Der Raiffeisen-Chef Patrik Gisel weiss, wie er seine Zuhörer bei der Stange hält. Er begann und beendete sein Referat vor dem Business Club Mittelland in Erlinsbach mit einem Witz. Sobald er aber auf die hiesige Regulierungsbehörde Finma zu sprechen kommt, hört der Spass für den gebürtigen Thurgauer auf. Er wolle sich mit seinem Ärger über die Finanzmarktaufsicht aus Rücksicht auf die versammelte Manager- und Unternehmerschaft zurückhalten, sagte er. Doch das gelang ihm nur schlecht.

Der Finma habe es nicht geschafft, die existenzbedrohende Krise der UBS 2008 zu verhindern. Dies habe bei der Behörde zu einem Angstreflex geführt, weshalb die Finma nun über das Ziel hinausschiesse. Da die Banken bessere Löhne zahlten, müsse die Aufsicht oft auf Hochschulabgänger zurückgreifen. Diesen wirft Gisel Theoriegläubigkeit vor. Dabei laute der Leitsatz: «Je mehr Regulierung, desto besser.» Jedoch sei nie bewiesen worden, dass eine höhere Regulierungsdichte den Finanzmarkt sicherer mache. Immerhin gestand Gisel ein, dass er das Gegenteil auch nicht beweisen könne.

Hoffnung schöpft Gisel aus den jüngsten Aussagen von Finma-Chef Mark Branson. Für kleinere und mittlere Banken sei es fraglich, ob die Einhaltung der internationalen Standards wirklich nötig sei, denen die Grossbanken verpflichtet sind, sagte Branson in einem Interview mit der «Samstagsrundschau» von Radio SRF. Obwohl die Finma Abstriche mache, sei die Last für diese Banken gestiegen, sagte er.

Gisel erwartet, dass diese gelockerten Regeln auch für seine Raiffeisenbank gelten werden. Ob Branson mit seiner Aussage das Geldinstitut als drittgrösste Bank der Schweiz mitgemeint hat, ist jedoch fraglich.

«Der Einzige, der weiss, was er tut»

Als hätte Branson die Kritik Gisels im Interview vergangenen Samstag vorweggenommen, äusserte sich der Brite zum Thema Regulierungswut. Die Finanzmarktaufsicht sei nur für einen Teil der Richtlinien zuständig, sagte er. Ein grosser Teil werde von der Politik vorgeschrieben. Bei den grösseren Banken seien die Regeln, die durch das Parlament und den Bundesrat beschlossen worden seien, sicherlich gerechtfertigt. Man habe im Nachgang der Finanzkrise vor zehn Jahren die grossen Banken sicherer machen müssen. In diesem Bereich dürften die Richtlinien nicht zurückgeschraubt werden.

Immerhin in einem Punkt sind sich Gisel und Branson einig: Auch Gisel sieht die Verantwortung in Sachen Regulierung nicht nur bei der Finma, sondern auch bei der Politik.

Gisel sprach zudem über die Bedeutung des Vertrauens. «Ohne dieses machen Sie nachhaltig kein gutes Bankgeschäft», sagt er. Das Vertrauen habe durch die Finanzkrise stark gelitten, auch wenn es nicht alle Geldinstitute gleich stark getroffen habe. Um die Bedeutung des Vertrauens zu verdeutlichen, erzählte er eine Anekdote. Als er vor einigen Jahren an einer Sitzung an der Schweizer Börse in Zürich weilte, ging er auf die Toilette. An der Türe habe er ein Schild entdeckt, auf dem stand: «Wenn Sie diese Tür hinter sich schliessen, sind Sie der Einzige im Haus, der weiss, was er tut.» Das heitere Gelächter im Saal machte den Ärger über die Regulierungswut in der Bankenwelt schon fast wieder vergessen.