Debatte
Pro und Kontra: Ist Volkswagen noch fahrbar?

Die Volkswagen AG hat jahrelang mittels einer speziellen Software die Schadstoffwerte bestimmter Dieselmotoren bei Abgastests in den USA manipuliert. Ist VW noch fahrbar? Autoredaktor Peter Ruch sagt Ja, Wirtschaftsredaktor Fabian Hock.

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Nordwestschweiz

Die Volkswagen AG hat jahrelang mittels einer speziellen Software die Schadstoffwerte bestimmter Dieselmotoren bei Abgastests in den USA manipuliert.

Beim Betrieb auf der Strasse lagen sie zum Teil um das 40-fache über dem bei den Tests erzielten Wert.

Aufgeflogen ist der Betrug vor rund zwei Wochen. Konzernchef Martin Winterkorn trat in Folge der Affäre zurück, VW drohen Milliardenkosten durch Rückrufaktionen und Strafzahlungen.

PRO von Autoredaktor Peter Ruch

«VW gehört auf der Strasse immer noch zu den Sparsamsten»

Peter Ruch, Autoredkator

Peter Ruch, Autoredkator

Nordwestschweiz

Ja, Volkswagen hat unser Vertrauen missbraucht. Doch der Konzern baut ausgezeichnete Fahrzeuge, von denen wir profitieren.

Es lässt sich nicht schönreden: Der Volkswagen-Konzern hat betrogen. Die Kunden – und den Umweltschutz. Die Norm, die in den USA mit manipulierter Software und krimineller Energie umgangen werden sollte, ist zwar ein völlig aus der Luft gegriffener Wert – den all die fetten Pick-ups, die in den USA in unglaublicher Zahl verkauft werden, auch nicht nur annähernd erfüllen könnten, würden sie denn mit gleichen Ellen gemessen. Doch Betrug ist Betrug, und das muss personelle Konsequenzen haben. Und das, bitt’schön, in einem anderen Ausmass als etwa bei den Schweizer Banken, die auf einem noch viel höheren kriminellen Niveau operiert hatten.

Andererseits: Der Volkswagen-Konzern baut ja trotzdem ausgezeichnete Fahrzeuge. Das ist auch dem ehemaligen Chef Martin Winterkorn zu verdanken, einem hervorragenden Ingenieur, der sich um jedes Detail wie den Klang der Tür beim Zuschlagen und den maximal möglichen Einspritzdruck gekümmert hat (und halt, wahrscheinlich, leider auch um die Software zur Umgehung der Normen). Winterkorn und seine Heerscharen von Ingenieuren haben in den vergangenen Jahren mit dem Modularen Querbaukasten (MQB) eine Plattform entwickelt, die für die gesamte Autoindustrie die Messlatte bedeutet. Die Qualitätssicherung ist auf einem Niveau, von dem andere Konzerne nur träumen können, die Verarbeitung sauberer und besser als überall sonst.

Ausserdem: auch wenn die VW, Audi, Seat, Skoda & Co. die vom Werk angegebenen Norm-Verbräuche bei weitem nicht erreichen, so gehören sie trotzdem in der Realität, da draussen auf der Strasse, zu den sparsamsten auf dem Markt, sowohl bei den jetzt so sehr in Zweifel gezogenen Dieseln wie auch bei den Benzinern. Und der VW-Konzern hat im Gegensatz zu anderen Herstellern auch ein ziemlich volles Programm von Plug-in-Hybriden und Elektro-Fahrzeugen.

Ja, der Volkswagen-Konzern hat das Vertrauen seiner Kunden missbraucht. Das ist und bleibt unentschuldbar. Doch Tatsache ist eben auch, dass der Ehrgeiz, die Gier, das Ziel, Nummer 1 unter den Auto-Herstellern zu werden, Volkswagen dazu gebracht hat, weit überdurchschnittliche Fahrzeuge zu konstruieren. Und davon profitieren die Kunden am Schluss am meisten.

CONTRA von Wirtschaftsredaktor Fabian Hock

«VW braucht einen Tritt vors Schienbein – einen, der wehtut»

Fabian Hock, Wirtschaftsredkator

Fabian Hock, Wirtschaftsredkator

Nordwestschweiz

Der Konzern hat schon einige Skandale produziert. Dieser ist jedoch schlimmer. Wer noch in 20 Jahren VW fahren will, muss jetzt handeln.

Der VW-Konzern beschäftigt die ungeheure Zahl von 600 000 Menschen. Nur wenige von ihnen sind in den Abgas-Skandal verwickelt. Die Folgen des Schlamassels tragen jedoch alle. Ist es da fair, zum Boykott von VW aufzurufen? Sicher nicht. Doch wie fair wäre es, den Konzern einfach so durchkommen zu lassen mit ein paar Milliarden Dollar Strafen? Angesichts der Schwere der Vorwürfe: auch nicht besonders.

VW hat vorsätzlich gehandelt. Betrogen. In dieser Dimension zum ersten Mal, doch von einer weissen Weste kann bei VW schon lange keine Rede mehr sein. Wer es genauer wissen will, googelt nach Devisenskandal, Opernball-Affäre, Schmiergeldaffäre, Lopez-Affäre und Gehaltsaffäre. Zuletzt machte VW 2005 mit einer Korruptionsaffäre Schlagzeilen, in der der Ex-Betriebsratschef, der Ex-Arbeitsdirektor, diverse schwarze Kassen und einige Prostituierte prominente Auftritte hatten. Blickt man auf die letzten 25 Jahre zurück, kommt einem der VW-Konzern wie ein Biotop vor, in dem Skandale wunderbar gedeihen können. Der jetzt Ex-Chef Martin Winterkorn hat diese Strukturen institutionalisiert und gemeinsam mit dem Ex-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch in Wolfsburg eine Art Patriarchat errichtet, das nach Gigantismus strebt und auf Einschüchterung fusst, wie Beobachter berichten. Ehemalige Ingenieure sprechen von einem «Klima der Angst», in dem sich keiner traut, schlechte Nachrichten zu überbringen.

Vor diesem Hintergrund ist der aktuelle VW-Skandal zu betrachten. Das Gemeine an der jüngsten Affäre: Sie geht wesentlich weiter als die Skandale zuvor. Die Abgasaffäre steht sinnbildlich für ein Missverständnis der europäischen Automobilindustrie: Man glaubt, alles wird schon bleiben wie bisher. Überholte Dieseltechnik auf den US-Markt zu schummeln mag – sofern man dabei nicht auffliegt – kurzfristig Profit bringen. Doch spätestens wenn sich Google und Apple auf dem Automarkt breitgemacht haben und Tesla genügend Ladestationen aufgebaut hat, werden sich VW und Co. fragen müssen, ob sie nicht vielleicht doch ein paar wichtige Entwicklungen verpasst haben.

Der Abgas-Skandal zeigt eindrücklich: VW braucht einen Tritt vors Schienbein. Dieser kann nur wirklich wehtun, wenn er von den Kunden kommt.