Der Ostschweizer Schienenfahrzeughersteller Stadler unternimmt einen weiteren Versuch, in den asiatischen Markt einzusteigen. Dazu hat das Unternehmen Gebote für gleich drei Ausschreibungen in Taiwan eingereicht. Diese laufen über die Taiwan Railways Administration (TRA), eine Agentur des taiwanischen Verkehrsministeriums. Die TRA ist zuständig für den Eisenbahnbetrieb auf Strecken mit einer Länge von 1100 Kilometern.

Im Erfolgsfall würde Stadler 34 dieselelektrische Lokomotiven und 30 Hybridzüge für landschaftlich reizvolle Linien sowie 50 Intercityzüge liefern, die auf dem elfteiligen Hochgeschwindigkeitszug des Typs Smile basieren. Von dieser neuen Eigenentwicklung hat Stadler 2014 bereits 29 Stück an die SBB als Erstkundin für den Nord-Süd-Verkehr verkauft.

Die Züge, die bei der SBB Giruno heissen, werden ab Dezember 2019 Zürich mit Mailand via den neuen Gotthardbasistunnel und später auch Frankfurt mit Mailand verbinden.

Visualisierung des Stadler-Intercityzugs für Taiwan in der Hauptstadt Taipeh.

Visualisierung des Stadler-Intercityzugs für Taiwan in der Hauptstadt Taipeh.

Stadler kämpft gegen Konkurrenz aus Japan

Noch ist allerdings in Taiwan nichts in trockenen Tüchern. Denn um die Aufträge kämpft auch Konkurrenz aus Japan: Die Bahngesellschaft Kyushu Railway Company, die unter anderem eine Strecke des Superhochgeschwindigkeitszugs Shinkansen betreibt, und der Bahnbauer Hitachi haben ebenfalls Gebote für die drei Ausschreibungen unterbreitet.

Diese sind Teil eines Programms der TRA zur Flottenerneuerung im Volumen von 100 Milliarden Neue Taiwan-Dollar (3,2 Milliarden Franken). Im Rahmen dieses Programms hat der südkoreanische Bahnbauer Hyundai Rotem vergangenen Juni einen 840 Millionen Franken schweren Auftrag für 52 elektrische Triebzüge erhalten.

Stadler-Sprecher Philipp Welti bestätigt den Einstiegsversuch in den taiwanesischen Eisenbahnmarkt. Das Unternehmen sieht eine Anzahl Ähnlichkeiten zwischen Taiwan und der Schweiz. Dies betreffend die Fläche der Länder, deren bergige Topografie und den Bahnservice, wobei es in beiden Ländern neben dem normalen Netzwerk auch ein Schmalspurnetz gebe.

Laut Stadler sind damit ähnliche Herausforderungen zu bewältigen, beispielsweise Entgleisungen in engen Kurven zu vermeiden. Stadler sei der Ansicht, über die Erfahrung zu verfügen, um diese Herausforderungen zu meistern.

Visualisierung der Stadler-Züge für Taiwan im Bahnhof der Industriestadt Taichung an der Westküste der Insel.

Visualisierung der Stadler-Züge für Taiwan im Bahnhof der Industriestadt Taichung an der Westküste der Insel.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Sollte Stadler der Einstieg in Taiwan gelingen, schlüge Peter Spuhlers Unternehmen im Idealfall zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens gelänge die Expansion auf einen neuen Kontinent, nachdem Stadler in Europa zu einem der Grossen der Branche gewachsen ist und auch in Nord- und Südamerika sowie in Afrika schon Verkaufserfolge gefeiert hat. Zweitens könnte Stadler für den Smile nach den SBB einen weiteren Kunden gewinnen. Zusätzliche Verkäufe sind seit der Lancierung erklärtes Ziel, um die immensen Entwicklungskosten wieder einzuspielen.

Allerdings ist Asien glitschiges Terrain. Schon mehrmals ist Stadler dort gebremst worden. Eine riesige Ausschreibung der Indischen Staatsbahnen IR liegt auf Eis, im Iran hat Stadler dieses Jahr wegen der neuen US-Sanktionen von einer Beschaffung der Teheraner Metro Abstand nehmen müssen, und in Sri Lanka ist Stadler 2017 mit einem Angebot für neun Lokomotiven gescheitert. In China wiederum hat Stadler laut Spuhler keine Chance, je zum Zug zu kommen, weil die Pekinger Regierung den Staatskoloss CRRC gegen Konkurrenz aus dem Ausland abschirmt.

In Taiwan winken Stadler nun Aufträge in Milliardenhöhe. Allein die 50 Intercityzüge würden diese Marke sprengen. Das zeigt der Vergleich mit der Bestellung der SBB: Diese blättern für ihre 29 Girunos 980 Millionen Franken hin.

Aus der Traum für Stadler in Lettland

Leer ausgegangen ist Stadler bei der Ausschreibung der lettischen Staatsbahn Pasazieru Vilciens (PV). Diese hat einen Auftrag für 32 elektrische Triebzüge an die spanische Talgo vergeben. Deren Offerte über 225,3 Millionen Euro (255 Millionen Franken) ist laut PV um 20 Millionen Euro günstiger als jene des nächsten Mitbewerbers.

Neben Talgo und der polnischen Stadler-Tochter hatten sich auch die spanische CAF und die tschechische Skoda Vagonka um den Auftrag beworben. Skoda prüft einen Rekurs gegen den Vergabeentscheid.

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