Tourismus

Preis-Aufschlag in Österreich gibt Luft für Schweizer Hotels

Erholung in Österreich ist in den letzten Jahren deutlich teurer geworden.

Erholung in Österreich ist in den letzten Jahren deutlich teurer geworden.

In österreichischen Städten und Berggebieten zeigt die Hotellerie ein ansehnliches Wachstum. Die Schweizer Hotellerie denkt darum über Erhöhungen nach – es braucht mehr Geld für Investitionen.

Den österreichischen Hoteliers läuft es, die Gästezahlen wachsen Jahr für Jahr. Also ergreifen sie die Gunst der Stunde – und verrechnen den geschätzten Gästen höhere Preise. Der Verbraucherpreis-Index, der in Österreich die Inflation misst, weist für Hotelübernachtungen um fast 30 Prozent höhere Preise aus als noch zehn Jahre zuvor (siehe Grafik unten). In einigen Regionen zeigt die Preiskurve noch deutlich steiler nach oben.

Und in Österreich freuen sich nicht bloss die städtischen Hotels über gute Geschäftszahlen, wie dies in der Schweiz der Fall ist. In Österreich gab es auch in den Berggebieten ein ansehnliches Wachstum. Insbesondere – und das ist für hiesige Hoteliers besonders gallig – Schweizer Gäste kamen in Strömen, und wohl auch abgewanderte deutsche und niederländische Stammgäste. Das Tirol beispielsweise hatte 2017 stolze 35 Prozent mehr Gäste aus der Schweiz als 2006, in Vorarlberg waren es gar 50 Prozent mehr.

Damit waren Schweizer Gäste der eigentliche Wachstumsmotor im österreichischen Bergtourismus. In Tirol und Vorarlberg waren sie verantwortlich für fast die Hälfte des Gästewachstums der letzten Jahre, so eine Schätzung der Hochschule Luzern. Offensichtlich haben diese Schweizer Touristen auch anstandslos die höheren Rechnungen bezahlt.

Verunsicherte Hoteliers

Die Schweizer Hoteliers konnten da lange nur neidvoll zuschauen. Hierzulande gingen die Preise nicht rauf, blieben nicht einmal auf dem gleichen Niveau, sondern sie gaben nach. Ab 2013 verzeichnete das Bundesamt für Statistik einen Rückgang von fast sieben Prozent, bevor sich die Preise leicht erholten. Auch in der Schweiz verbirgt der Mittelwert grosse Unterschiede. Gemäss Schätzungen von Verbänden zahlen Feriengäste heute gar zwischen 10 und 15 Prozent weniger.

Mittlerweile haben die österreichischen Hoteliers kräftig an der Preisschraube gedreht. Sodass die Schweizer Konkurrenten daraus Hoffnung schöpfen. Andreas Züllig, Präsident Hotelleriesuisse, sagt: «Es sind zwar noch immer viele Kollegen verunsichert.» Die Angst sei gross, Preiserhöhungen könnte Gäste vergraulen. «Aber vergleiche ich, welche Preise die Kollegen weiter östlich verlangen – so dürfen wir ruhig etwas mutiger sein.»

Solche Preiserhöhungen halten viele im Schweizer Tourismus für unumgänglich. «In den letzten Jahren sind die Margen erodiert, weshalb das Geld für die nötigen Investitionen fehlte. Das ist auf Dauer nicht zu verkraften», sagt Züllig. So sehen das auch der Tourismusverband und die Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete, der unter anderem sämtliche Bergkantone und -Gemeinden angehören.

In zahlreichen Tourismusunternehmen seien die Anlagen nicht erneuert worden, schrieben die beiden Verbände diesen Sommer in einem Thesenpapier zum Bergtourismus. «Vor allem in kleineren Destinationen entspricht darum die Infrastruktur nicht mehr dem Standard, den die Gäste von der Schweiz erwarten.» Sprich: Die touristische Infrastruktur verlottert.

Damit wieder Geld da ist, braucht es eine Trendwende: Nach vielen Jahren mit teilweise schweren Verlusten müssen wieder mehr Gäste den Weg in die Schweiz finden. Diesen Winter meinte die Marketingorganisation «Schweiz Tourismus» bereits, eine solche Wende erkannt zu haben.

«Charme der Sechzigerjahre»

«Die achtjährige Durststrecke ist überstanden», wurde für die gesamte Branche vermeldet, weil die Hotelübernachtungen gegenüber dem Vorjahr erstmals wieder gestiegen waren. Anderen Akteuren geht das entschieden zu schnell. «Von einer Trendwende kann nicht die Rede sein», konterten Tourismusverband und die Arbeitsgemeinschaft der Berggebiete (SAB).

«Das kann sehr rasch ändern», sagt etwa SAB-Direktor Thomas Egger. Die Kundschaft aus dem Euroraum reagiere sehr sensibel auf den Währungskurs. Das gilt insbesondere für den Alpenraum. Dort sind die Hotels am stärksten vom Eurokurs abhängig, stellte jüngst die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich fest. Lege der Franken um 1 Prozent zu, hätten die Hoteliers gleich knapp 2 Prozent weniger Logiernächte.

Und den Verbänden ist der Bergtourismus schlicht zu tief gefallen, als dass sie schon Entwarnung würden geben wollen. «Massiv an Terrain eingebüsst» habe dieser, den einstigen Status als «Aushängeschild des Ferienlandes Schweiz» verloren und benötige nun «grundlegende Reformen». Sonst, so die Verbände weiter, werde es in den Berggebieten ungemütlich.

Der alpine Tourismus sei «too big to fail», was heissen will: wirtschaftlich von zu grosser Bedeutung, als dass man ihn im freien Wettbewerb untergehen lassen könnte. Bei einem weiteren Rückgang werde «die wirtschaftliche Basis in den Berggebieten wegbrechen» und somit «die Existenzgrundlage der Bevölkerung gefährdet».

Solch apokalyptisch anmutende Warnungen entstammen wohl Statistiken wie dieser: Graubünden, als eigentlicher Tourismuskanton, hatte 2017 noch immer 22 Prozent weniger Logiernächte als 2008. Im gesamten Alpenraum beträgt das Minus etwa 9 Prozent.

Österreich hat es besser – das gilt auch für Investitionen in die touristische Infrastruktur. Dort fliesse Geld aus staatlichen Strukturfonds auch in Bergbahnen und Hotels, wie SAB-Direktor Egger hervorhebt. Entsprechend modern seien die Anlagen. Die Schweiz lasse sich das touristische Marketing einige Millionen kosten, für Innovationen bleibt vergleichsweise wenig übrig. Egger: «Es bringt uns aber herzlich wenig, wenn wir ausländische Gäste in die Schweiz locken – und diese sich in einem Hotel mit viel Sechzigerjahre-‹Charme› wiederfinden.»

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