Der Industrieverband Swissmem hat diese Woche eine Initiative veröffentlicht. Dank dieser sollen Erwachsene sich leichter umschulen können. Heute würden zu viele erst arbeitslos, bevor der Berufswechsel gelinge. Und danach müssen sie oft simplere Tätigkeiten ausüben: Ein ausgebildeter Käser wird zum Hilfsarbeiter in der Industrie. Hier sieht Swissmem eine Lücke im Bildungssystem, Berufswechsel würden «zu viele Verlierer produzieren.»

Herr Hess, Sie gaben selber als Präsident den Auftrag, diese Initiative auszuarbeiten. Warum?

Hans Hess: Der eigentliche Auslöser war vielleicht, dass ich Anfang 2017 an der Rive-Reine-Konferenz über das Thema «Bildung als Rohstoff der Schweiz von morgen» referieren durfte.

Rive-Reine: Das ist eine jährliche Veranstaltung, zu welcher der Nahrungsmittel-Konzern Nestlé jeweils einlädt.

Menschen aller Couleur reden dort über gesellschaftspolitische Themen. 2017 war ich eingeladen, einen Vortrag zu halten. Mir wurde damals klar, dass nun jemand eine konkrete Antwort formulieren musste auf diese drängenden Fragen.

Welche Fragen konkret?

Einmal der Fachkräfte-Mangel. Vor vier Jahren stellten wir bei Swissmem fest, dass es uns künftig querbeet an Fachkräften fehlen würde. Die Babyboomer gehen in Pension und es rücken viel weniger Junge nach. Das hat mich schon lange beschäftigt. Dann gab es diese Horrorvision von US-Ökonomen. Es werde permanente Massenarbeitslosigkeit geben, greife die Digitalisierung erst richtig. Es müsse ein bedingungsloses Grundeinkommen her.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist für Sie ein Teil einer Horrorvision?

Wenn es stimmt, dass die Digitalisierung unsere Wirtschaft grundlegend verändert, kann ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht die Antwort sein. Nicht die Antwort von einer Branche wie unserer, die unternehmerisch denkt und handelt. Und es ist nicht die Antwort, die die Menschen zufriedenstellt. Arbeit ist viel mehr als nur Einkommen. Es ist auch Lebensinhalt. Man leistet einen Beitrag, erreicht zusammen mit anderen Menschen etwas. Ich wollte eine Antwort, die die Menschen nicht nur mit Geld abspeist. Wer arbeiten will, soll arbeiten können.

Diese Grundidee nahmen Sie auf?

Ich machte unserem Vorstandsausschuss einen konkreten Vorschlag. Danach trommelten wir bei Swissmem ein Team zusammen, das nun ein Jahr lang an diesen Ideen gearbeitet hat. Es hat sehr viele Gespräche geführt, mit Akteuren aus Bildung, Politik und Wirtschaft. Heute sind wir soweit, dass wir sagen können: wir wissen, was wir machen wollen.

Mussten Sie selber dazu lernen?

Ich bin seit einem Jahr auf einer extrem steilen Lernkurve. Vieles ging nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, oder zumindest nicht am Anfang. Was das Team von Swissmem nun geleistet hat, ist eine umfassende Analyse von über 50 Seiten, fast eine Doktorarbeit. Darauf können wir sehr gut aufbauen. Aber wir werden weiterhin viel dazu lernen müssen.

Das Ziel ist am Schluss welches?

Wir wollen einen Weg anbieten, auf dem wir die Menschen in der Industrie auf die Reise durch eine sich wandelnde Berufswelt mitnehmen können. Wir wollen sie im Arbeitsmarkt halten und nicht sich selber überlassen.

Sonst werdem Ängste geschürt?

Ja. Ich glaube, dass viele Menschen wirklich Angst vor der Digitalisierung haben. Dabei brauchen sie diese Angst nicht zu haben. Es gibt gute und positive Antworten. Die Umschulungs-Initiative von Swissmem ist nun eine mögliche Antwort. Es gibt sicherlich noch andere.

Warum ist es für Sie als Unternehmer ein Problem, wenn viele Menschen die Digitalisierung fürchten?

Eine Arbeitgeberschaft, die nicht Arbeit für die Menschen schaffen will, hat einen Teil ihres gesellschaftlichen Wertes nicht verstanden. Und wenn sie in unserem direkt-demokratischen System nicht in der Lage ist, die Menschen auf so eine Reise mitzunehmen, werden wir Gegenwind bekommen, in allen Varianten. Die Menschen werden nicht mitmachen.

Das wollen Sie verhindern?

Ich will nicht, dass Menschen quasi aus Verzweiflung etwas boykottieren. Ich will sagen: Ja, das ist eine Herausforderung, aber dieser können wir gemeinsam begegnen. Sodass ein Arbeitnehmer sagt: Doch, das klingt interessant, auf diesen Weg gehe ich mit, auch wenn es für mich eine gewisse Investition von Zeit und Geld ist.

Sehen Sie auch mögliche Folgen für den Arbeitsmarkt, wenn Menschen nicht arbeiten können?

In den USA sehen Sie, was passieren kann. Der dortige Arbeitsmarkt ist nicht gesund. Die Schere geht immer weiter auseinander. In der kalifornischen Bay-Area gibt es im Silicon Valley all die erfolgreichen Hightech-Leute und daneben all die Arbeitslosen in San Francisco. Ein solches Bild will ich in der Schweiz nicht sehen. Wir haben etwas Besseres verdient und wir können es auch besser machen.

Es gibt auch die Sicht, Unternehmer seien den Aktionären verpflichtet, alles andere stelle sich von selber ein.

Ich selber habe mich nie dem Shareholder-Value allein verpflichtet gefühlt. Mir ging es als CEO oder als Verwaltungsrat immer darum, irgendwie eine Balance zu halten zwischen den verschiedenen Interessen: von Kunden, Mitarbeitern, Aktionären, Lieferanten und Partnern oder von der Standort-Gemeinde.

Wie reagieren andere Unternehmer, wenn Sie mit ihnen über die Swissmem-Initiative reden?

Von den Unternehmern, mit denen ich gesprochen habe, wusste ich schon vorher: Sie empfinden eine gesellschaftliche Mitverantwortung; dass Wirtschaftsführer einen Beitrag leisten müssen, der nicht nur ihnen zu Gute kommt, sondern der ganzen Gesellschaft.

Die Umschulungs-Initiative ist ein Beispiel für so einen Beitrag?

Wir machen das natürlich auch, weil wir selber auf genügend Fachleute angewiesen sind. Wollen aber auch verhindern, dass viele Menschen zwischen Stuhl und Bank fallen. Es ist nicht untypisch, dass jene Unternehmer sehr positiv reagieren, die diese Werte teilen. Mit diesen Unternehmern starten wir das Pilotprojekt.

Welche Unternehmen sind das?

Die ABB etwa, wo ich mit dem Verwaltungsratspräsidenten Peter Voser diesbezüglich sehr gute erste Gespräche hatte. Oder Bühler Uzwil mit seinem Präsidenten Calvin Grieder.

Welche Kantone gingen auf Sie zu?

Der Aargau zum Beispiel. Dort war es Urs Hofmann, der Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements.

Andere können später dazu stossen?

Ja, wenn es so kommt, wie ich denke, dass wir einen ausgeprägten Mangel an Fachkräften bekommen, werden andere Unternehmen nachziehen. Auch jene die vielleicht ein etwas anderes Wertesystem haben. Sie werden dann merken, dass unsere Initiative ihren Unternehmen und damit ihren Aktionären hilft.

Umstritten ist auch, wie viel Wandel die Digitalisierung wirklich bringt. Die Wirtschaft wandelt sich schon seit Jahrhunderten ständig wandeln – die Arbeit ist uns nicht ausgegangen.

Dieser Wandel in den nötigen Qualifikationen wird sich in den nächsten zehn Jahren beschleunigen. Heute nimmt man ihn vielleicht noch nicht so ausgeprägt wahr. Die Digitalisierung ist zwar in aller Munde. Sie ist aber in der Industrie noch nicht in einem Ausmass angekommen, dass sich die Strukturen schon grundlegend verändert haben. Aber wenn ich schaue, was die Unternehmen tun, welche Pläne sie haben, worauf sie sich vorbereiten, wird dieser Wandel in wenigen Jahren da sein.

Wie sicher kann man sich da sein?

Ich sage: Man muss sich vorbereiten. Ich gehöre nicht zu den Dramatikern, die mit einer riesigen Welle rechnen. Aber wenn man ein mögliches Szenario sieht, muss man darauf vorbereitet sein. Das mache ich auch so, wenn ich eine Firmenstrategie erarbeite. Kommt es, wie befürchtet, bin ich gerüstet. Und sonst war es ein spannendes Experiment. Und im Falle unserer Umschulungs-Initiative ist die Grundstrategie ohnehin richtig.

Wie meinen Sie das?

Wir wollen die Menschen befähigen, im Arbeitsmarkt zu bleiben. Wenn einer zum Beispiel in der Giesserei eine Lehre gemacht hat, ist die Chance auf einen Stellenwechsel gering. Aber eine solche Person hat eine Berufslehre gemacht, dabei viele Qualifikationen erworben und Berufserfahrungen gesammelt. Sie kann sich darauf aufbauend zum Polymechaniker oder Automatiker umschulen. Es sollen Qualifikationen sein, die die Unternehmen wirklich brauchen. Das bewährte und erfolgreiche duale Berufsbildungssystem ist eine grosse Stärke. Darauf wollen wir aufbauen. Deshalb fangen wir bei den Unternehmen an und schauen, welche Fähigkeiten sie tatsächlich brauchen. Was wir nicht wollen, ist staatlich verordnete Umschulung oder Weiterbildung, womöglich noch auf Vorrat.

Sie begründen Ihre Initiative auch mit einer Schwäche im Bildungssystem. Es sei schwierig in der Schweiz, den Beruf oder die Branche zu wechseln. Das ist eine fundamentale Schwäche. Dabei wird in der Schweiz ansonsten immer das hohe Lied auf unseren angeblich so flexiblen Arbeitsmarkt gesungen. Wie passt das zusammen?

Ich halte unseren Arbeitsmarkt noch immer für sehr flexibel. Unsere Arbeitshypothese ist nur: Wir werden in dieser nächsten industriellen Revolution, sicher am Anfang, mehr Menschen umschulen müssen. Das wird nicht courant normal sein. Es kommt etwas Neues auf uns zu. Alleine mit dem Nachwuchs, den wir mit der klassischen Berufslehre entlang den neuen Anforderungen ausbilden, werden wir nicht genug Fachkräfte haben.

Was, wenn es anders kommt und doch nur wenige Menschen eine Umschulung brauchen?

Dann wird es für diese wenigen Menschen immer noch sehr wertvoll gewesen sein. Und wenn es mehr Menschen sind, dann sind wir wenigstens vorbereitet. Wir brauchen einen Vorlauf von ein paar Jahren.

Was sind die nächsten Schritte?

2018 läuft nun die Vorbereitung auf die Pilot-Phase. Ideal wären etwa drei Kantone mit je zehn Unternehmen. 2019 wollen wir in der Lage sein, Umschulungen effizient durchführen zu können. Damit wir gut vorbereitet sind, wenn dann eine grössere Zahl von Arbeitnehmer umgeschult werden muss.

Vor einem Jahr, als Sie Ihre ersten Vorstellungen skizzierten, sprachen Sie noch von einer «Lehre» für Erwachsene. Nun nicht mehr. Warum?

Das ist so. Wir haben gelernt. Sagt man einer gestandenen Berufsperson, sie solle nochmals in die Lehre gehen, schaut sie einen schief an. Daher positionieren wir unser Angebot als Zweitausbildung für Erwachsene, die den Beruf wechseln wollen. Die vorhandenen Fähigkeiten werden anerkannt und nicht nochmals geschult. Der Fokus liegt auf den neu zu erwerbenden Kompetenzen. Das Ziel ist ein formeller Abschluss.

Eine Knacknuss scheint zu sein: Wer soll für die Umschulung zahlen?

Das stimmt, da suchen wir noch nach guten Antworten. Was klar ist: Man muss nebst der Ausbildung arbeiten können, sonst machen zu wenige Menschen mit. Nur wenige können es sich leisten, zwei Jahre lang nicht zu arbeiten. Wir müssen eine Lösung finden, bei der die Menschen etwa 80 Prozent ihres Einkommens halten können. Dafür müssen sie arbeiten können. Darüber hinaus suchen wir nach öffentlichen Finanzierungsquellen, die einen gewissen Lohnausfall decken könnten. Bisher sind wir jedoch nicht fündig geworden. Die heutigen Gesetz lassen dies nicht zu. Wir schauen auch, ob wir den Ausbildungsfonds in der Sozialpartnerschaft umbauen können. Und einige Kantone haben Gefässe, die man mehr auf die Erwachsenen ausrichten könnte, etwa das Stipendienwesen.

Und die Arbeitgeber?

Auch die Arbeitgeber wollen einem Mitarbeiter nicht den vollen Lohn zahlen, wenn er noch nicht alle neuen Fähigkeiten hat. Auch das muss man akzeptieren. Es ist ein Geben und Nehmen von verschiedenen Seiten.