Über eine Schindler-Rolltreppe geht es runter in die Erde. Nach ein paar Schritten dann hinein in einen von ABB mit Strom versorgten (französischen) Alstom-Zug. Ein Schweizer Tourist muss sich hier fast wie zu Hause fühlen.

Die Szene spielt jedoch nicht am Zürcher Hauptbahnhof, sondern in einer U-Bahn-Station in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Sie zeigt: Die Schweizer Industrie ist aus der Region nicht mehr wegzudenken.

Helvetisches steckt indes nicht nur unter der Erde. Auch für den Zementriesen LafargeHolcim mit Sitz in Rapperswil-Jona ist Indien zu einem wichtigen Markt geworden. Die französische Lafarge fusionierte erst im Juli mit der Schweizer Holcim.

Eine Elefantenhochzeit der Nummer zwei der Branche mit der Nummer eins. Grosses hatte man sich erhofft von dem Zusammenschluss. Jetzt sind alle Beteiligten etwas ernüchtert erwacht. Die gestern präsentierten Quartalszahlen fielen schlecht aus.

Das liegt zu einem nicht unwesentlichen Teil am schleppenden Geschäft in Indien und in China, sowie an Problemen in anderen Schwellenländern wie Brasilien.

Auch ABB ist betroffen

Eine rasche Besserung der Lage ist derzeit nicht in Sicht. «Wir bereiten uns darauf vor, dass die Nachfrage in China nicht so schnell wieder steigt», sagte LafargeHolcim-Chef Eric Olsen gestern anlässlich der Präsentation der Vierteljahreszahlen.

Und für Indien prognostizierten die Analysten der Bank Vontobel bereits vergangene Woche: Das kommende Quartalsergebnis «wird angesichts der enttäuschenden Margenentwicklung in Indien keinen positiven Impuls geben».

Beim Technologiekonzern ABB sieht es ähnlich aus. Auch hier setzt man auf die asiatischen Märkte — und muss deshalb in Zeiten des Abschwungs kurzfristige Dämpfer verkraften.

Die Hälfte des Geschäfts macht ABB in Schwellenländern. Die grössten Märkte auch hier: China und Indien.

«Für viele Schweizer Firmen ist Asien zu einem wichtigen Sektor geworden», sagt Felix Sutter, Leiter der Asia Business Group bei PwC Schweiz.

Das sei vor zehn Jahren noch anders gewesen. Mittlerweile habe die Industrie besonders in China und in Indien grosse Strukturen aufgebaut — und sich dabei an Wachstumsraten von acht bis zwölf Prozent in den jeweiligen Ländern gewöhnt.

Zwar müsse den Beteiligten klar gewesen sein, dass dies nicht ewig so weitergehen könne. «Dass die Sättigung jedoch so schnell eintritt, hat viele überrascht», sagt Sutter.

Auch den Umbau der asiatischen Volkswirtschaften von rein produzierenden hin zu dienstleistungsorientierten Märkten hätten viele schneller erwartet. Hinzu käme der Reformstau in Ländern wie Indien.

Wenn die Schwellenländer langsamer wachsen, investieren sie weniger in Infrastruktur. Das spüren diejenigen besonders, die Zement für Strassen oder Komponenten für die Stromversorgung liefern.

Da kurzfristig wenig Besserung in Sicht ist, müssen sich LafargeHolcim, ABB und Co. auf anhaltenden Gegenwind einstellen.

Einmal draussen, immer draussen
Trotzdem wäre es fahrlässig, sich aus diesen Märkten zurückzuziehen. Das hat zum einen mit dem riesigen Potenzial der Milliardenvölker Chinas und Indiens zu tun. Im Jahr 2030, so rechnete PwC in einer kürzlich erschienenen Studie vor, werden zwei Drittel der globalen Mittelschicht in Asien leben.

Diese Menschen wollen U-Bahn-Fahren, Strassen und elektronische Infrastruktur benutzen. Schier unendliche Möglichkeiten für Industriekonzerne.

Zum anderen könne man jetzt nicht einfach aus den Ländern raus und wieder rein, wenn es besser läuft, sagt Felix Sutter von PwC, der seit kurzem auch die Schweizerisch-Chinesische Handelskammer (Swiss Chinese Chamber of Commerce) präsidiert.

Das habe mit der asiatischen Kultur zu tun, bei der vieles von Vertrauen und von langjährigen Geschäftsbeziehungen abhänge. «Wer jetzt raus geht, bleibt draussen.»
Bleibt den Konzernen nun lediglich das Warten auf bessere Zeiten? Nein, sagt Sutter.

Der Asien-Experte rät den Unternehmen zur Diversifikation: «Andere aufstrebende Länder in Südostasien wie die Philippinen, Indonesien und Malaysia haben ebenfalls viel Potenzial» — und zusammen auch einige hundert Millionen Einwohner. Die Konzerne sollten ferner noch mehr auf lokale Expertise setzen, meint Sutter.