Am Donnerstag durchbrach der Eurofrankenkurs die Schwelle von 1.15 Franken pro Euro. Damit ist der Franken so schwach wie seit der Aufhebung der Mindestkursgrenze nicht mehr. Das ist eine gute Nachricht für alle exportorientierten Branchen. Auch der in den letzten Jahren gebeutelte Tourismus kann endlich wieder aufatmen. Für Andreas Züllig, den Präsidenten des Verbands Hotelleriesuisse, ist das Schlimmste vorbei. Er sagt, «der starke Franken hat uns fitter gemacht».

Herr Züllig, am Donnerstag erreichte der Eurofrankenkurs erstmals die Schwelle von 1.15. Ist jetzt das Schlimmste überstanden?

Andreas Züllig: Mit einem Wechselkurs von 1.15 haben wir eine sehr wichtige psychologische Wegmarke erreicht. Sie ist wichtig für unsere ausländischen Gäste, aber auch für die Schweizer, die in den letzten Jahren im Ausland Ferien gemacht haben.

Der Euro ist seit Juni rasant stärker geworden.

Auslandsreisen sind für Schweizer nun tatsächlich nicht mehr so billig. Doch das Ausland bleibt doch nach wie vor viel günstiger als die Schweiz. Einverstanden?

Nein, das stimmt so pauschal nicht. Seit Anfang Jahr hat sich das Ausland durch den stärkeren Euro allein um 10 Prozent verteuert. Kommt hinzu, dass die umliegenden Länder in den letzten Jahren grosse Preissteigerungen erlebt haben. Das allgemeine Preisniveau ging hoch, die Löhne sind zum Teil kräftig angestiegen. In Österreich wurden zudem die Mehrwertsteuern erhöht. In den grenznahen Räumen – wo sich unsere direkten Mitbewerber befinden – gingen die Preise zum Teil deutlich rauf.

Glauben Sie, dass Schweizer nun wieder vermehrt Ferien im eigenen Land machen und auch wieder vermehrt Touristen aus dem Ausland kommen?

Das hoffe ich. Wir müssen uns wirklich nicht mehr verstecken. Der Schweizer Tourismus ist wieder sehr wettbewerbsfähig. Es ist sogar so, dass man in der Schweiz günstigere Angebote buchen kann als im nahen Ausland. Es lohnt sich wieder, die Preise genau unter die Lupe zu nehmen.

In welchen Segmenten? Vom Luxuspalast bis zur Jugendherberge?

Das ist querbeet so. Wenn ich Äpfel mit Äpfeln vergleiche, dann sind wir preislich absolut wettbewerbsfähig. Bei den 4-Sterne-, 4-Sterne-Superior- sowie den 3-Sterne-Hotels liegen wir preislich zum Teil sogar unter den direkten Mitbewerbern.

Wenn dem so ist, müssten Sie dann nicht dringend am Image arbeiten? Es ist doch immer noch so, dass das Ausland Ferien in der Schweiz als teuer empfindet.

Das bringen Sie nicht so einfach aus den Köpfen der Leute. Im Ausland braucht es deshalb zusätzliche Anstrengungen, um dieses falsche Image zu korrigieren.

Müsste Schweiz Tourismus bei ihren Kampagnen vermehrt die Preise in den Vordergrund stellen statt schöne, aber nichtssagende Kampagnen zu produzieren?

Es würde sicher nicht schaden, vermehrt die Preise in den Vordergrund zu rücken. Es müsste vor allem der Wille da sein, die Kernmärkte wie Deutschland wieder verstärkt zu bearbeiten, insbesondere den süddeutschen Raum mit Baden-Württemberg und Bayern, aber auch Holland und Grossbritannien. Das waren historisch immer wichtige Märkte für die Schweiz und sie werden es auch in Zukunft sein.

Wenn Sie sagen, dass Schweizer Hotels günstiger sind als im Ausland, dann klammern Sie aber das Essen aus. Dieses ist in der Schweiz doch nach wie vor viel teurer. Einverstanden?

Das wird auch in Zukunft so sein. Wir haben Schweizer Landwirtschaftspreise, die im Vergleich zum Ausland leider sehr viel höher sind.

An den Lohnkosten allein kann es nicht liegen, wie Sie ja selbst beweisen mit den konkurrenzfähigen Zimmerpreisen.

Fleisch allein kostet bei uns 40 bis 50 Prozent mehr. Dass man das Schnitzel auf dem Teller so günstig bekommt wie im Ausland, schliesse ich eher aus. Dazu müsste man die Landwirtschaftspolitik ändern. Dagegen können wir Hoteliers leider nicht allzu viel unternehmen.

Wagen Sie eine Prognose für den Sommer 2017?

Einen grossen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Saison hat sicherlich das Wetter. Wenn der Sommer aber so weitermacht wie bis jetzt, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir Pluszahlen im einstelligen Bereich schreiben werden. Ich bekomme sehr positive Signale zum Beispiel aus dem Tessin. Nach langen Jahren kommen die Deutschen wieder zurück.

Wie hoch wird das Wachstum bei den Übernachtungen ausfallen?

Wir erwarten mehr Übernachtungen im Vergleich zu 2016. Je nach Region gehe ich von einer Steigerung von zwei bis vier Prozent aus. Wir sind auf gutem Weg, das auch zu schaffen. Dabei hilft uns nicht nur der günstigere Wechselkurs. Uns hilft auch, dass wir als Branche in den letzten Jahren viel investiert haben: in neue Hotels, in Renovationen und bessere Dienstleistungen.

Ist der Frankenschock somit ausgestanden?

Ja. Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir sehen einen positiven Trend. Der starke Franken hat uns fitter gemacht, gezwungenermassen. Vor allem für die Bergregionen war er ein eigentliches Fitnessprogramm. Der Schock ist verdaut.