Das sagt nicht ein Internet-Freak. Das sagte WEF-Gründer Klaus Schwab im Montagsinterview mit der «Nordwestschweiz». Der 74-jährige Professor aus Genf ist weltweit vernetzt mit den Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Seine Worte sind die Erkenntnis intensiver Studien. Schwab stellt auch fest: «Die sozialen Medien wissen wohl mehr über uns, als die Gestapo jemals über einen einzelnen Bürger in Deutschland herausfand.»

Vermutlich wissen die wenigsten Menschen, was technisch schon heute alles möglich ist. Wer ein Handy auf sich trägt, kann jederzeit geortet werden. Das ist praktisch, um seine Kinder im Griff zu haben - es liesse sich aber auch rekonstruieren, wer wen wo getroffen hat. Anhand der Bewegungsgeschwindigkeit von Android-Geräten werden Verkehrsstaus ermittelt - es kann aber auch als Warnsystem vor Menschenansammlungen dienen. Seit einiger Zeit dürfen die Bundesräte ihre iPhones nicht mehr ins Sitzungszimmer mitnehmen, weil sich die Geräte einfach zu Wanzen manipulieren lassen. Google speichert jede unserer Suchanfragen, liest Mails - und weiss so über all unsere Vorlieben, ja über grosse Teile unseres Lebens Bescheid.

George Orwell veröffentlichte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den Roman «1984», der von einer Schreckensherrschaft handelt, von einem totalen Überwachungsstaat und einer allmächtigen Geheimpolizei. Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schrieb dazu in einem «Spiegel»-Essay: «Nicht im Traum wäre Orwell eingefallen, dass sich manche dieser Ziele, vor allem die Überwachung aller Bürger, auch ohne Gewaltanwendung erreichen lassen; dass es dazu keiner Diktatur bedarf; dass auch eine Demokratie in der Lage ist, sie auf zivile, um nicht zu sagen pazifistische Weise durchzusetzen.»

Tatsächlich geben die Menschen heute im Netz sehr viel von sich absolut freiwillig preis: Fotos, Videos, Meldungen über ihre Kinder, die Krebsoperation, den Segelturn, die wilde Party. Die Facebook-Chronik wird zum öffentlichen Tagebuch. «Ich habe nichts zu verbergen!» hört man als Argument gegen kritische Einwände. Zuerst einmal ist es ja ein gutes Zeichen, wenn Menschen derart in Sicherheit leben, dass sie freiwillig auf ihre Privatsphäre verzichten; in einem Staat, dem man nicht vertraut, agiert man automatisch vorsichtiger.

Trotzdem geht allzu rasch vergessen, dass die Privatsphäre eine elementare Errungenschaft eines liberalen Staates ist. Und dass wir diese nicht leichtfertig aufgeben sollten. Denn auch eine Demokratie tendiert dazu, ihre Bürger zu kontrollieren. Auch bei uns gab es eine Fichenaffäre, auch bei uns wünschen sich Ermittlungsbehörden immer weiter reichende Befugnisse. Der Grat zwischen Transparenz und Überwachung ist schmal. Der in vielen Fragen unmögliche SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte für einmal Recht, als er sagte: «Transparenz gibt es nur in Diktaturen.» Wir sollten die Privatsphäre nicht leichtfertig opfern. Das beginnt damit, dass wir bewusst entscheiden, was wir öffentlich machen und was nicht. Und dass wir den Internet-Riesen aus den USA mit Skepsis begegnen.

Wer nackt durch die Strasse geht, erregt Aufsehen. Wer nackt am FKK-Strand liegt, fällt nicht auf. So argumentieren Befürworter der kompletten Transparenz: dass diese nicht stört, wenn sie für alle gilt. Bloss: Wer möchte schon seine ganze Zeit am FKK-Strand verbringen?