Herr Honegger, Konjunkturbeobachter korrigieren angesichts der unsicheren Lage in Osteuropa und im Nahen und Mittleren Osten reihum ihre Prognosen nach unten. Was bedeutet dies für den Werkplatz Schweiz, die Industrie?

Urs Honegger: Unternehmen müssen neue Märkte erschliessen, neue innovative Produkte auf den Markt bringen und neue Dienstleistungen anbieten. Es gilt also Szenarien zu entwickeln, wie sie diese Auftragseinbussen kompensieren können. Darin sind Schweizer Industriefirmen gut.

Wo finden sich denn solche Märkte?

In Südamerika, im speziellen in Brasilien, aber auch in Afrika. Diese Kontinente werden in 20 bis 30 Jahren die neuen Stars in den Schwellenmärkten sein. Auch Indonesien hat grosses Potenzial. Wer dann beim Boom dabei sein will, muss sich jetzt dort positionieren.

Dies galt einst vor allem für China und andere asiatische Länder. Deren Wachstum gerät nun ins Stocken.

Der Ferne Osten galt als der Markt, der sich am schnellsten entwickeln wird. Nun zeigt sich, dass China und Indien eine Konsolidierungsphase einlegen. Mittel- und langfristig bleiben diese Länder aber Wachstumsmärkte.

60 Prozent des Exports der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie geht nach Europa. Hier stottert der Aufschwung schon wieder, selbst in Deutschland. Bricht die Auftragslage daher wieder ein?

Die Lage in Europa tangiert die hiesige Industrie schon, insbesondere die Maschinenhersteller. Das wird das Wachstum der Exporte verlangsamen. Ein Einbruch der Exporte ist aber nicht zu erwarten. Die Firmen haben gelernt, sich rasch anzupassen. Aber weil der Exportanteil Europas so hoch ist, lässt er sich nicht rasch durch die Erschliessung neuer Märkte kompensieren.

Ein Problem bleibt der starke Franken. Sollte die Nationalbank den Mindestkurs gegenüber dem schwächelnden Euro anheben?

Es ist nicht sinnvoll, am Mindestkurs zu rütteln. Wichtig ist, dass er weiter verteidigt wird. Das gibt den Unternehmen Planungssicherheit.

Unsicher ist auch das Verhältnis zur EU. Wegen der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative stehen die Bilateralen Verträge auf dem Spiel. Was passiert, wenn diese fallen?

Das wäre für den Werkplatz verheerend. Man müsste alles neu verhandeln, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Trifft dies ein, besteht das Risiko, dass Arbeitsplätze verlagert werden.

Unternehmen haben sich in den letzten Jahren aber auch zu stark darauf kapriziert, jüngere, billiger Arbeitskräfte im Ausland zu rekrutieren. Lässt sich dies korrigieren?

Es gilt, verstärkt in die Ausbildung zu investieren und insbesondere auch unser duales Ausbildungssystem beizubehalten. Es bietet riesige Vorteile. Besser ausgeschöpft werden muss das Potential der Arbeitskräfte in der Schweiz. Frauen sind in den Firmen untervertreten. Um mehr ältere Mitarbeiter zu beschäftigen, müssen neue Arbeitsmodelle geschaffen werden. Darin waren Schweizer nicht besonders innovativ. Ermöglicht werden müssen auch mehr Teilzeitpensen.

Reicht dies aus, um den Bedarf an Fachkräften abzudecken?

Wir haben nicht nur billige Arbeitskräfte in die Schweiz geholt. Die Schweizer Firmen haben insbesondere hochqualifizierte, teure Mitarbeiter rekrutiert, um Innovationen voranzutreiben. Wir brauchen weiter offene Märkte. Die offenen, globalen Strukturen der Schweizer Firmen sind eine grosse Stärke. Diese sollten wir nicht ohne Druck aufgeben.