Herr Fichter, bei den Griechenland-Verhandlungen steht extrem viel auf dem Spiel, trotzdem bewegt sich niemand auf den anderen zu. Wie lässt sich das erklären?

Christian Fichter: Beide haben sich in eine vertrackte Situation manövriert. Die Probleme liegen auf mehreren Ebenen. Verhandlungspsychologisch gesehen, macht der Zeitdruck, unter dem beide Seiten stehen, die Lage noch schwieriger.

Wer gibt die bessere Figur ab?

Ganz klar die Griechen. Tsipras und Varoufakis treten viel geschlossener auf als ihre Verhandlungspartner auf der europäischen Seite.

Was macht die Verhandlungen so kompliziert?

Die Griechen haben die Rolle des David eingenommen, der sich gegen den bösen zentraleuropäischen Goliath wehrt. Sie glauben allerdings fälschlicherweise, dass sie im Recht sind. Trotzdem führt das zu einem Wir-Gefühl, selbst bei denjenigen, die sonst vielleicht eher gemässigt wären und wüssten, dass sie auf die Europäer zugehen müssten.

Worin besteht, psychologisch betrachtet, das Problem der Europäer?

Sie wollen um jeden Preis erfolgreich sein. Ein Austritt Griechenlands wäre eine Niederlage, das können sie sich nicht leisten. Und die Griechen wissen das.

Beide Seiten haben inzwischen die sachliche Ebene verlassen. IWF-Chefin Christine Lagarde sagte kürzlich, sie wolle nur noch mit Erwachsenen verhandeln. Was bewegt jemanden zu so einer Aussage?

Das dürfte eine Art Müdigkeit sein, die da aus ihr spricht. Für einen Mediator, also jemanden, der sich professionell mit Streitfällen beschäftigt, wäre das ein klares Zeichen zu sagen: Wir müssen hier stoppen, Abstand gewinnen, schlafen gehen und vielleicht etwas Gesundes essen – und dann nochmals anfangen. Aussagen wie jene von Lagarde sind im Rahmen von Verhandlungen verantwortungslos.

Was wäre nötig, dass sich beide Seiten aufeinanderzubewegen?

Abkühlung. Die Emotionen müssen zurückgefahren werden. Beide sollten sich Zeit nehmen, überlegen, ob sie wirklich zusammenbleiben wollen, und die Gespräche in Ruhe wieder aufnehmen. Dann müsste man zwar das eine oder andere Ultimatum über den Haufen werfen, doch im Sinne der Sache wäre das die beste Lösung.