Fernverkehr

«Qualität unseres Bahnsystems in Gefahr»: Gewerkschaften kritisieren Zuschlag an die BLS

Künftig sollen BLS-Züge auf den Strecken Bern–Biel und Bern–Burgdorf–Olten verkehren.

Künftig sollen BLS-Züge auf den Strecken Bern–Biel und Bern–Burgdorf–Olten verkehren.

Das Bundesamt für Verkehr hat nach langem Hin und Her entschieden: Die SBB sollen konkurrenziert werden. Die Gewerkschaften kritisieren den Entscheid scharf.

Das Fernverkehrsmonopol der SBB auf den Schienen ist passé. Ab 2020 soll die BLS zwei Strecken abdecken. Mit dem Entscheid kippt das Bundesamt für Verkehr (BAV) die seit 2004 geltenden Voraussetzungen im Fernverkehr. Doch: Die BLS wollte eigentlich noch mehr Strecken, blitzte aber mit ihrem Konzessionsantrag für hochrentable Strecken ab. Der Rest des Fernverkehrs bleibt bei den SBB. Der Entscheid löste bei BLS, SBB und Gewerkschaften keine Begeisterung aus.

Ab dem Jahr 2020 soll die BLS die Strecken Bern–Biel und Bern–Burgdorf–Olten fahren. Bis anhin sind diese Strecken von den SBB abgedeckt worden. 2017 hat das BAV die Konzession für den Fernverkehr neu ausgeschrieben. Sowohl BLS als auch SBB haben daraufhin Gesuche eingereicht, teilweise für die gleichen Strecken. So wollte die BLS ursprünglich zwei Intercity-Linien. Nämlich die Strecken Basel–Interlaken und Basel–Brig. Zudem die drei Regio-Express-Linien Bern–Biel, Bern–Olten und Bern–La Chaux-de-Fonds–Le Locle.

Erhalten hat sie nun nur zwei Strecken, wovon die BLS eine, Bern–Olten, als defizitär bezeichnet. Die hochrentablen Intercity-Strecken nach Basel hat die BLS hingegen nicht erhalten. Deshalb zeigte sich die Bahn in einer ersten Reaktion auch alles andere als hocherfreut. «Wir nehmen die Stossrichtung des BAV zur Kenntnis. Wir kommentieren den Vorschlag im Moment nicht. Vielmehr müssen wir zunächst prüfen, was eine solche Entscheidung des BAV konkret für die BLS bedeuten würde», sagt BLS-Sprecher Stefan Dauner auf Nachfrage.

Sind die Strecken rentabel?

Das Problem: Die BLS hat die fünf Linien als Paket eingegeben. Die Strecke Bern–La Chaux-de-Fonds betreibt die BLS momentan als Regionalverkehr. Dieser ist subventioniert. Wohingegen der Fernverkehr nicht subventioniert ist. Die Strecke wird aber ab Konzessionsbeginn zum Fahrplanwechsel 2019 zu einer Fernverkehrsstrecke umfunktioniert, sie wird künftig nicht mehr subventioniert. Deshalb wollten die BLS die beiden hochrentablen Strecken nach Basel, um dies auszugleichen. Nun hat das BAV aber entschieden, dass die Strecken bei den SBB bleiben. Dafür müssen die SBB die unrentable Strecke Bern–La Chaux-de-Fonds betreiben. Was übrig bleibt für die BLS: Zwei Strecken, wo die BLS noch nicht genau weiss, ob sie damit Geld verdienen kann.

Als Grund, wieso die BLS nun nicht alle Strecken erhalten hat, führt das Bundesamt für Verkehr Unsicherheiten bei der Rollmaterialbeschaffung der BLS an. Die BLS hätte die Strecke Basel–Interlaken ab 2024 und Basel–Brig ab 2025 fahren können. Bei einer Vergabe der Konzession für zehn Jahre ab 2019 eine zu kurze Zeitspanne, wie BAV-Direktor Peter Füglistaler erklärte.

Die SBB warnten in einer ersten Reaktion vor der Stossrichtung des Entscheides: Es handle sich um einen Paradigmenwechsel im bewährten öV-System Schweiz, heisst es in einer Medienmitteilung. Wie die SBB mit dem Entscheid umgehen wollen, sei noch nicht entschieden. Man wolle noch einmal das Gespräch mit allen Beteiligten suchen.

Für Peter Füglistaler ist klar: Alleine der Konzessionskampf zwischen BLS und SBB habe einen Mehrwert für den Kunden gebracht. «Das Angebot wurde besser durch den Wettbewerb», sagt Füglistaler. Er erwähnte insbesondere das verbesserte Verpflegungsangebot und die Verpflichtung, im Fernverkehr Zugbegleiter einzusetzen. Zudem werde es im Endeffekt für den Steuerzahler günstiger.

Entscheid in der Kritik

Die Gewerkschaften kritisieren den Entscheid scharf. «Das Gezerre der Bahnchefs um die Fernverkehrskonzession hat schon einen ersten Vorgeschmack davon gegeben, wohin es führen kann, wenn jede Bahn nur für sich schaut. Ein Kampf von jedem gegen jeden ist für die Qualität unseres Bahnsystems eine Gefahr», lässt sich SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger in einer Mitteilung zitieren. Auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund lässt kein gutes Haar am Entscheid des BAV. Der Entscheid sei nicht zum Wohl der Allgemeinheit und auch nicht zum Wohl der beiden Unternehmen, die enorme Ressourcen nur schon in den Wettlauf um die Konzessionsgesuche stecken mussten, wie es in einer Mitteilung heisst.

Ob es für öV-Kunden in Zukunft günstiger wird, ist offen. Die Eingaben der BLS sowie der SBB gehen von den gleichen Tarifen aus. Für Pro Bahn Schweiz, der Interessenvertretung der öV-Kunden, stehe nun im Vordergrund, dass sich die BLS beweisen könne. «Für den Fahrgast ist es unwichtig, was auf dem Zug steht», sagt Pro-Bahn-Sprecher Edwin Dutler. Wichtig sei, dass das Sicherheitskonzept eingehalten werde und dass in Zukunft wirklich auf allen Fernverkehrsstrecken Zugbegleiter eingesetzt werden. Dies sei ein echter Mehrwert für die Kunden.

Der Entscheid des BAV ist noch nicht definitiv. Momentan läuft eine Vernehmlassung dazu. Der Entscheid werde das BAV bis Ende Juni 2018 fällen.

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