Panne
Wegen Notruf-Panne zeigt Anwalt die Swisscom an – nicht in allen Kantonen waren die Auswirkungen gleich schlimm

Zum wiederholten Male hat die Swisscom mit einem Ausfall die Rettungsdienste auf Trab gehalten. Die Panne legt auch offen: Nicht alle Kantone sind gleich gut vorbereitet.

Stefan Ehrbar
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War nicht vom Festnetz erreichbar: Ein Disponent von Schutz & Rettung Zürich.

War nicht vom Festnetz erreichbar: Ein Disponent von Schutz & Rettung Zürich.

SRZ

Wieder einmal raubte die Swisscom Feuerwehrmännern den Schlaf. Weil der Staatskonzern in der Nacht auf Freitag massive Ausfälle in seinem Festnetz verzeichnete, war der Notruf in mehreren Kantonen nicht erreichbar. Notfallposten in den Gemeinden mussten notfallmässig mit Personal besetzt werden. Erst kurz nach 8 Uhr morgens wurde die Panne behoben.

Es ist nicht die erste ihrer Art. In den letzten 18 Monaten gab es bei der Swisscom eine regelrechte Pannenserie:

  • Ende März 2021 fiel praktisch das ganze Mobilfunknetz der Swisscom während einer knappen halben Stunde aus.
  • Am 20. November 2020 konnten Swisscom-Kunden während zwei Stunden nicht telefonieren.
  • Am 26. Mai 2020 waren wegen einer Panne die Notrufnummern in vielen Kantonen während drei Stunden nicht aus dem Handynetz erreichbar.
  • Ein Totalausfall der Swisscom legt am 11. Februar 2020 das Festnetztelefon und die Notrufnummern über Stunden lahm.
  • 17. Januar 2020: Festnetztelefonie und die Notrufnummern fallen über Stunden aus.

Muss Schaeppi zurücktreten?

Swisscom-Sprecher Sepp Huber verteidigte den Konzern gegenüber SRF am Freitagmorgen: Jede Störung sei «unschön», sagte er. Hundertprozentige Sicherheit gebe es aber nicht. Allerdings sind aus unseren Nachbarländern keine ähnlichen Häufungen von Ausfällen einer derart kritischen Infrastruktur bekannt.

Entsprechend harsch wird die Swisscom kritisiert. Der Basler SVP-Grossrat Joël Thüring fordert die Absetzung von Konzernchef Urs Schaeppi. Der Staatsbetrieb funktioniere ungenügend. SP-Nationalrat Jon Pult sagt dem «Blick», die Swisscom müsse den Service-public-Gedanken wieder ins Zentrum stellen. «Wenn das aktuelle Management das nicht hinbekommt, braucht es eben ein neues.» Mitte-Nationalrat Martin Candinas spricht von einem «dünnen Geduldsfaden». Die Swisscom-Führung dürfte nun nochmals im Parlament antraben müssen.

Swisscom will noch nichts von Konsequenzen wissen

Das zuständige Bundesamt für Kommunikation (Bakom) von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) teilt mit, Ausfälle bei Notrufdiensten seien «sehr schwerwiegende Pannen und für den Bund nicht akzeptabel». Er räume dem Thema «höchste Priorität ein». Ganz ausschliessen liessen sich Störungen aber nie. Die Swisscom habe letztes Jahr als Folge der Störungen schon diverse Massnahmen beschlossen und Sofortmassnahmen umgesetzt. Das Bakom habe eine Untersuchung durchgeführt und dem Parlament Bericht erstattet. Auf allfällige personelle Konsequenzen geht das Bakom nicht ein.

Die Swisscom beantwortet die Frage nach personellen Konsequenzen nicht. Die Störung werde im Detail aufgearbeitet, sagt Sprecherin Sabrina Hubacher. «Für weitere Aussagen ist es zu früh.»

Gespräche wurden abgebrochen

Notrufsysteme sind so konzipiert, dass sie auch im Fall eines Ausfalls funktionieren. Das Netz und alle Services seien redundant aufgebaut, heisst es in einem Statement der Swisscom. Wieso die Fehlerquelle in diesem Fall «die Redundanz übersteuert habe», wie das Versagen der Backup-Lösung euphemistisch beschrieben wird, werde untersucht.

Notrufzentralen haben eine «Dynamische Leitweg Lenkung» hinterlegt. Wenn es zu Störungen kommt, werden Notrufe an eine alternative, funktionierende Nummer weitergeleitet. Dabei könne es in diesem Fall Beeinträchtigungen gegeben haben, hält die Swisscom fest. Das werde nun untersucht. Wer in der Nacht aus dem Swisscom-Netz den Notruf wählte, kam tatsächlich häufig durch, das Gespräch wurde aber nach wenigen Sekunden abgebrochen.

Nicht alle sind gut vorbereitet

In der Verantwortung stehen auch die Notrufzentralen. Nicht alle sind gleich gut vorbereitet. So teilte die Stadtpolizei Zürich mit, dass sie nur über Mobilfunknummern erreichbar sei. Als Vorbild gelten kann die Kantonspolizei St. Gallen. Sie war schon nach 15 Minuten in der Lage, mit einer technischen Umgehungslösung wieder Notrufe über die üblichen Nummern zu empfangen, heisst es in einer Mitteilung.

Die Verbindung sei zwar jeweils abgebrochen worden, aber alle anrufenden Personen hätten einen Rückruf der Disponentinnen und Disponenten erhalten. Wie die anderen Notrufzentralen veröffentlichte auch die Kantonspolizei St. Gallen zudem Mobiltelefonnummern, die unterbruchfreie Gespräche ermöglichten.

Rückfallebene mit Handynummern

«Wir haben mehrere Backup-Systeme», sagt der St. Galler Kapo-Sprecher Florian Schneider. Die Notrufverwaltung sei ein hochkomplexes Thema. Ein Ausfall könne mehrere Gründe haben. Einfach den Anbieter zu wechseln, reicht nicht aus. «Auch bei gewissen Backup-lösungen ist der betroffene Swisscom-Service von zentraler Bedeutung», sagt Schneider.

Bei der grössten Schweizer Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich (SRZ), welche die Sanitätsnotrufe in den Kantonen Zürich, Schaffhausen, Thurgau und Schwyz ohne Küssnacht sowie die Feuerwehr im Kanton Zürich koordiniert, sind ebenfalls automatische Mechanismen aktiviert worden. Dafür gibt es eine Rückfallebene mit Handynummern von verschiedenen Anbietern, wie Sprecherin Julia Graf erklärt.

Einige Anrufe kamen durch

Grob zusammengefasst funktioniert das System wie folgt: Wenn ein Anruf nicht zugestellt werden kann, wird das erkannt und der Anruf wird auf das Netz eines anderen Anbieters umgeleitet. Das funktionierte grundsätzlich auch in diesem Fall: Wer aus einem anderen Netz als aus jenem der Swisscom die 118 oder 144 wählte, bemerkte von der Panne nicht.

Auch einige Anrufe aus dem Swisscom-Netz konnten weitergeleitet werden – aber eben nicht alle. In diesen Fällen wurden die Gespräche nach wenigen Sekunden abgebrochen. Den Betroffenen blieb nichts anderes übrig, als die Notrufzentrale über die publizierten Mobilfunknummern zu erreichen.

Extra-Personal aufgeboten

Die Kommunikation der Notrufzentrale mit den Rettungskräften von Feuerwehr und Rettungsdienst sei jederzeit über Digitalfunk und Pager gewährleistet gewesen, sagt Graf. Die Bearbeitung von Notrufen und die Kontaktaufnahme mit den Spitälern, Ärzten sowie Alters- und Pflegeheimen aber sei «erheblich eingeschränkt» gewesen. SRZ bot deshalb zusätzliches Personal auf.

Auch andere Organisationen mussten mehr Personal einsetzen. So ist bei der Kantonspolizei Aargau die Patrouillendichte «massiv erhöht» worden, wie Sprecherin Aline Rey sagt. Neben der Publikation von Handynummern seien Notfalltreffpunkte als Anlaufstelle für die Bürger aktiviert worden.

Jurist zeigt Swisscom an

Die Massnahmen hätten funktioniert, sagt Rey. Der Kanton Aargau wappnet sich für künftige Ausfälle. Aktuell laufe auf der Stufe des Kantons ein Projekt zum Thema, sagt Rey. Dabei geht es um eine Backup-Lösung für den Fall, dass es erneut zu einem Ausfall kommt.

Die Kosten für den Ausfall wollen die angefragten Notrufzentralen der Swisscom nicht in Rechnung stellen. Ungemach könnte der Swisscom von anderer Seite drohen. Der Luzerner Jurist Loris Fabrizio Mainardi hat bei der Berner Generalstaatsanwaltschaft Strafanzeige gegen unbekannt und eventuell gegen verantwortliche Mitarbeiter der Swisscom eingereicht. Er glaubt, dass sich die Verantwortlichen der «Störung von Betrieben, die der Allgemeinheit dienen», die im Strafgesetzbuch geregelt ist, schuldig gemacht haben. Zudem sollen sie «Fernmeldeanlagen, die den Vorschriften nicht entsprechen», betreiben. Neben dem politischen Nachspiel droht der Swisscom dieses Mal also auch ein juristisches.

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