Fast 100 Tage Aufhebung des Mindestkurses und Negativzinsen in der Schweiz. Was ist Ihr Fazit?

Mathias Binswanger: Die hauruckartige Aufhebung des Mindestkurses und die gleichzeitige Senkung der Negativzinsen für Giroguthaben der Banken durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) erscheinen im Nachhinein als eine Art Panikreaktion. Es ist nicht die vordringliche Aufgabe der Zentralbank, die Märkte erfolgreich zu «überraschen», sondern für Stabilität zu sorgen. 

Wieso dann dieser Entscheid?

Man hatte offenbar den Eindruck, dass in Zukunft immer grössere Devisenkäufe notwendig gewesen wären, um den Mindestkurs aufrechtzuerhalten. Es wurde auch argumentiert, dass eine weitere Durchsetzung des Mindestkurses die Handlungsfreiheit bei der Erfüllung geldpolitischer Aufgaben stark beschnitten hätte. Diese Handlungsfreiheit ist allerdings schon lange beschnitten. Seit 2009 gibt es Geldpolitik im traditionellen Sinn nicht mehr.

Wie meinen Sie das?

Im Jahr 2008 haben alle wichtigen Zentralbanken unisono die Zinsen in kürzester Zeit praktisch auf null gesenkt und den Banken in grossem Stil gratis weitere Reserven – Giroguthaben bei der Zentralbank – zur Verfügung gestellt. Die SNB musste sich dieser Entwicklung anschliessen, um eine Aufwertung des Schweizer Frankens zu verhindern. Seither dreht sich die Geldpolitik in der Schweiz praktisch ausschliesslich um den Wechselkurs. Das ist auch nach Aufhebung des Mindestkurses nicht anders.

Wurden wir also von der SNB getäuscht? Das kann nicht sein.

Die SNB will nicht mehr in grossem Stil am Devisenmarkt intervenieren und versucht stattdessen, Anlagen in Schweizer Franken mithilfe von Negativzinsen künstlich unattraktiv zu machen. Ob das allerdings die bessere Variante ist, bleibt fraglich, denn Negativzinsen haben, sofern sie längere Zeit andauern, gravierende Nebenwirkungen. Besonders Pensionskassen und andere institutionelle Anleger bekommen dann Probleme. Und alles deutet im Moment darauf hin, dass man die Suppe, die man sich hier eingebrockt hat, über längere Zeit auslöffeln muss.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat der Schweiz ein «Quantitative Easing», also eine expansivere Geldpolitik, wie die EZB eine hat, vorgeschlagen. Was halten Sie davon?

«Quantitative Easing» (QE) bedeutet zunächst nur, dass Zentralbanken den Geschäftsbanken Wertpapiere abkaufen und ihnen im Gegenzug Reserven zur Verfügung stellen. Ob die Banken dann allerdings mit diesen Reserven etwas machen und mit mehr Krediten die Wirtschaft ankurbeln, ist eine ganz andere Frage. In der Schweiz haben die Banken aber schon massenhaft Reserven und die Zinsen liegen unter null. Wozu also noch ein QE?

Wirken tiefe Zinsen nicht mehr?

Banken vergeben zusätzliche Kredite, wenn sie sich etwas davon versprechen. Dazu braucht es neben tiefen Zinsen auch profitable Investitionsmöglichkeiten. Solche sind im Moment aber fast nur auf dem Immobilienmarkt vorhanden.

Führt dies nicht zu Wachstum?

Eigentlich möchten die Zentralbanken mit tiefen Zinsen erreichen, dass vermehrt Kredite für Investitionen für Unternehmen vergeben werden. Doch Banken vergeben viel lieber Hypothekarkredite, die in standardisierter Form angeboten werden können und wo es weniger Risikoabklärungen braucht. Mit der Folge, dass wir jetzt Inflation nicht mehr bei Gütern und Dienstleistungen, sondern bei Immobilien haben. Statt Wachstum führen tiefe Zinsen dann zu spekulativen Blasen.

Gewisse Kreise in der Schweiz propagieren das sogenannte Vollgeld. Was halten Sie davon?

Die grundsätzliche Idee ist nachvollziehbar. Geschäftsbanken sollen keine Geldschöpfung mehr betreiben dürfen, sondern nur noch die Zentralbank. Doch damit stellen sich neue Fragen, die nicht geklärt sind. Wie soll die Zentralbank sinnvoll entscheiden, um wie viel die Geldmenge in einer bestimmten Periode zunehmen soll?

Was wäre denn Ihr Rezept?

Für mich ist klar: Eine Geldpolitik allein über den Zinssatz funktioniert nicht mehr. Es braucht spezifischere Instrumente, wie etwa unterschiedliche Eigenkapitalanforderungen für verschiedene Arten von Krediten oder Kreditinstitute.

Das haben wir ja mit den antizyklischen Kapitalpuffern.

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber noch zu wenig wirksam.

Sie gelten als Wachstumskritiker. In Ihrem Buch über die Geldproduktion ist wenig davon zu spüren.

Meine Argumentation ist die folgende: In einem reichen Land wie der Schweiz steigert Wachstum das durchschnittliche Wohlbefinden der Menschen nicht mehr. Aber unsere Wirtschaft funktioniert nicht ohne ein bestimmtes Wachstum. Das ist ein Dilemma, mit dem wir uns in Zukunft beschäftigen müssen.