Daniel Vasella bei Novartis oder Peter Brabeck-Letmathe bei Nestlé zugleich CEO und VR-Präsident. Sie liessen sich in den Boomjahren des vergangenen Jahrzehnts Vergütungspakete wie in den USA zimmern. Das führte dann zu Löhnen in zweistelliger Millionenhöhe. So verdiente vor der Finanzkrise Walter Kielholz als VR-Präsident bei der Credit Suisse bis zu 16 Millionen. UBS-Präsident Axel Weber hat heute 3,6 Millionen Franken.

Gemessen an der effektiven Verantwortung ist dies happig: Zwar haben Aufsichtsräte beispielsweise in Deutschland weniger Macht und damit Einfluss auf ihre Unternehmen als VR in der Schweiz. Dies allein erkläre den Unterschied in der Salärhöhe noch nicht, sagt Gregor Greber von der Vermögensverwaltungsfirma zCapital: «Es besteht zwar ein Unterschied bei der Verantwortung und beim entsprechenden Arbeitsaufwand.

Aber ein solcher Unterschied in der Entschädigung lässt sich damit nicht rechtfertigen.» Deshalb sind für Greber VR-Honorare von mehr als einer halben Million Franken «schwierig und nur in Spezialfällen» zu rechtfertigen.

Dies durchzusetzen, vermag auch die Minder-Initiative nicht.

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