Arbeitswelt der Zukunft

Ökonom Thomas Straubhaar: «Es gibt heute keine einheitliche Job-Biografie mehr»

Thomas Straubhaar: «Die Digitalisierung zu bagatellisieren, wäre ein riesiger Fehler. Unsere Arbeitswelt wird sich weiter radikal verändern.»

Thomas Straubhaar: «Die Digitalisierung zu bagatellisieren, wäre ein riesiger Fehler. Unsere Arbeitswelt wird sich weiter radikal verändern.»

Professor Thomas Straubhaar findet die Idee des Grundeinkommens gut, er hält aber die Schweiz für das falsche Land, um sie zu testen. Die Arbeitswelt sieht er im Umbruch. Vieles, was einst kostete, sei schon heute gratis – auch das eine Folge des Fortschritts.

Im Rahmen der alljährlich in der Villa Boveri in Baden stattfindenden Feierabendgespräche hielt Thomas Straubhaar jüngst einen Vortrag zu den Entwicklungstendenzen der Weltwirtschaft. Die «Nordwestschweiz» konnte mit dem Professor der Universität Hamburg und Fellow der Transatlantic Academy in Washington sprechen.

Herr Straubhaar: Wir stimmen am 5. Juni über das bedingungslose Grundeinkommen ab, auf das bei Annahme der Initiative jeder Erwachsene Anspruch haben soll. Was halten Sie davon?

Thomas Straubhaar: Ich habe die Idee des Grundeinkommens schon lange unterstützt, denn sie steht in Einklang mit den drei Megatrends des 21. Jahrhunderts: Globalisierung, Individualisierung und Digitalisierung. Internet-Plattformen, Roboter und selbstgesteuerte Maschinen werden viele RoutineArbeiten ersetzen. Es gibt heute keine kontinuierlichen Berufsbiografien mehr. Früher war man bis etwa 25 in Ausbildung und arbeitete dann ohne Unterbruch bis gegen 65.

Was genau wird anders?

Dank der neuen Bildungspolitik, etwa den Bachelor-Abschlüssen, treten Junge immer früher ins Berufsleben ein. Zudem zeichnet sich wegen der demografischen Alterung ab, dass man erst mit 70 in Rente gehen wird. Dazwischen aber wird man wegen Elternurlaub, Fort- und Weiterbildung aussetzen, auch um einem Burnout vorzubeugen. Die lebenslang ununterbrochene Erwerbsarbeit hat auch wegen der Individualisierung weniger Gewicht, die Lebensentwürfe definieren sich nicht mehr über eine konstante Berufstätigkeit.

Sie unterstützen die Initiative?

Nein, ich finde, dass just die Schweiz der falsche Ort ist, um ein solches Experiment zu wagen.

Das klingt etwas danach, dass man die Idee gut findet, aber das Risiko der Umsetzung anderen Ländern überlassen will.

Darum geht es nicht. Die Schweiz ist aus objektiven Gründen schlicht ein ungeeignetes Versuchslabor: Gerade hierzulande ist das Vorsorgesystem sehr gut ausgebaut. Das Existenzminimum ist im Alter gesichert, zudem spielt die direkte Bundessteuer eine wichtige Umverteilungsfunktion. Zweitens herrscht in der Schweiz praktisch Vollbeschäftigung. Das Risiko des Experiments wird dadurch noch erhöht, dass nicht nur die Finanzierung unklar ist, sondern auch, wie hoch das Grundeinkommen denn sein soll.

Als Finanzierung vorgeschlagen wird etwa die Mehrwertsteuer.

Wird die Mehrwertsteuer erhöht, verteuern sich die Güter und damit sinkt die Kaufkraft der Einkommen wieder, insbesondere auch des Grundeinkommens. Was auch immer dessen ursprüngliche Höhe wäre, man müsste es dann wieder erhöhen. Unklar ist übrigens auch, was dann mit dem heute bestehenden Sozialstaat passieren soll. Insgesamt eine unausgegorene Vorlage.

Apropos unausgegoren: War die Aufhebung des Mindestkurses von Fr. 1.20 für den Euro am 15. Januar 2015 ein Fehler?

Die Aufhebung des Mindestkurses war kein Fehler, der Sündenfall war vielmehr seine Einführung. Der Ausstieg war eine komplexe Angelegenheit. So gesehen, ist er gelungen und auch der Zeitpunkt war wohl richtig. In der Luft lag damals, dass die Europäische Zentralbank, die EZB, bald ein gigantisches Programm zum Kauf von Wertschriften vom Stapel lassen würde. Da sie mit diesen Käufen Euros in die Märkte spült, kommt der Euro unter Druck, auch gegenüber dem Franken.

Im März 2015 wurde es dann tatsächlich auch lanciert.

Ja, der Mindestkurs wäre kaum mehr durchsetzbar gewesen oder nur, indem die SNB ihre bereits riesigen Europositionen noch weiter ausgedehnt hätte mit dem Risiko von hohen Verlusten bei einem Kollaps des Euro. Der Fehler lag darin, dass man bei der Einführung den Ausstieg nicht mit eingeplant hatte. Mit dem Exit am 15. Januar hat die SNB nichts anderes gemacht als die Notbremse zu ziehen.

Die SNB hat wie viele Notenbanken in den letzten Jahren viele Massnahmen mit Deflationsgefahren begründet, besonders den Euro-Mindestkurs – sowohl bei der Einführung als auch dreieineinhalb Jahre lang zu seiner Aufrechterhaltung. Wie ernst steht es um die Deflationsgefahr wirklich?

Dass die Preise sinken statt steigen führt auch dazu, dass die Zinsen real, also wenn man von ihnen die Teuerung abzieht, höher sind als das, was man auf dem Konto gutgeschrieben bekommt. Das ist gut für die Konsumenten, denn es erhöht ihre Kaufkraft. Auch für die Unternehmen verbilligen sich die importierten Vorleistungen durch den harten Franken. Wenn wie in der Schweiz, aber auch etwa in Japan die Beschäftigung stabil bleibt, handelt es sich nicht um die gefährliche Form von Deflation.

Wie sähe diese aus?

Deflation ist bei Massenarbeitslosigkeit gefährlich. Wenn immer weniger Leute Arbeit haben und die Löhne jener, die sie noch haben, sinken, dann geben die Konsumenten weniger aus. Dadurch fallen die Preise weiter. Als Folge werden weitere Käufe in Erwartung fallender Preise aufgeschoben, was die Nachfrage zusätzlich wegbrechen und die Preise tatsächlich weiter sinken lässt – eine selbsterfüllende Prophezeiung und ein Teufelskreis. Dass neue Technologien oder importierte Vorleistungen die Produktion von Gütern und Dienstleistungen verbilligen – oder die sinkenden Ölpreise – ist dagegen keine schlechte Deflation.

Sie betonen in Ihrem Vortrag die Bedeutung von Globalisierung und Digitalisierung.

Die Effekte der Digitalisierung durchwirken die Gesellschaft immer weiter, es gibt kaum einen Geschäftsbereich, der nicht betroffen wäre. Hüftgelenke werden künftig dezentral vor Ort passgenau im Operationssaal gedruckt. In der Finanzbranche revolutioniert das Phänomen unter der Bezeichnung «Fintech» den Zahlungsverkehr. Und beim Strassenverkehr deutet vieles in Richtung selbstgesteuerte, führerlose Fortbewegungsmittel. Selbst auf die Globalisierung hat die Digitalisierung Einfluss: Immer mehr wird der Güterhandel ersetzt von Datenhandel. So wird heute teilweise ein Produkt nicht mehr physisch exportiert, sondern es wird über digitale Kanäle nur sein Bauplan versandt und dann vor Ort produziert.

Es gibt Ökonomen wie Robert Gordon, die behaupten, dass der Produktivitätsgewinn durch die Digitalisierung gar nicht so gross ist und nicht die Tragweise hat wie etwa die Erfindung der Dampfmaschine oder der Elektrizität.

Der Effekt der Digitalisierung ist zwar schwer zu messen, insbesondere in Wertschöpfungseinheiten wie etwa dem Bruttoinlandprodukt, aber der revolutionäre Effekt ist offensichtlich. Unsere Arbeitswelt wird sich weiter radikal verändern. Das Problem ist, dass sich der entstehende Nutzen nicht mehr so leicht durch Zahlungsströme messen lässt. Vieles, was früher etwas kostete, ist gratis geworden oder wird privat geteilt konsumiert oder produziert – das ist die Sharing Economy. Dies steigert zwar die Effizienz enorm, weil es die Kosten senkt, aber auf der Output-Seite ist es nicht unbedingt sichtbar. An der Khan-Academy können sie heute ohne Kosten universitäre Spitzenvorlesungen belegen, für die man früher hätte teuer bezahlen müssen. Die Digitalisierung zu bagatellisieren, wäre ein riesiger Fehler.

Globalisierung bringt auch Risiken: Wie schätzen Sie die Gefahr des sich abschwächenden Wachstums in China ab, das seit Mitte 2015 die Märkte weltweit belastet?

China hat strukturelle Probleme und wird mit diesen noch lange beschäftigt sein. Es herrschen grosse soziale Unterschiede und damit Spannungen. Gemäss Weltbank leben noch immer Hunderte von Millionen Menschen am Existenzminimum. Die 1979/1980 eingeführte Ein-Kind-Politik fordert zudem allmählich ihren Tribut: die demografische Alterung. Immer mehr wird nur noch eine arbeitstätige Person die Vorsorge für zwei ältere Menschen tragen müssen. Das auf Export ausgerichtete Wirtschaftsmodell ist zudem an seine Grenzen gestossen, es ist nicht mehr nachhaltig. China hat begonnen, sein Augenmerk mehr auf die Binnenwirtschaft zu richten.

China produziert mehr im Inland für sich selbst und nicht für den Export?

Genau. Das heisst auch, dass es weniger aus anderen Ländern importiert, was die Exportwirtschaft anderer Länder belastet. Ausserdem hat China eine gewaltige Verschuldung aufgetürmt, mit der das bisherige Wachstum finanziert wurde. Das betrifft weniger die Zentralregierung als die Provinzen. Und als ob das nicht genug wäre, ist der Immobilienmarkt überhitzt, auch dies eine Folge des billigen Geldes und der leichten Kredite, die jetzt zum Problem geworden sind.

Chinas Staatskapitalismus, der von der kommunistischen Partei gelenkt wird, wurde aber in den letzten Jahren im Westen fast als dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gelobt.

Dieser Staatskapitalismus funktioniert nur für die ersten Entwicklungsschritte, also wenn es etwa darum geht, ein Land aus der Armut zu führen, grundlegende Industrien aufzubauen und so weiter. Danach ist es dem auf Eigeninitiative gründenden Modell einer Marktwirtschaft unterlegen.

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