Der gebürtige Schotte Bill Burns verbrachte den grössten Teil seiner Karriere beim Pharmakonzern Roche. Mitte der 80er-Jahre stieg er als Verkaufsleiter in Grossbritannien ein. In der Folge arbeitete er sich bis zum Chef der Pharmadivision hoch. Diese leitete er während neun Jahren unter der Ägide von Konzernchef und Präsident Franz Humer. In der Folge sass Burns während vier Jahre im Verwaltungsrat von Roche. Danach übernahm Burns verschiedene Mandate, etwa beim irischen Pharmakonzern Shire. Seit vergangener Woche ist Burns Verwaltungsratspräsident der Biotechfirma Molecular Partner mit Sitz in Schlieren. Diese forscht an mehreren Augen- und Krebsmedikamenten und befindet sich seit 2015 an der Börse. Das Unternehmen ist mehrere Partnerschaften eingegangen, darunter mit dem Botox-Hersteller Allergan.

Herr Burns, Sie sind 70 Jahre alt. Andere beenden spätestens in diesem Alter ihre Karriere. Sie übernehmen nun das Präsidium der Biotechfirma Molecular Partners. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Bill Burns: Das Unternehmen verfolgt einen interessanten wissenschaftlichen Ansatz. Gerade in der Onkologie sehen wir immer mehr Angriffspunkte für Medikamente. Gleichzeitig werden Kombinationstherapien immer wichtiger. Molecular Partners verfolgt den Weg, mehrere Wirkungsmechanismen in einem Wirkstoff zu vereinen. Als Abspaltung von der Universität Zürich mit talentierten jungen Wissenschaftlern verfügt die Firma zudem über eine gute Basis.

Sie waren während 28 Jahren operativ für Roche tätig, danach übernahmen sie mehrere Verwaltungsratsmandate. Kam nie der Wunsch auf, den Ruhestand zu geniessen?

Nein. Als ich bei Roche arbeitete, war völlig klar, dass der damalige Verwaltungsratspräsident Franz Humer und ich nicht gleichzeitig abtreten konnten. Denn zwischen uns liegt nur ein Jahr Altersunterschied. Ich gab mit 62 Jahren meine operative Rolle bei Roche auf, als die US-Tochter Genentech vollständig übernommen wurde. So hatte ich Zeit für neue Aufgaben.

Sie haben Ihren Schritt also nie bereut?

Nein. Das lief alles sehr kollegial ab. Es gib mir auch nie darum, mich an einer Position festzukrallen. Für mich war es der richtige Zeitpunkt, nach neun Jahren als Chef der Pharmadivision zurückzutreten.

Viele ausländische Manager gehen nach ihrem Karriereende zurück in ihre Heimat. Sie sind der Schweiz und der Region Basel treu geblieben. Weshalb?

Ich habe nirgendwo länger gelebt als in der Schweiz. Letztlich spielen Menschen für mich eine wichtigere Rolle als der Heimatort. Wir haben viele Freunde hier. Als ich meine operative Funktion bei Roche aufgab, fragte ich meine Frau, wo sie leben will. Sie sagte, bevor sie wisse, wie mein künftiges Leben aussehen werde, möchte sie hier bleiben. Wir fühlen uns wohl hier.

Inwiefern gibt es Parallelen zwischen der Schweiz und Ihrer Heimat Schottland?

Bezüglich der Arbeitsmoral liegen die beiden Länder nicht weit auseinander. Es gibt ein Element in mir, das baslerisch ist. Schotten prahlen nicht gerne, sondern sind in der Regel bescheiden und werden unterschätzt. Das half sicher, um mich hier sehr wohlzufühlen.

Aber Schweizer wollten Sie nie werden?

Bis zum Brexit war das für mich kein Thema und für mich auch nicht notwendig. Ich habe eine Aufenthaltsbewilligung und fühle mich wohl hier. Wenn Sie mich fragen woher ich komme, dann bin ich zunächst Europäer, dann Brite und dann Schotte. Ich bin ein Verfechter Europas, gerade auch als Friedenstifterin. Da ist zuletzt leider etwas in Vergessenheit geraten.

Sie hätten sicher auch Mandate bei anderen Biotechfirmen annehmen können. Wieso ausgerechnet Molecular Partners?

Mich motivierte stets wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu nutzen, um Medikamente zu entwickeln, die die Medizin wirklich voranbringen und einen Nutzen für die Gesellschaft bringen. Zudem war ich daran interessiert, jungen Leuten zu helfen, sie in ihrer Karriere voranzubringen. Das war schon bei Roche so, aber auch danach.

Hat beim Entschied auch der Wunsch eine Rolle gespielt nach vielen Jahren in einem Grosskonzern die Geschicke eines kleinen Unternehmens zu leiten?

Für mich spielt Grösse keine Rolle. Es interessiert mich nicht, auf die Brust zu schlagen und zu sagen, ich arbeite für ein grosses Unternehmen.

Wenn Sie auf Ihre Zeit bei Roche zurückblicken, was können sie davon Molecular Partners mit auf den Weg geben?

Ich bin in Pharmaindustrie im Verkauf gross geworden. Um erfolgreich zu sein, müssen sie die Produkte verstehen, die sie verkaufen. Deshalb habe ich mir stets mehr Wissen angeeignet, sei es über die Entwicklung, die Produktion oder die Vermarktung von Medikamenten. Ich denke mein Rucksack an Erfahrung ist daher recht voll. Zudem habe ich seit meinem Abgang von Roche auch für kleinere Firmen gearbeitet. Das hilft auch, sich aufgrund der beschränkten Mittel aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Sie waren bei Roche auch für Krebsmedikamente zuständig. Seit Ihrem Abgang gab es in der Onkologie einige bemerkenswerte Fortschritte. Verschiedentlich hört man das Wort Heilung im Zusammenhang mit Krebs. Wie sehen Sie das?

Ohne Zweifel gibt es verschiedene Krebsarten, wo Patienten nach der Behandlung fünf Jahre und länger am Leben bleiben. Viele Definitionen werten dies als Heilung. Gleichzeitig gibt es viele andere Krebsarten, wo wir noch nicht so weit sind oder wir sogar bemerkenswert wenig Fortschritt gemacht haben.

Digitalisierung spielt in der Forschung, gerade auch bei Krebs, eine immer wichtigere Rolle. Wo sehen Sie das Potenzial?

Dank der modernen Diagnostik verfügen wir über immer mehr Daten. Um diese schiere Menge nutzbar zu machen, werden künftig künstliche Intelligenz und Computersimulationen eine wichtige Rolle spielen. Onkologen dürften daher verstärkt computergestützt arbeiten, um zu entscheiden, wie sie Patienten behandeln sollen.

Letztlich kann ein einzelner Arzt solche Datenmengen gar nicht mehr absorbieren?

Das wird eine Herausforderung. Schauen Sie sich nur die Dimensionen an. Die Daten eines Patienten sind umfangreicher als die Daten, die mit dem Hubble-Teleskop in den letzten 20 Jahren gesammelt wurden. Letztlich werden wir kleinere Nadeln in immer grösseren Heuhaufen suchen.

Was heisst das für die Forschung?

Wir brauchen neue Fähigkeiten. Mittlerweile werden sogar Astrophysiker beigezogen, weil die Datenmenge so gross geworden ist. Sie können mit ihren spezifischen Fähigkeiten helfen, aus diesem riesigen Datenberg die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Molecular Partners entwickelt unter anderem ein Medikament gegen mehrere Krebsarten. Die Onkologie ist ein extrem umkämpftes Feld. Glauben Sie, sich von der Konkurrenz genügend abheben zu können?

Es geht darum, Anwendungsgebiete zu finden, die noch nicht so hart umkämpft sind. Es ist daher wichtig, die Konkurrenz im Auge zu haben. Entscheidend ist aber, wie das eigene Medikament den bisherigen Therapiestandard übertreffen kann. Natürlich forschen sehr viele Firmen im Krebsbereich, das gilt aber auch für andere Krankheitsgebiete wie Autoimmunkrankheiten.

Krebsmedikamente stehen häufig in der Kritik sehr teuer zu sein, aber in vielen Fällen nur einen geringen Zusatznutzen zu vergleichbaren Präparten zu bringen. Was sagen Sie dazu?

Die Debatte über Preise fixiert auf die Phase, wo Medikamente patentgeschützt sind. Verlieren die Präparate die Exklusivität, stehen sie der Gesellschaft für Jahre oder Jahrzehnte als günstige Generika zur Verfügung. Wollen wir Innovationen fördern, hat das seinen Preis.

Dennoch nimmt der Druck auf die Preise zu.

Bei gewissen Krankheitsbildern wie etwa Bluthochdruck scheinen die Patienten mit den heutigen Therapien zufrieden zu sein. Dann wird es zu Recht schwierig, für neue Medikamente einen hohen Preis durchzusetzen. Bei Krebs jedoch ist die Nachfrage nach neuen Medikamenten bei gewissen schlecht behandelten Tumortypen sehr gross.

Gleichzeitig ist der zusätzliche Nutzen neuer Therapie oft nur gering.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich dabei um Durchschnittszahlen handelt. Bei gewissen Patienten ist der Nutzen eines Medikaments sehr hoch, bei anderen nicht. Unsere Herausforderung ist es, zu lernen, diese beiden Gruppen zu differenzieren. Es muss uns gelingen, möglichst zu Beginn der Therapie herauszufinden, ob ein Patient auf ein Medikament anspricht oder nicht.

Die steigenden Kosten des Gesundheitswesens sind auch in der Schweiz ein grosses Thema. Wo sehen Sie das grösste Sparpotenzial?

Durch die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung nehmen Krankheiten wie Alzheimer, Demenz oder Krebs zu. Denn diese treten vor allem im hohen Alter vermehrt auf. Unsere Politiker wollen das nicht eingestehen. Aus meiner Sicht fokussiert die Diskussion zu stark auf den Privatsektor. Dabei werden rund 70 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen von staatlicher Seite verursacht. Mir fehlt ein fundamentaler Blick auf das System, was auch damit zu tun hat, dass Politiker nach drei bis vier Jahren wiedergewählt werden müssen.

Die Schweiz ist dank grosser Pharmakonzerne, Hochschulen und einem grossen Angebot an Fachkräften ein guter Nährboden für die Biotechindustrie. Gleichzeitig ist die Suche nach frischem Kapital schwieriger als etwa in den USA. Wie schätzen Sie den Zustand der hiesigen Branche ein?

Das Ökosystem in der Schweiz ist gut. Das gilt sowohl für die Region Basel, als auch hier in Zürich. In Genf gab es nach dem Rückzug von Merck Serono einen Rückschlag. Mittlerweile haben sich aber auch dort wieder zahlreiche Jungfirmen angesiedelt.

Gleichzeitig wird die geringe Verfügbarkeit von Risikokapital kritisiert.

Es gibt zahlreiche Personen, die das Problem anpacken. So haben wir Risikokapitalfonds wie Biomedinvest in Basel oder HBM Ventures in Zürich. Zudem gibt es die Initiative von Ex-Roche-Finanzchef Henri B. Meier, um einen gewissen Prozentsatz der Pensionskassengelder für Risikokapital einzusetzen.

Sie sind also nicht so pessimistisch, was die Finanzierung anbelangt?

Nein. So hat zum Beispiel der grosse US-Risikokapitalfonds Versant sein Europa-Büro in Basel eröffnet. Daneben gibt es auch andere Investoren, wie vermögende Privatpersonen oder Familien, die in Biotech investieren.

Und dennoch gehen viele Biotechfirmen mittlerweile in den USA an die Börse?

Trotz guter Rahmenbedingungen in Europa, da in den USA mehr Kapital vorhanden und auch die Risikobereitschaft höher ist. Im gesamteuropäischen Vergleich habe ich jedoch nicht den Eindruck, dass die Schweiz benachteiligt wäre.