Konsum
Post-Chef Ulrich Hurni spricht erstmals über die Kooperation mit Amazon

Das Paketgeschäft legt dank des boomenden Onlinehandels weiter zu. Post-Chef Ulrich Hurni rechnet aber nicht damit, dass der Onlineriese Amazon in der Schweiz bald eine Offensive starten wird.

Benjamin Weinmann
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«Die Paketzentren sind voll, für uns ist dieses Geschäft lukrativ», sagt Interimschef Ulrich Hurni.

«Die Paketzentren sind voll, für uns ist dieses Geschäft lukrativ», sagt Interimschef Ulrich Hurni.

Keystone

Die Aufregung war gross, als im Herbst erstmals Gerüchte bekannt wurden, dass die Schweizerische Post mit dem US-Onlinewarenhaus Amazon anbandeln würde. Die «Bilanz» titelte: «Jetzt kommt Amazon in die Schweiz!» Im Frühling dann die Nachricht: Die Post hat mit den Amerikanern einen Vertrag unterschrieben, der die Verzollung und Lieferung der Amazon-Pakete vereinfachen soll.

Für den zuletzt arg gebeutelten Schweizer Detailhandel war dies eine Bombe. Zwar wurde der Marktangriff des Konzerns mit einem Börsenwert von rund einer Billion Dollar schon seit längerem erwartet. Doch dass nun die Post Amazon den roten Teppich ausrollen sollte, sorgte bei manchen Händlern hinter vorgehaltener Hand auch für Wut. Der Vorwurf: Der Staatsbetrieb hilft dem ausländischen Giganten, den Schweizer Detailhandel noch stärker unter Druck zu setzen.

Nun spricht Ulrich Hurni, Leiter der Sparte Post Mail und seit Juni Interimschef des gelben Riesen, erstmals über die Kooperation mit dem US-Konzern. «Amazon ist schon seit Jahren ein Kunde von uns», sagt Hurni. Doch bisher seien die Pakete über verschiedene Wege und Verzollungsmethoden in die Schweiz gelangt, da Amazon in Europa kein zentrales Lager habe. Für Amazon-Kunden hatte dies zur Folge, dass nicht das ganze Sortiment verfügbar und die Sendungsabwicklung kompliziert war.

Neu habe man den Amerikanern eine neue Gesamtlösung anbieten können für den Transport, die Verzollung und die Lieferung auf der letzten Meile. «Bisher funktioniert der Test sehr gut», sagt Hurni. Gleichzeitig gibt der Temporär-Nachfolger von Susanne Ruoff aber vorläufige Entwarnung an die Adresse der nervösen Detailhändler. «Die Mengen, die über die neue Lösung bearbeitet werden, sind bisher noch nicht riesig.» Und überhaupt rechnet Hurni nicht mit einer baldigen Marktoffensive von Amazon. «Ich gehe davon aus, dass sie in der kommenden Zeit in erster Linie wohl ihre Präsenz in grösseren Märkten wie Deutschland und England weiter ausbauen.»

Millionen dank China-Päckli

Auch so legt das Paketgeschäft dank des boomenden Onlinehandels weiter zu. «Das Geschäft wächst um rund 7 Prozent», sagt Hurni. Der deutsche Online-Modekonzern Zalando sei mit Abstand der grösste Kunde. «Die Paketzentren sind voll, für uns ist dieses Geschäft lukrativ», sagt Hurni. Deshalb investiere man auch in neue Infrastrukturen. So baut die Post für 150 Millionen Franken drei neue regionale Paketzentren: Im Raum Landquart GR, in Vétroz VS und in Cadenazzo TI. Diese sollen bestehende Zentren, wie jenes in Frauenfeld TG, entlasten.

Etwas entspannt hat sich laut dem Post-Chef die Zoll-Situation mit den chinesischen Billig-Päckli von Händlern wie Alibaba oder JD, die durchschnittlich weniger als 300 Gramm wiegen und zunehmend die Schweiz überschwemmen. Die chinesischen Händler, die ihre UBS-Kabel, Handyhüllen und Modeaccessoires online zu Spottpreisen verkaufen, profitieren zusätzlich von vergünstigten Post-Tarifen, die vom Weltpostverband festgelegt wurden. Die China-Sendungen sind dadurch für schweizerische und internationale Post-Unternehmen nicht kostendeckend.

Nun hat der Weltpostverband reagiert. In den nächsten Jahren werden die Posttarife Schritt für Schritt erhöht. «Unsere Vergütung für den Vertrieb der Billigpäckli aus China wird somit grösser. Dieses Jahr ist es ein siebenstelliger Betrag», sagt Hurni. Die Vollkosten seien damit noch nicht gedeckt, doch die Richtung stimme.

Ruoff-Nachfolge: Hurni nimmt sich aus dem Chef-Rennen

Wer wird Nachfolger von Susanne Ruoff, die im Juni unter massivem Druck im Zuge der Postauto-Affäre den Hut als Post-Chefin nehmen musste? Die Frage bleibt offen, doch klar ist nun: Übergangschef Ulrich Hurni, Leiter des Briefverkehrs und oftmals als Mitfavorit gehandelt, wird es nicht. «Ich war nie und werde nie Kandidat», sagte der Freiburger gestern vor einer kleinen Runde von Journalisten. Auch als Ruoff zur Konzernchefin ernannt wurde, habe er sich nicht beworben. «Ich wollte nie Post-Chef werden.» Als Stellvertreter Ruoffs sei es aber naheliegend gewesen, dass er die CEO-Rolle ad interim übernehmen werde. Ziel sei nach wie vor, bis Ende Jahr den Mann oder die Frau auserkoren zu haben. «Bis zum Stellenantritt kann es aber noch einige Monate dauern.» Hurni will also nicht. Doch hätte er überhaupt gedurft? In der Branche und am Hauptsitz gilt der 60-Jährige mit langer Post-Vergangenheit als geschätzt. Doch es bestehen Zweifel, wie weiss seine Weste in der Postauto-Affäre ist, wie kürzlich SRF mit Bezug auf den 200 Seiten langen Untersuchungsbericht schrieb. Demnach standen in einer Aktennotiz vom 17. April 2013 vier Varianten zur Debatte, um Gewinne bei der Postauto-Tochter vor dem Bundesamt für Verkehr zu verstecken. Diese Aktennotiz sei an die ganze Konzernleitung gegangen – und damit auch an Ulrich Hurni.

Auf die Frage der «Nordwestschweiz», was diese Vorbelastung mit seinem Entscheid zu tun habe, sagt Hurni: «Ich habe diese Aktennotiz nie erhalten. Diese Information im Bericht ist falsch.» Fühlt er sich also nicht verantwortlich? «Als Chef der Sparte Post Mail war es nicht meine Aufgabe, die Betriebsbuchhaltung eines Nachbarbereichs zu kontrollieren.» Hurni spricht von einem «Fehler im System». (BWE)