Nur die Top-Manager haben bei den Löhnen abgehoben

Über die ganze Wirtschaft gesehen öffnet sich die Lohnschere nicht dramatisch. Riesige Differenzen gibt es aber zwischen den Kaderlöhnen der Branchen.

Daniel Imwinkelried

Die Chefs genehmigen sich satte Lohnerhöhungen, während das Fussvolk darben muss: Dieses Gefühl beschleicht einen angesichts der Toplöhne der Chefs von Novartis, CS oder Roche. Wer es an die Spitze solcher Konzerne geschafft hat, darf sich über einen Millionenlohn freuen, der in den letzten Jahren erst noch stark gestiegen ist. Das zeigen die Geschäftsberichte.

Verschiedene Interpretationen

In der Salärklasse von Daniel Vasella (Novartis) oder Brady Dougan (CS), gegen die sich die Initiative von Cédric Wermuth richtet, spielen allerdings nur wenige der über 4 Millionen Schweizer Arbeitnehmer. Anders als bei den weltweit tätigen Grosskonzernen, wo die Daten zu den Salären deutlich sind, lässt sich für die Schweizer Gesellschaft nicht eindeutig belegen, dass die Ungleichheit bei den Löhnen zugenommen hat. Denn je nach wirtschaftlichem Interesse können die Statistiken dazu völlig verschieden interpretiert werden.

Grosse Branchen-Unterschiede

Die beste Basis der Salärverteilung ist die Schweizer Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS). Leider deckt die aktuellste erst das Jahr 2006 ab. Das am häufigsten verwendete Indiz für die Lohnverteilung liefert das Verhältnis zwischen dem Hochlohn am 90. Prozent (90 Prozent aller Lohnempfänger verdienen weniger) und dem Tieflohn am 10. Prozent. Dieses Verhältnis hat sich zwischen 2000, als die Quote bei 2,6 lag, und dem Jahr 2006 mit einer Quote von 2,7 kaum verändert. Dabei stiegen die obersten und untersten Löhne mehr als der Schnitt, während die mittleren Saläre nur unterdurchschnittlich zunahmen. Das Bild ändert sich aber, wenn die Angestellten in kleinere Klassen eingeteilt werden. Würden die Bundesstatistiker nur die 3 Prozent Topverdiener zum Vergleich beiziehen, käme wahrscheinlich mehr Ungleichheit zutage.

Grosse Differenzen gibt es aber auch zwischen den Branchen. Der Medianlohn (die Hälfte der Angestellten verdient mehr, die andere weniger) im Gastgewerbe ist nicht einmal halb so hoch wie bei den Banken. Wer in den Schweizer Vorsorgesektoren Finanz und Pharma einen Chefposten bekleidet, konnte das Salär von 2004 bis 2006 um 23 beziehungsweise 17 Prozent steigern. Insgesamt nahm der mittlere Lohn zwischen 2004 und 2006 dagegen nur um 2,2 Prozent zu.

Ungerecht behandelte Frauen

Erheblich sind weiterhin die Lohndifferenzen zwischen den Geschlechtern. Obwohl die Frauen aufholen, liegt die Lohndifferenz zu den Männern immer noch bei 19 Prozent. Wenn die Lohnangleichung zwischen Mann und Frau weiterhin so harzt, dauert es noch 30 Jahre, bis sie für die gleiche Arbeit gleich viel verdienen.

Wie «ungerecht» sind also die Löhne in der Schweiz und geht eine Schere auf? Bei Vasella und Co. ist die Post in den letzten Jahren eindeutig abgegangen. Betrachtet man aber die mittleren 90 Prozent der Beschäftigten, ist eine stark wachsende Kluft nicht ersichtlich.

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