Fernsehen

Replay-TV unter Beschuss: Darf die unliebsame Werbung bald nicht mehr übersprungen werden?

Die Werbepause beim «Bachelor» überspringen? Replay-TV ist unter Beschuss.

Die Werbepause beim «Bachelor» überspringen? Replay-TV ist unter Beschuss.

Die TV-Sender verlieren durch zeitversetztes Fernsehen Millionen an Werbegeldern. Nun will das Parlament SRF & Co. unter die Arme greifen. Sie sollen von den Kabelnetzbetreibern wie UPC mehr Geld verlangen können.

Für viele Zuschauer ist die Funktion Replay-TV nicht mehr wegzudenken: Sie konsumieren Filme, Serien oder Nachrichten-Sendungen zeitversetzt. Wer etwa die Tagesschau von SRF verpasst, kann dies später per Knopfdruck nachholen. Die vor der Sendung ausgestrahlte Werbung kann dabei leicht übersprungen werden - dank digitalem Vorspulen. TV-Sender haben an diesem Phänomen allerdings keine Freunde, da ihnen durch das Überspringen der TV-Spots Geld entgeht.

Die Rechtskommission des Nationalrats will nun den Fernseh-Stationen zu einer besseren Stellung beim zeitversetzten Fernsehen verhelfen. Sie entschied am Freitag mit 12 zu 9 Stimmen, dass TV-Sender direkt mit den Kabelnetz-Anbietern über die Möglichkeit zum Überspringen von Werbung verhandeln können. 

Dies erhitzt die Gemüter der Kabelnetzbetreiber, wie deren Reaktionen heute zeigen. So warnt der Telekom-Betreiber UPC vor einer «massiven Einschränkung» des Replay-TV. «Als eine der grössten TV-Anbieterinnen im Land wehrt sich UPC gegen diesen Vorschlag, der viele Verlierer mit sich bringt», schreibt das Unternehmen heute in einer Mitteilung.

Bei UPC nutzen 70 Prozent Replay-TV

Die Nutzung des zeitversetzten Fernsehens steige stetig und werde mittlerweile von 70 Prozent der UPC-Kunden genutzt. Sämtliche Anbieter wie UPC müssten ihren Kunden das Überspringen von Werbung sperren, falls dies einzelne TV-Sender forderten, interpretiert das Unternehmen den Entscheid der Rechtskommission.

Mit der angedachten Regelung werde Replay-TV für die Konsumenten künftig teurer, schreibt Suisse Digital. Der Verband vertritt neben UPC rund 200 regionale Kabelnetzbetreiber. Denn die TV-Sender würden sich das Recht der Konsumenten, Werbung auch künftig überspringen zu dürfen, fürstlich entlöhnen lassen. Hinzu kämen die üblichen Urheberrechtstarife, die weiterhin fällig werden. Die Folgen wären teurere TV-Abos für die Kunden, so die Schlussfolgerung des Verbands.

TV-Sender wollen ein Stück des Kuchens

Die angegriffenen TV-Sender spielen den Ball zurück. „Wir haben wiederholt versucht, mit den Kabelnetzbetreibern über eine Abgeltung des zeitversetzten Fernsehen zu verhandeln, sind aber mit keiner unserer Forderungen durchgedrungen», sagt Andrea Werder, Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft Radio und Fernsehen (IRF). Ein wichtiges Mitglied sind die SRG-Sender, zum Verband gehören aber auch diverse private Schweizer Sender und ausländische TV-Stationen.

Den Mitgliedern von IRF seien im vergangenen Jahr rund 110 Millionen Franken an Werbegeldern durch zeitversetztes Fernsehen entgangen. Analysen zeigten, dass wegen Replay-TV zwischen 60 und 80 Prozent der Werbung von den Zuschauern übersprungen werde, sagt Werder.

Folge das Parlament der Rechtskommission des Nationalrats, so könnten erstmals TV-Sender direkt mit den Kabelnetzbetreibern über eine Entschädigung der entgangenen Werbeeinnahmen durch Replay-TV verhandeln, sagt Werder. Laut Gesetz müssen die Kabelnetzbetreiber bislang nur die Urheberrechte abgelten, die TV-Sender bleiben aussen vor. Neue Geschäftsmodelle konnten nicht verhandelt werden. Im vergangenen Jahr sind 32 Millionen Franken für die Abgeltung von Replay-TV an Verwertungsgesellschaften wie Suisseimage oder Pro Litteris geflossen, davon 9,7 Millionen Franken an die Sender. Das Gesetz sehe vor, dass höchstens 13 Prozent dieser Einnahmen für Urheberrechtsgebühr fällig sind.

Rechne man diese Zahlen hoch, so hätten die die Kabelnetzbetreiber allein für die Funktion des zeitversetzten Fernsehens mindestens 246 Millionen Franken eingenommen, sagt Werder. Davon wolle man sich künftig ein Stück abschneiden oder neue Geschäftsmodelle aushandeln. «Schrumpfen die Werbeeinnahmen aufgrund der Vorspul-Funktion, müssen unsere Mitglieder sich anderweitig finanzieren können», sagt Werder. Ansonsten seien die Sender mittelfristig in ihrer Existenz bedroht. Das soll aber nicht zu Lasten der Konsumenten gehen, sondern zu Lasten der grossen Marge der TV-Verbreiter.

Angriff auf Replay-TV bereits einmal gescheitert

Sie betont, dass die Kabelnetzbetreiber mit dem Vorschlag der Rechtskommission nicht gezwungen würden, mit den TV-Sendern zu verhandeln. Der entsprechende Passus sehe lediglich vor, dass den TV-Sendern das Recht eingeräumt werde, mit den Kabelnetzbetreibern Verhandlungen aufzunehmen.

Bereits im Sommer führte zeitversetztes Fernsehen zu heftigen Diskussionen. Im Juli wollte die Fernmeldekommission des Nationalrats eine Bestimmung einführen, welche Replay-Angebote hierzulande faktisch verboten hätte. Später kam die Kommission auf ihren Entscheid zurück und wollte doch keine neuen Vorschriften zur Verbreitung von Fernsehsignalen zu erlassen. Nun geht der Streit in der Rechtskommission weiter.

Meistgesehen

Artboard 1