Nichts anderes als die Nummer 1 der Branche will Philomena Colatrella in drei Jahren führen: «Ein stolzes Ziel. Man muss Ambitionen haben.» Das ist eine Kampfansage der Chefin des Krankenversicherers CSS. Das Unternehmen hat die meisten Grundversicherten der Branche. Dafür weist die Helsana mit 6,4 Milliarden Franken ein um mehr als 400 Millionen Franken höheres Prämienvolumen aus.

Seit letztem September ist Philomena Colatrella (48) die Chefin der Luzerner CSS mit 1,33 Millionen Grundversicherten und 2700 Mitarbeitern. In ihrer Freizeit spielt sie Tennis. Der Sport entspricht ihrem Charakter. «Das Spiel ist ein Duell», sagt sie, «ein Wettbewerb. Das habe ich gerne. Ebenso, dass klar ist, wer gewinnt und verliert.»

Sie beherrscht den Angriff, kann sich durchsetzen. Bereits vor ihrem Amtsantritt führte sie Gespräche mit 100 Mitarbeitern, «nicht eins zu eins», sondern mit mehreren Personen: «Ich wollte, dass die Probleme auf den Tisch kamen.» Als Folge dieser Diskussionen reorganisierte sie die CSS und krempelte die Konzernleitung um. Von der früheren Führungscrew ist noch ein Mitglied im Amt.

Ihr Name ist Programm

Philomena heisst laut dem Internet-Lexikon Wikipedia entweder «Freundin des Mutes» oder «den Eifer liebende, ungestüme Frau». Sie sagt, auf sie treffe «eine Synthese von beidem» zu. Ungestüm zu sein, wäre heikel, räumt sie ein: «Aber Mut ist sicher eine Eigenschaft, die es in dieser Branche braucht. Es braucht auch Mut, zu sagen, ich übernehme die Verantwortung als Chefin.»

In dieser Funktion ist sie exponiert. Sie weiss, sie steht unter Beobachtung der Branche. Dass bereits vor ihrem Amtsantritt zwei Konzernleitungsmitglieder das Unternehmen verlassen mussten, galt als hart, als Zeichen, das sie setzen wolle.

Dabei sei es ihr um etwas ganz anderes gegangen, sagt Philomena Colatrella: «Ich wollte mein Team zusammenstellen und mit Leuten zusammenarbeiten, die Lust haben, die Branche weiterzubringen und nicht einfach zu verwalten. Ich bin keine Verwalterin.»

Mit Philomena Colatrella sitzt erstmals eine Frau im Vorstand des Schweizerischen Versicherungsverbands. In der Kassenbranche gibt es neben ihr nur noch drei weitere Top-Managerinnen: Bei der Nummer 3, der Groupe Mutuel, ist Karin Perraudin Vorstandspräsidentin. Verena Nold führt den Krankenversicherungsverband Santésuisse.

Yvonne Dempfle ist Geschäftsführerin der Zuger Krankenkasse Klug mit 6500 Grundversicherten und 10 Mitarbeitern. Es sei eben noch immer keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen Führungspositionen übernehmen, sagt Philomena Colatrella: «Ich hatte nie das Gefühl, benachteiligt zu sein. Aber ich hatte immer das Gefühl, viel arbeiten zu müssen, mich also über Leistung zu beweisen.» Ab 7.15 Uhr ist sie im Büro, «spätestens» um 20.00 Uhr zu Hause. Mit ihrem Mann, einem Architekten, esse sie abends zwei bis drei Mal pro Woche zusammen.

Branchenkenner sagen, sie habe die frühere Firmenkultur aufgebrochen. Unter ihrem Vorgänger hätten sich die Konzernleitungsmitglieder in ihren Ressorts verschanzt. Philomena Colatrella hingegen will als Chefin den Konzern effektiv führen. «Ich mache klare Vorgaben», bestätigt sie.

Sie vertraue ihren Leuten, wolle aber auch, dass sie noch mehr Verantwortung übernähmen. Und sie möchte die «Leistungsorientierung» erhöhen: «Der Druck ist zwar heute schon hoch, extern wie intern. Wir können noch mehr.»

Polyglott unterwegs

Sie schätzt Luzern, weil sie sich hier wohlfühle. Dennoch missfällt Philomena Colatrella der Provinzialismus. Sie sei sehr global ausgerichtet, sagt sie: «Ich bin viel gereist und liebe fremde Kulturen.» Sie spricht fünf Sprachen, neben den Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch auch Englisch und Spanisch.

Umso erstaunlicher ist, dass sich die Juristin für eine Karriere in einer Branche entschieden hat, die weder global ist, noch als trendy gilt. Bei der CSS gemeldet hatte sie sich 1999, kurz nach dem Abschluss ihres Anwaltspatents. Der Versicherer suchte damals eine italienischsprachige Juristin für das Tessin.

Noch während der Probezeit wollte sie wieder aussteigen und an der London School of Economics weiterstudieren. Die Kassenbranche sei langweilig, sie hätte schon alles gesehen, sagte sie ihrem Chef. Er köderte sie erfolgreich mit dem Angebot, die Stellvertretung des Leiters des Rechtsdiensts übernehmen zu können.

Danach erhielt sie immer wieder für sie spannende neue Aufgaben. So war sie massgeblich am Aufbau der Holding beteiligt, welche die alte Vereinsstruktur ablöste, sowie an der Integration der 2007 übernommenen Intras.

Heute fasziniert sie die trockene Versicherungsmathematik; sie arbeitet sich «akribisch» in die Materie ein, um sich auf Augenhöhe mit den Vertretern der Aufsichtsbehörden und der Politik auseinandersetzen zu können. Daher könnte sie auch eine Rolle übernehmen, die der Branche seit längerem fehlt. Nämlich der Öffentlichkeit glaubhaft darzustellen, warum es Krankenversicherer braucht und was sie tun können, damit insbesondere die obligatorische Krankenversicherung finanzierbar bleibt.

Dabei müssten die Versicherer die Themenführerschaft übernehmen, sagt Philomena Colatrella: «Mein Anspruch ist, dies auszuüben und zu leben. Ich bin gerne Aussenministerin.» Dabei brauche es mehr Bereitschaft zum Dialog: «Die Art und Weise, wie Vertreter von Ärzten, Spitälern oder Krankenversicherern miteinander reden, ist verbesserungsbedürftig.»

Sie spielt Klavier, hat einst Gesangsunterricht genommen und ist Abonnentin des Stadttheaters Luzern. Zudem sitzt Philomena Colatrella im Stiftungsrat des von Emil Steinberger gegründeten Kleintheaters Luzern. «Ich schätze gesunden und intelligenten Humor», sagt sie: «Ich mag Ecken und Kanten und den Diskurs.»

Gerne widerborstig

Das lässt sie auch Kassenaufseher spüren. Die CSS reichte mehrere Beschwerden gegen das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Finanzmarktaufsicht ein (siehe Artikel unten). So weigerte sich Philomena Colatrella, dem BAG Personendaten zu liefern.

Es sei weder klar gewesen, was die Aufseher wollten, noch für was sie die Daten verwenden wollten, sagt sie: «Ich muss sicherstellen, dass mit den Daten unserer Versicherten sorgfältig umgegangen wird. Nur so kann ich in Zukunft digitale Angebote machen.»

Das ist typisch für die Rechtsanwältin. Sie will die Interessen ihrer Versicherten vertreten. Auch gegen Widerstände. Dazu zählt für sie, mit Ärzten und Spitälern und anderen Leistungserbringern die optimale Behandlung für erkrankte Kunden sicherzustellen.

Aber auch ein gutes Kostenbewusstsein zu haben, um einen Teil der damit erzielten Einsparungen über die Prämien an die Kunden weitergeben zu können. Hohe Ziele, die sich Philomena Colatrella setzt. Sie steht im Schaufenster, weiss, dass sie daran gemessen wird.

Ihre Eltern stammen aus Avellino, einer Stadt östlich von Neapel. Zu Hause pflegt die Seconda ihre Wurzeln. Sie kocht gerne italienisch: «Das geht schnell, ist einfach und gesund.» Auf den Tisch kommt Fisch: «Kein Fleisch.»