Pharma

Pillenexporte bringen der Schweiz mehr Geld als Uhren und Maschinen

Die Pharma-Branche ist die Exportkönigin der Schweiz, obwohl sie nicht zu den grössten Arbeitgebern zählt. In der Finanzbranche ist die Zahl der Arbeitsplätze je nach Auslegung um ein Mehrfaches höher.

Die Schweizer Volkswirtschaft lebt nicht nur vom Finanzplatz, sondern auch von der Pharmaindustrie. Zwar fällt die Zahl der Arbeitsplätze im Vergleich zu den Banken oder anderen Branchen gering aus. Grund dafür ist die sehr hohe Produktivität bei der Herstellung von Medikamenten. Doch vor allem dank der Pharmaindustrie reüssiert die Schweiz als Exportnation.

«Die Pharmabranche bildet neben dem Maschinenbau das industrielle Rückgrat des Landes», sagt Martin Eichler, Chefökonom beim Konjunkturforschungsinstitut Bakbasel. Vor allem auch ist sie wenig konjunktursensibel und ihre Umsätze schwanken im Gegensatz zur Finanzbranche und zur Maschinenindustrie weniger.

Mit rund 30 Prozent der gesamten Ausfuhren stellen Medikamente den Löwenanteil bei den Schweizer Exporten. Die Lieferungen von Schokolade, Uhren und Industriemaschinen ins Ausland sowie Devisen aus dem Tourismus liegen zusammengenommen wertmässig unter den Pharmaprodukten. Im Jahr 2011, für das die jüngsten Zahlen vorliegen, kamen die Medikamentenausfuhren auf gut 60 Milliarden Franken.

Die Basler Novartis ist mit einem Anteil von über 14 Prozent an den gesamten Ausfuhren einer der grössten Exporteure des Landes. Sie ist neben Roche weltweit führend bei Krebsmedikamenten.

Dennoch ist die Zahl der Arbeitsplätze vergleichsweise gering. Während in der Finanzbranche allein 260'000 Menschen beschäftigt, sind es in der Pharmaindustrie laut Bakbasel rund 40'000. Der Verband Interpharma errechnet mit vor- und nachgelagerten Branchen 144'000 Jobs.

Ein Blick auf die Daten des Bundesamtes für Statistik ergibt gut 100'000 Arbeitsplätze (mit Grosshandel und Apotheken). Auch wenn die jüngsten Angaben von 2008 sind, zeigt sich, dass die Zahl der Arbeitsplätze bei der Herstellung von Medikamentenrohstoffen seit zehn Jahren stark zurückgegangenen ist. Doch die Stellen in der Forschung und bei Biotech-Medikamenten sind gestiegen.

Eichler und Bakbasel erwarten, dass die Pharmabranche weiter überdurchschnittlich zulegen wird und kurzfristig einen höheren Wachstumsbeitrag am Bruttoinlandprodukt hat als die Finanzbranche. Der Grund liegt aber nicht in der ausserordentlichen Aufholjagd der Pharmaindustrie, sondern an dem auf kurze Sicht erwarteten schwächeren Finanzplatz. Bakbasel geht davon aus, dass mit dem Ende der Schwarzgeldstrategie das Wachstumspotenzial der Branche zunächst schrumpft, bevor längerfristig wieder mehr Wachstum möglich ist.

Chance und Grenze des Wachstums

Für die Pharmabranche sieht Eichler «viel zukünftiges Potenzial», und zwar kurz- wie langfristig. Allein schon die steigende Zahl alter Menschen in den westlichen Staaten sowie der Aufstieg der Mittelschicht in den Schwellenländern sprechen dafür. Die Absatzmärkte werden damit grösser. Und bei Novartis und Roche gibt es vielversprechende neue Krebs- medikamente, sodass beide ihre Umsatzeinbussen durch auslaufende Patente gut meistern dürften.

Doch umso mehr rückt die Frage nach der Bezahlbarkeit in den Fokus. Nicht nur in der Schweiz läuft die Diskussion um die Medikamentenpreise. Auch in den USA, wo Pharmakonzerne bislang die Preise selbst festsetzen konnten, wird debattiert. Denn die neuen Krebsmittel, die pro Jahr und Patient über 100'000 Dollar kosten können, treiben die Preise.

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