Medizin

Politiker greifen Versandhandel-Verbot für rezeptfreie Medikamente an

Versandhändler und Apotheker zanken sich schon seit Jahren.

Versandhändler und Apotheker zanken sich schon seit Jahren.

Rezeptfreie Medikamente dürfen in der Schweiz faktisch nicht versandt werden. Politiker wollen das jetzt ändern. Sie argumentieren mit dem Einkaufstourismus.

Es ist eine Schweizer Eigenheit der speziellen Art. Der Versandhandel von Medikamenten ist verboten. Eine Ausnahme macht der Gesetzgeber, wenn ein Rezept eines Arztes vorliegt. Das führt zur leicht absurden Situation, dass auch für rezeptfreie Medikamente ein ärztliches Rezept nötig ist, wenn sie bei einem Online-Shop bestellt werden.

Auch der Weg, den der Thurgauer Versandhändler zur Rose wählte, wurde 2015 verboten. Die Firma liess die Kunden bei der Bestellung einen Fragebogen zu ihrer Gesundheit ausfüllen. Auf Basis der Antworten stellte ein Arzt ein Rezept aus. Doch das passte den Apothekern und Drogisten gar nicht. Zusammen mit der Zulassungsbehörde Swissmedic bekämpften sie das Geschäftsmodell von zur Rose bis vor Bundesgericht. Nur wenn vorgängig ein Rezept vorliege, dürften rezeptfreie Arzneimittel versandt werden, befand das oberste Gericht. Zur Rose stellte in der Folge dieses Geschäft ein.

Absurde Lage

Nun nehmen die Versandhändler einen Anlauf, um auf das Verbot zurückzukommen. Der Walliser FDP-Nationalrat Philippe Nantermod hat dazu eine Interpellation eingereicht. Firmen, die rezeptfreie Medikamente über den Versandhandel verkaufen wollten, befänden sich in einer absurden Lage. Mit dem Verbot werde der Einkaufstourismus gefördert. Denn wer im Ausland rezeptfreie Medikamente online bestellt, darf dies gemäss Gesetz tun.

Nantermod fordert vom Bundesrat Vorschläge, wie man der Branche ermöglichen könne, den neuen Gewohnheiten der Konsumenten zu begegnen. Zudem fragt er, ob die Regierung nicht fürchte, dass das geltende Recht die Branche zugunsten der ausländischen Anbieter gängelt.

Support der Grünliberalen

Unterstützung erhält Nantermod etwa von den Grünliberalen. Aus einer wettbewerbsrechtlichen Optik macht das Verbot keinen Sinn mehr, sagt Nationalrätin Kathrin Bertschy. Rezeptfreie Medikamente sollten sowohl in Online-Shops als auch im Detailhandel gekauft werden dürfen. Jedoch stellt sich für sie die Frage, was das für die Apotheken auf dem Land und die damit verbundene Grundversorgung bedeutet. Dies müsse vertieft analysiert werden.

Für CVP-Nationalrat Thomas Egger ist dagegen klar, dass der Versandhandel enorm helfen könne, um die medizinische Grundversorgung in entlegenen Landesteilen zu verbessern. Der Walliser ist Direktor der Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Hier sehe man sich damit konfrontiert, dass sich die Hausarztmedizin zunehmend zurückziehe und Apotheken vor allem in urbanen Zentren angesiedelt seien.

Test nicht bestanden

Nach wie vor keine Freude an der Online-Konkurrenz hat der Apothekerverband Pharmasuisse. Der Verband der Versandapotheken wollte mit den betroffenen Verbänden den Austausch an einem runden Tisch suchen. Seine Einladung haben die Apotheker ausgeschlagen. Zu den Gründen will Pharmasuisse nicht Stellung nehmen.

Während auf politischer Ebene am Verbot gerüttelt wird, hat ein Selbstversuch für Aufsehen gesorgt. Thomas Lang, Inhaber einer Beratungsfirma für Online-Handel, hat bei vier Apotheken im Kanton Zürich per E-Mail rezeptfreie Medikamente bestellt. Zwei Apotheker waren sofort bereit, die Arzneien zu verschicken. Pikant: Bei der dritten Apotheke handelt sich um jene von Lorenz Schmid, Präsident des Apothekerverbands des Kantons Zürich.

Die Apotheke beschied Lang, dass man die Produkte verschicken könne, stellte aber einige Rückfragen. Die «Handelszeitung» konfrontierte Schmid mit dem Test. «Wir stellen rezeptfreie Medikamente nur jenen Kunden zu, die wir persönlich von Kontakten in der Apotheke her sehr gut kennen, über deren Gesundheitszustand wir im Bilde sind und mit denen wir telefonisch Rücksprache genommen haben.» Schmid kommt daher zum Schluss, dass seine Mitarbeiterin «knapp ungenügend» gehandelt habe.

Apotheker gegen Wildwuchs

Die Zulassungsbehörde Swissmedic hält fest, dass für alle Medikamente, die in der Schweiz im Versandhandel verkauft werden, ein ärztliches Rezept vorliegen müsse. Der Vollzug und die Aufsicht lägen aber allein bei den Kantonen. Das Vorgehen der Apotheken sei, wie vom Bundesgericht festgehalten, auch aus Sicht der Aufsichtsbehörde nicht zulässig, lässt ein Sprecher der kantonalen Heilmittelkontrolle Zürich ausrichten. Und weiter: «Die öffentlichen Apotheken im Kanton Zürich sollten über die diesbezüglichen rechtlichen Vorgaben im Bilde sein.»

Der Apothekerverband wird sich weiterhin gegen eine Lockerung des Verbots wehren. Bei der Revision des Heilmittelgesetzes versuchte er erfolglos, die Bestimmung sogar noch leicht zu verschärfen. Letztlich habe das Parlament das Verbot im Grundsatz anlässlich der Revision aber erneut bestätigt, sagt Fabian Vaucher, Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse. Der Gesetzgeber verlange, dass vor dem Versand eines Medikaments ein Kontakt zwischen Kunden und einer Fachperson stattfinden müsse. Dies sei garantiert, indem unter anderem ein ärztliches Rezept verlangt werde.

Damit werde sichergestellt, dass sich der Versandhandel nicht zum Selbstbedienungsmarkt mit Arzneimitteln entwickle. In den USA etwa habe dies zu Missbräuchen, Fehlmedikationen und entsprechenden Gesundheitsschäden zulasten der Allgemeinheit geführt.

Anders sieht das Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli. «Es ist in aller Interesse, wenn sich Politiker nun dafür einsetzen, den Online-Versandhandel zu öffnen und zeitgemäss zu regeln.» Die Konsumenten forderten die freie Wahl des Bezugskanals. Dies zeigten etwa die Online-Käufe rezeptpflichtiger Medikamente, die stark zunehmen würden. «Die veraltete geltende Regelung für den Bezug von rezeptfreien Arzneimitteln ignoriert die Realität komplett.»

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