Die AZ habe Ziffer 5 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten verletzt, weil sie Online-Kommentare unter Pseudonymen veröffentlichte, ohne die Notwendigkeit, deren Verfasser zu schützen. Dies geht aus einem am Freitag veröffentlichten Entscheid hervor.

Der Presserat hiess eine Beschwerde des Gemeinderates Bözberg in der Hauptsache gut. Der Gemeinderat hatte in seiner Beschwerde vermutet, dass Kommentare zu einzelnen Artikeln in der Online-Ausgabe der Zeitung unter falschem Namen und mit nichtssagenden Verfassertiteln abgegeben worden sind.

Die Gemeinde-Exekutive stellte den Antrag, dass die AZ keine Kommentare mehr anonym oder unter falschem Namen und ohne Wohnort veröffentlichen darf. Die jeweiligen Angaben müssten vor der Veröffentlichung verifiziert werden.

Weltweiter Usus

Die Verantwortlichen der AZ meinten in ihrer Stellungnahme, es sei weltweit Usus, dass man sich als User von Chats, Kommentarforen von Newssites und anderen auch mit einem Nickname äussern könne und keine Wohnangabe machen müsse. So handhabe das auch die AZ. Ein Outing eines Users auf Druck der Gemeinde komme für die AZ nicht in Frage.

Die Beiträge würden von der Redaktion vorab gesichtet, bevor sie online gingen. Wer sich zudem einen Account mit Login zulege und als eingeloggter User einen Beitrag schreibe, werde vorrangig behandelt. Die veröffentlichten, aber von der Gemeinde Bözberg beanstandeten Kommentare seien inhaltlich aus Sicht der AZ unproblematisch.

Leserbriefe und Online-Kommentare müssten in der Regel mit dem Namen gezeichnet werden, meint dagegen der Presserat. Sie dürfen nur bei begründeten Ausnahmen anonym veröffentlicht werden, beispielsweise um schützenswerte Interessen zu wahren.

Name Ja, nicht aber der Wohnort

In den vom Gemeinderat Bözberg vorgebrachten Fällen handele es sich um normale Online-Kommentare und um keine Online-Diskussionsforen, welche auf unmittelbare spontane Reaktionen ausgerichtet seien. Die AZ habe in ihrer Stellungnahme nicht geltend gemacht, dass wie von der Richtlinie 5.3 gefordert begründete Ausnahmen vorlägen, die eine Veröffentlichung von anonymen Kommentaren rechtfertigten.

Damit verstosse die Praxis der AZ gegen Ziffer 5 der "Erklärung", denn es reiche nicht, dass ein Kommentarschreiber für die Redaktion im Zweifelsfall identifizierbar ist. Die Aussage der AZ, wonach ein Leser gelöscht oder gesperrt werden könne, wenn er sich auf die Mailnachfrage der AZ nicht melde, lasse zudem eher darauf schliessen, dass eine Überprüfung nur in Ausnahmefällen vorgenommen werde, schreibt der Presserat.

Die Forderung des Gemeinderates, Kommentarschreiber müssten nicht nur mit Namen, sondern auch mit Wohnortangabe identifiziert werden, weist der Presserat zurück. Die Zeichnungspflicht für Autorinnen und Autoren von Leserbriefen bzw. Online-Kommentaren verlange laut Praxis des Presserats keine über den tatsächlichen Namen hinausgehende Identifizierung.