Marc Walder, der 54-jährige Konzernchef des Medienkonzerns Ringier, hat gestern in das Zürcher Opernhaus geladen. Zur Premiere stand die Vernissage eines Buches an, das sein Wirken als Unternehmensleiter ins beste Licht rückt. Geschrieben hat das Auftragswerk «Ringen um Ringier» der Journalist und Sachbuchautor René Lüchinger. 2013 war Lüchinger von Walder gegen den Widerstand der Redaktion zum Chefredaktor des «Blicks» gemacht worden, 730 Tage später musste er diesen Sessel wieder räumen.

Diese Episode findet sich nicht in der Nacherzählung, wie Walder vor gut zehn Jahren von der Verlegerfamilie Ringier das Vertrauen erhalten hatte, die Firma in eine digitale Zukunft zu führen. Die Geschichte ist aus der Optik des Konzernchefs erzählt und auf dessen digitale Mission ausgerichtet. Es geht um Geld und Geschäft, nicht aber um Journalismus und einen publizistischen Auftrag. Dass der Autor neben Walder auch andere Quellen ausführlich befragt hat, geht aus dem Buch nicht hervor.

Von Walder ist zu lernen, welche Erweckung ein 15-wöchiger Management-Kurs für 75'000 Dollar sein kann. Einen solchen durfte er an der Elite-Universität in Harvard absolvieren, bevor er endgültig vom Journalisten zum Manager mutierte. Eine «fast schon zur Obsession verdichtete Gewissheit» habe Walder aus Boston mitgebracht, dass der Konzern «sofort digital transformiert» werden müsse, schreibt Lüchinger. Andernfalls drohe der Niedergang.

Walder investiert 1,8 Milliarden

Walder versteht sich als radikal disruptiver Manager, dessen einzige Wahrheit darin besteht, dass schon morgen ein Geschäftsmodell zerstört sein könne, das heute funktioniert. Wobei auch umgekehrt gelte, dass schon morgen Millionen bringen kann, was heute brotlos scheint. Wer dabei nicht wagt, kann nicht gewinnen. Schliesslich seien auch die Weltkonzerne Google und Facebook gestartet, ohne vorweg ein Geschäftsmodell zu haben.

Seinen Verleger Michael Ringier nimmt Walder mit einem Kniff ins Boot: Als Kunstsammler kaufe Michael Ringier schliesslich auch Werke, von denen er nicht wisse, wie sich ihr Wert entwickle. Doch wie Michael Ringier, der als Sammler nicht auf gänzlich unbekannte Künstler setzt, gibt sich auch Walder nicht mit Peanuts ab: Er setzt auf Geschäfte, die einen hohen Umsatz versprechen. Die Akquisitionen, die Walder vorschlägt, kosten Hunderte von Millionen Franken. Mit Geschick und Eifer macht er die Gelder bei Familie und Verwaltungsrat locker. Insgesamt 1,8 Milliarden Franken innerhalb von zehn Jahren.

Was ihn auf dem digitalen Weg beschwert, versucht er zu verkaufen. Allen voran die Druckereien, aber auch Ringiers Anteile an Betty Bossi oder am Teleclub. Die Desinvestitionen hätten 900 Millionen Franken gebracht, heisst es im Buch ohne Quellennachweis.

Doch Walder braucht mehr Geld und findet dieses bei solventen Partnern. Für die Übernahme des Ticketcorner ist es der deutsche Milliardär Klaus-Peter Schulenberg, der mitzieht. Für die Online-Plattformen von Scouts24 sind es zunächst die New Yorker Finanzinvestoren Kohlberg Kravis Roberts, später die Mobiliar Versicherung. Und im Verlagsgeschäft tritt immer wieder das mächtige deutsche Vorbild, der Springer-Konzern, an Ringiers Seite; zunächst im Osteuropa-Geschäft, mittlerweile auch als gleichberechtigter Partner der Schweizer Publikationen mit Ausnahme der Blick-Gruppe.

Nach den Regeln des Monopoly

Walder hat in Lüchingers Darstellung das Rad mehrfach neu erfunden, die Bildung von Wertschöpfungsketten ebenso wie die Schaffung von branchenübergreifenden Allianzen. Ein Blick in die Geschichte des Ringier-Konzerns hätte ihn leicht erkennen lassen: Es war schon immer die unternehmerische Begabung der Ringier-Familie, breit zu diversifizieren. In frühen Jahren war das Unternehmen – verdeckt – an Ländereien und Papierfabriken beteiligt, selbst die Kaufhauskette Jelmoli gehörte zum Medienhaus, als dies zur Absicherung von Druckaufträgen opportun erschien.

Doch Walders Blick ist ausschliesslich nach vorne gerichtet. Lüchinger schildert Walder als Macher, der die Regeln des Monopoly verinnerlicht hat. Sein grosser Gegenspieler ist Pietro Supino, der Verleger der Tamedia, der das Spiel ebenso beherrscht. Zuweilen sogar besser, wie Walder einräumt: Supino machte ihn glauben, die Tamedia sei an einer Beteiligung am Werbervermarkter Admeira interessiert, dabei schuf er sich damit nur Zeit, um sich den Konkurrenten Goldbach Media einzuverleiben.

Details, die den Glanz trüben, spielen kaum eine Rolle. Wichtiger ist ein anderer Satz: «Viele der Ringier-Unternehmen dürften ihren Wert mindestens verdreifacht haben.» Walder ist bei Ringier nicht mehr wegzudenken. Nach Springer-Vorbild ist er als Konzernchef zum Teilhaber geworden; Walder gehören mittlerweile zehn Prozent der Firma. Und sein weiterer Berufsweg ist festgelegt: Er wird Verleger Michael Ringier in einigen Jahren als Verwaltungsratspräsident ablösen, während ein Familienmitglied das operative Geschäft übernimmt. Disruptiv sind allerdings nicht nur Medien, auch Karrieren können unerwartete Wendungen nehmen. Das letzte Kapitel dieser Erfolgsgeschichte ist noch nicht geschrieben.

René Lüchinger «Ringen um Ringier. Über die Kunst der Digitalisierung in einem Schweizer Medienkonzern». Steidl-Verlag, 320 Seiten.