Herr Ineichen, Sie sind bis 2015 Sponsor des FC Luzern. Lohnt sich das Engagement bei einem Fussballverein, der um den Abstieg kämpft?

Mark Ineichen: Das weiss man natürlich nie. Vorher hatte ich noch nie einen Fussballmatch besucht und kannte auch die Offside-Regel nicht. Ich hatte einfach ein gutes Gefühl bei der Sache und wir können so unsere Marke bekannter machen. Zudem laden wir bis zu 50 Mitarbeiter pro Spiel ins Stadion ein, und die freuen sich.

Haben Sie den neuen Sportchef Alex Frei schon kennen gelernt?

Ja, und er macht einen sehr guten Eindruck auf mich. Es ist aber nicht geplant, dass er für Otto’s in Erscheinung tritt so wie damals die Yakin-Brüder, als sie beim FCL waren. Wir klebten ihre Köpfe auf unsere Lastwagen, und kurz danach haben sie den Verein gewechselt. Das war ein Riesenflop.

Betreiben Sie selber Sport?

In letzter Zeit bin ich fast täglich in der Physiotherapie, da ich im Dezember einen schweren Skiunfall hatte. Jetzt bin ich sportlicher als je zuvor.

Sie verkaufen alles, von Hühnerbouillons über Parfums, Stabmixer, BHs bis hin zu Betten, Matratzen, Trampolinen und Autos. Wer ist eigentlich Ihre Kundschaft?

Die durchschnittliche Schweizer Familie mit zwei Kindern und einem Brutto-Haushaltseinkommen zwischen vier und sechstausend Franken. Wir haben rund 20 Millionen Kunden pro Jahr.
85 Prozent davon sind Schweizer.

Ihre Filialen wirken vom Aufbau und Sortiment her etwas chaotisch. Ist irgendwann ein Facelifting geplant?

Wir haben 91 Filialen, und keine ist gleich wie die andere. Wir sind einstöckig, wir sind im Keller, auf vier Etagen, in Holzbaracken, und, und, und. Den Krieg gewinnt man mit den richtigen Standorten, und deshalb passen wir uns an. Migros und Coop haben breite Gänge und ein relativ statisches Sortiment. Und bei uns steht halt manchmal ein Staubsauger zwischen den Hörnli. Ich ärgere mich dann auch und poltere.

Und weshalb ändert sich nichts?

Weil mir die Mitarbeiter die Umsatzzahlen zeigen, und dann bin ich ruhig. Offenbar ist das unsere Berechtigung im Markt, dass wir nicht so perfekt sind.

Wie stark hängen Sie vom Grauimport ab?

Wenn wir Textilien und Möbel ausklammern, sind es etwa 50 Prozent, bei den Parfums etwa 90 Prozent. Deshalb muss ich lachen, wenn Mitbewerber gross inserieren, dass sie Nutella jetzt direkt importieren. Das machen wir seit 30 Jahren! Wir sind der Spezialist in der Schweiz für Grau- und Direktimporte. Mittlerweile verkaufen wir auch Sportschuhe aller A-Marken mit bis zu 40 Prozent Rabatt.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Cassis-de-Dijon-Prinzip gemacht?

Es hat sich überhaupt nichts geändert. Es ist und bleibt ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Markenhersteller versuchen mit allen Mitteln, ihre Märkte zu schützen. Momentan bereitet uns ein Olivenöl-Hersteller Ärger. Wir wurden vor Gericht gezogen, weil sie finden, wir hätten zu Unrecht behauptet, es sei bei uns 50 Prozent günstiger. Es sei nicht vergleichbar. Dabei geht es nur um eine ganz kleine Etikette, die fehlt. Das Gesetz ist enorm den Markenherstellern verpflichtet.

Nur bei den Lebensmitteln?

Nein, überall. Das sehen wir auch bei den Autos. Die meisten, die direkt importieren, geben den Schweizer Preis an und den Rabatt. Wir dürfen das nicht mehr. Wir wurden von den Anwälten der Kanzlei Homburger im Auftrag von Hyundai mit Anzeigen bombardiert. Da nehme ich kein Blatt vor den Mund!

Was ist geschehen?

Die haben uns tagtäglich verfolgt, unsere Autos inspiziert und jeden Preis verglichen. Dabei haben wir genau deklariert, dass unsere Hyundai-Autos zum Beispiel nur sechs statt acht Airbags haben, aus der Türkei kommen und es keine Kulanzleistungen gibt. Total transparent. Aber wir dürfen trotzdem keinen Preisvergleich anstellen. Der Wettbewerb wird heute noch immer massiv behindert!

Und jetzt kauft niemand mehr Ihre Autos?

Wir waren kurz davor, ganzseitige Inserate gegen Hyundai zu schalten. Aber dann haben wir gemerkt, dass wir diesen Krieg gar nicht führen müssen. Vor drei Monaten hatten wir in Sursee 250 Hyundai-Autos, heute stehen noch drei hier. Wir kommen nicht nach, wir verkaufen die Autos direkt ab Lastwagen.

Wie viel macht das Autogeschäft aus?

Knapp 20 Millionen Franken. Pro Jahr setzen wir zirka 1000 Autos ab.

Dafür steigen Ihre Anwaltskosten.

Das gehört zum Geschäft. Ein weiteres Beispiel ist die Schweizer Sonnencrème Daylong. Sie können sich nicht vorstellen, von wo wir die beziehen. Wir transportieren sie durch die ganze Welt, um sie günstig zu verkaufen, weil sich Daylong weigert, uns direkt zu beliefern.

Die Schweiz ist und bleibt also eine Hochpreisinsel – komme, was wolle?

Die offiziellen Hersteller und Importeure werden vom Gesetz einfach zu gut geschützt. Das Paradebeispiel ist Red Bull mit dem Inhaltsstoff Taurin. Die EU gibt es in Gramm und die Schweiz in Milliliter an. Allein deswegen können wir es nicht importieren. Und dann gibt es hier ja noch mehrere Kantonschemiker, und die haben auch alle eine andere Meinung.

Ihre Gegner sagen, Parallelimporteure zerstören Stellen in der Schweiz. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Jemandem, der in der Schweiz dank eines Gesetzes einfach die hohle Hand machen kann, nehme ich die Stelle gerne weg. Wir haben 2000 Mitarbeiter. Und das, was unsere 20 Millionen Kunden bei uns sparen, geben sie anderswo aus. Diese Diskussion lässt sich endlos weiterführen.

Wie gross soll Otto’s werden?

Vor vielen Jahren sagte ich mal in der «Bilanz», ich wolle eine Milliarde Franken Umsatz. Das war das Dümmste, das ich je gesagt habe. Es ist egal, wie viel Umsatz wir machen – es muss Spass machen.

Welches Wachstum macht Spass?

In den letzten fünfzehn Jahren sind wir praktisch jährlich 10 bis 15 Prozent gewachsen. In den letzten zwei, drei Jahren war das nicht mehr möglich. Mit null Wachstum gehörte man in der Branche noch zu den Besten. Dieses Jahr rechne ich filialbereinigt mit einem Wachstum von 2 bis 3 Prozent. Im heutigen Marktumfeld wäre das sicher gut. Wir werden einige Geschäfte vergrössern und bis zu fünf neue Filialen eröffnen.

Sie haben die Outdoor-Kette Sherpa übernommen. Hat sich der Kauf gelohnt?

Das werde ich erst in ein paar Jahren wissen. Momentan kostet sie uns immer noch viel Geld. Es war eine Blackbox, als wir sie gekauft haben. Sherpa hatte viele Kleider, die falsche Schnitte oder falsche Farben hatten. Erst nach dem Kauf haben wir erfahren, dass die beiden wichtigsten Personen in der Firma seit Jahren eine Privatfehde austrugen. Aber jetzt sieht es besser aus.

Möchten Sie mit Sherpa expandieren?

Ja, wir eröffnen 2013 jeweils einen neuen Shop in Winterthur, im Zürcher Oberdorf und in Visp. In den nächsten zwei Jahren möchten wir 25 Filialen haben. Wir wollen qualitativ hochwertig, aber preislich günstig sein.

Ihre Pläne, Parfum- und Billigsportgeschäfte zu betreiben und Fertighäuser zu verkaufen, sind gescheitert. Haben Sie noch andere Ideen?

Eines unserer grossen Ziele ist es, mehr Sportartikel zu verkaufen. Diesen Winter wagen wir uns an die Königsdisziplin mit dem Verkauf von Ski. Wenn ich sehe, was die im Ausland kosten, fallen mir fast die letzten Haare aus. Da sprechen wir von mehr als 30 Prozent Preisunterschied.

Im Juni jährt sich der Tod Ihres Vaters. Wie oft denken Sie an ihn?

Was fehlt, sind typische Situationen im Alltag, wenn er einfach zur Tür reinkam, zwei drei blöde Sprüche riss und wieder ging. So habe ich ihn in den letzten Jahren am meisten erlebt.

Vermissen Sie seinen Rat?

Er konnte Türen öffnen und Kontakte herstellen. Dafür bin ich meinem Vater dankbar. Otto selbst war ja seit dem Jahr 2000 nicht mehr aktiv im Geschäft, so verfüge ich selbst über die wichtigsten Kontakte. Aber es gab immer Situationen, in denen Otto mir helfen konnte, wenn es etwa Probleme mit Baubewilligungen gab.

Politisch hatten Sie das Heu immer auf der gleichen Bühne?

Nein, nicht immer. Wir haben gesagt, dass wir das trennen. Er macht Politik, ich kümmere mich um Otto’s.

Möchten Sie selbst ihn die Politik einsteigen?

(Überlegt.) In den letzten Monaten wurde ich mehrfach angegangen …

… von den Freisinnigen?

Die Frage ist immer, was ist freisinnig.

Wer hat bei Ihnen die besten Chancen?

Ich sehe mich zwischen SVP und FDP. Politik ist mir zu langatmig und zu formell. Da bekäme ich schnell ein Herzchriesi. Da würde ich nicht so lange leben wie Otto. Nein, ich denke nicht, dass ich mir das antun werde. Mir ist es wohler in dieser Rolle.

Wie läuft es mit der Stiftung Speranza, die ihr Vater aufgebaut hatte?

Es läuft weiter. Allerdings habe ich die Stiftung auf ihren Kern reduziert. Alles, was sich um sie herum entwickelt hat, habe ich gezwungenermassen gekappt, wie die Kinderkrippen und das Programm 50plus für ältere Arbeitnehmer.

Für Otto Ineichen war Speranza das Leben neben der Politik.

Otto ist tot. Ihn gibt es nicht mehr und ihn wird es nicht mehr geben. In diese Lücke kann ich nicht springen. Ich müsste Otto’s loslassen und mich 150 Prozent um Speranza kümmern. Ich bin zwar sein Sohn, aber ich bin nicht Otto.

Sie sind nicht ganz freiwillig Stiftungsratspräsident ...

Ich bin da hereingerutscht. Sie erleben viele unschöne Dinge, wenn sie redimensionieren müssen. Noch heute werde ich täglich mit Sachen konfrontiert, wo ich mich frage, wie das in der Vergangenheit gelaufen ist. Ich muss dann den Leuten sagen: «Nochmals, Otto ist tot. Wenn das bei ihm so gegangen ist, dann hattest du Glück, aber jetzt geht das nicht mehr.»

Wie kam es so weit?

Die Stiftung hatte eine Tendenz, dass sie selber zum Stiftungszweck verkam. Viele Leute, denen es selbst nicht gut ging, wurden in der Stiftung beschäftigt. So wurde Speranza stark aufgebläht. Ich bin eher der Meinung, dass man sie schlank machen und mit leistungsfähigen Leuten besetzen muss. Damit können wir den Jugendlichen besser helfen, sie auf den richtigen Weg zu bringen.

Das klingt nach grossen Problemen.

Die grösste Gabe von Otto war zugleich seine grösste Schwäche. Ihn hat das Geld nie interessiert. Er hat allen geholfen und immer bezahlt. Leider wurde er sehr oft ausgenutzt. Man konnte ihn sehr schnell für etwas begeistern, ihm etwas abjammern und dann hat er bezahlt. Da sind Leute brutal auf die Nase gefallen, als ich aufgetaucht bin und ihnen sagte: «Ihr habt ihn ausgesogen, wart Trittbrettfahrer, aber jetzt ist das fertig!»

Erfüllen Sie in Ihrem Betrieb die Vorgaben der 1:12-Initiative?

Wir erfüllen sie schon, es kommt darf an, wie man das genau rechnet.

Und die Mindestlohninitiative? Verdient bei Ihnen jeder 4000 Franken?

Plus/minus erfüllen wir die Vorgaben. Wenn sich die Initiative in einem vernünftigen Rahmen bewegt, warum nicht? Das ist nicht das Problem.

Was dann?

Was mich enorm stört in der Schweiz, ist, dass wir von dem leben, was unsere Gross- und Urgrossväter erschaffen haben. Die haben ein perfektes politisches System geschaffen, eine Insel in Europa. Man schiesst zwar gerne auf Christoph Blocher, aber wenn wir ihn nicht hätten, dann wären wir heute in der EU. Wie das herausgekommen wäre, sieht man ja. Mich stört auch die Haltung, dass wir uns für alles entschuldigen sollen und allen gerecht werden wollen. Dass man sozial sein will und für alle alles geben soll, sofort und am liebsten gratis.

Sind Sie ein Gegner der Umverteilung?

Eine Gesellschaft lebt davon, dass es Arm und Reich gibt. Die Leute regen sich über Banker auf, die immer mit den neusten Autos herumfahren und in den schönsten Villen wohnen. Ja, sie haben zu viel verdient, aber sie haben das Geld ausgegeben. Der Maurer konnte ihnen das Haus bauen und der Garagist ein tolles Auto verkaufen. Das Geld kam unter die Leute. Und sie haben Steuern bezahlt. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu einer Gesellschaft von Neidern werden. Wir brauchen Leute, die Geld ausgeben.

Finden Sie, es wird zu viel reguliert?

Ich glaube, wir machen uns selbst kaputt mit zu vielen Regeln. Stark zu schaffen machen mir die Baubewilligungen. In Reinach AG haben wir eingezontes Land, wo wir seit bald zwei Jahren am Kämpfen sind. In St. Gallen hatten wir ein Objekt, wo wir fünf Jahre für eine Baubewilligung gekämpft hatten. Schliesslich mussten wir sagen, wir bauen es nicht, weil die Kosten von 15 auf 35 Millionen Franken getrieben wurden. Das ist extrem mühsam. In den letzten Jahren hat sich die Situation massiv verschlechtert.