VW-Machtkampf

Ohne Piëch wirds hart für VW

Ferdinand Piëch mit seiner Ehefrau Ursula. Beide legten ihre Ämter nieder. Keystone

Ferdinand Piëch mit seiner Ehefrau Ursula. Beide legten ihre Ämter nieder. Keystone

Analyse zum erzwungenen Rücktritt von VW-Boss Ferdinand Piëch von Peter Ruch.

1968 amtete Ferdinand Piëch als Entwicklungsleiter bei Porsche, der Firma seines Onkels Ferry Porsche. Er war auch zuständig für den Rennsport. Porsche fuhr damals mit einem Modell namens 910 Bergspyder um den Titel in der Berg-Europameisterschaft mit. Sehr erfolgreich. Doch Piëch, dem technikverliebten Ingenieur, dem Perfektionsbesessenen, war es noch zu wenig. Vor allem am Gewicht des Fahrzeugs wollte er schrauben. Und verpasste dem neuen Modell, bezeichnet als 909, den legendären Kugeltank. Eine Titan-Hülle mit dem Innenleben eines Fussballs. Diese Blase, die 14 Liter Benzin fasste – exakt soviel, um einmal den Berg hochzurasen –, wurde mit zehn bar unter Druck gesetzt, so konnte sich Piëch die 1,7 Kilo schwere Benzinpumpe sparen. Weitere technische Feinheiten führten dazu, dass der Porsche 909 noch 375 Kilo wog – im Gegensatz zum 910 Bergspyder, der auf 420 kam.

Ferdinand Piëch ging in Zuoz in die Schule und studierte an der ETH

Ferdinand Piëch wurde am 17. April 1937 in Wien geboren, auf dem Lyceum Alpinum in Zuoz erzogen und an der ETH in Zürich zum Maschinenbau-Ingenieur ausgebildet. Er war immer ein grossartiger Ingenieur, nicht bloss beim Kugeltank. Doch er war weit mehr als das – er hatte immer Visionen, den Blick für die wichtigen Zusammenhänge. Er machte Porsche in den 60er und 70er Jahren auf der Rennstrecke höchst erfolgreich (und in der Folge zum profitabelsten Auto-Hersteller der Welt), brachte Audi ab Ende der 80er Jahre auf den Premium-Weg (und damit zu fantastischen Gewinnen). Der Höhepunkt 1993: Der Vater von (mindestens) 12 Kindern wurde Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns – und schaffte es innert weniger Jahre, den heute 600 000 Mitarbeiter zählenden Koloss so aufzustellen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis das Wolfsburger Konglomerat aus 12 Personenwagen-, Nutzfahrzeug- und Motorrad-Herstellern die weltweite Nummer 1 unter den Automobilherstellern sein wird.

Selbstverständlich bestritt Piëch seinen langen Weg nicht allein. Der Mann, der sich im Gespräch auch einmal 30 Sekunden nahm, um eine Antwort zu formulieren, hatte immer ein gutes Auge für die besten Ingenieure und aussergewöhnliche Marketing-Menschen. Auch manch eine Leiche säumte seinen Weg, die prominenteste sicher Wendelin Wiedeking, der als Porsche-Chef über Piëch und VW hinauswachsen wollte – und jäh auf dem Boden der Tatsachen landete. Das Genie im Konzern war immer Ferdinand Piëch. Dass sich «der Alte» aber verschätzte, seinen Adlaten Martin Winterkorn und dessen durch branchenfremde Politiker sowie beratungsresistente Gewerkschafter gesicherte Hausmacht unterschätzte, passt gut ins Bild: Kommunikation war nie eine Stärke des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden.

Der Abgang des Patriarchen führt nur kurzfristig zu Ruhe

Was Piëch dazu brachte, sich mit Winterkorn und dem Aufsichtsrat anzulegen, ist hingegen nicht so sehr ein Geheimnis, wie das überall kolportiert wird: Der gesundheitlich angeschlagene Visionär machte sich grosse Sorgen um sein Erbe. Der Mann, der mit einer hochgezogenen Augenbraue ganze Modellreihen zurück in die Entwicklungs- oder Designabteilung schicken konnte, sah im Gegensatz zu allen sich gegenseitig die Macht sichernden Seilschaften in Wolfsburg über den Tellerrand hinaus. Er wusste, dass der Konzern endlich Erfolg in den USA braucht – und eine Billigmarke für die ärmeren Regionen dieser Welt. Er sah voraus, bei den Luxus-Marken Bugatti, Bentley und Lamborghini neue Ideen nötig sind. Piëch wusste auch: Der bald 68-jährige Winterkorn ist zwar kongenial in der Ausführung des für den Konzern so wichtigen Baukastensystems, aber er scheint für viele nicht der richtige Mann für die grossen Zusammenhänge. Dass sich der momentane CEO als künftigen Vorsitzenden des Aufsichtsrats sieht, muss Piëch zudem als Beleidigung seines Lebenswerks erschienen sein.

Der Abgang des Patriarchen mag kurzfristig etwas Ruhe in den Volkswagen-Konzern bringen. Doch ohne den Mann, für den immer nur das Produkt im Vordergrund stand, wird es der Volkswagen-Konzern schwerer haben, eine langfristige Strategie zu planen. Denn den Überblick über das technische Detail und das grosse Ganze, den hat nur einer, der zu den ganz grossen Namen der Wirtschaftsgeschichte zählt: Ferdinand Karl Piëch.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1