Am 7. Dezember 2017 ruft der amerikanische Industriekonzern General Electric in Baden AG seine Mitarbeiter zusammen. Als sie wieder gehen, sind ihre Befürchtungen wahr geworden: Total 1400 Stellen werden in der Schweiz gestrichen, 1100 allein in Baden. Der Markt für Dampfturbinen sei eingebrochen, begründet GE.

Nur 48 Tage später, am 24. Januar 2018, reicht das Abbauprogramm vom Dezember offenbar bereits nicht mehr. Als GE in Boston USA die neuesten Zahlen vorstellt, sagt der Chef der Energiesparte, Russell Stokes: «Der Markt ist noch schwächer, als wir es im Dezember dachten.» Den zugeschalteten Analysten versichert Stokes: «Wir arbeiten daran, 2018 zusätzliche Restrukturierungs-Anstrengungen zu beschleunigen.» Also noch mehr Umbau, noch mehr sparen.

Aussagen von GE-Topmanagern sind mittlerweile mit Vorsicht zu geniessen. Letzte Woche sorgte GE-Chef John Flannery persönlich für Verwirrung an den Finanzmärkten, als er von «separat gelisteten Sparten» sprach. «GE denkt über Aufspaltung nach» war die Schlagzeile, die danach um die Welt ging. Einige Tage später widersprach ein hochrangiger GE-Manager. Sein Chef sei wohl falsch verstanden worden. Und auch eine Sprecherin sagt auf Anfrage zu den Aussagen von Stokes: «GE Power erwartet keinerlei Änderungen zu den gegenwärtig vorgeschlagenen Strukturen.»

Sorgenkind Dampfturbinen-Markt

Anzeichen für einen weiteren Abbau fehlen indessen nicht. Der Plan vom Dezember sieht global die Entlassung von rund 12'000 Mitarbeitern vor, mehrere Standorte werden geschlossen. Aber der Rückgang am Dampfturbinen-Markt übertraf im vergangenen Jahr die ohnehin düsteren Erwartungen von GE. Und für 2018 rechnet GE mit einer weiteren Abnahme von mindestens 14 Prozent.

Dass der bisherige Plan nicht ausreicht – diese Einschätzung ist weit verbreitet am Finanzmarkt. So sagt etwa der GE-Analyst der Bank JP Morgan über die Energiesparte: «GE hat keinen glaubwürdigen Rettungsplan für einen Drittel seines Kerngeschäfts angesichts eines dramatischen fundamentalen Wandels.» Die Industrie-Analystin von Bloomberg Intelligence spekuliert, wann GE-Chef Flannery seinen wahren Plan vorlegen werde – als ob es das bisherige Abbauprogramm nicht gebe. «Was Flannery wirklich mit GE vorhat, werden wir erst wissen, wenn der neue Verwaltungsrat die Arbeit aufnimmt», sagt die Analystin. Das werde noch vor der Generalversammlung im April sein.

Es hilft in diesen Wochen nicht, dass GE-Chef Flannery in unschöner Regelmässigkeit seine Topmanager aus ihren Posten entfernt. Der Chef der Sparte Power Services, das seinen Hauptsitz in Baden hat, war letzten Herbst weg. Dabei hatte er ein Jahr zuvor noch charmiert: «Ich wünschte, wir wären früher in die Schweiz gekommen!» Der Chef von GE Capital wurde im Dezember gegangen, nach nur zwei Amtsjahren. Und schliesslich war der Chef von GE Gas Power Systems seinen Job im Januar los.

Die Krise von GE hat viele Aktionäre unvermittelt getroffen. Als der Vorgänger von John Flannery, Jeff Immelt, im Januar 2017 das Jahresergebnis vorstellte, schloss er mit den Worten: «Ich habe den Eindruck, dass das Unternehmen ein sehr gutes Momentum hat.» Immelt war damals in seinem 15. Jahr an der Spitze von GE. Neun Monate später begrüsste Flannery als neuer Chef die Analysten dann so: «Unsere Resultate sind vollkommen inakzeptabel.» Die Energiesparte habe sich als echte Herausforderung entpuppt.

Zahlen ergaben falsches Bild

Bei genauem Hinschauen hat GE schon lange nicht mehr viel gemeinsam mit jener GE, die einst als «am meisten bewundertes Unternehmen der Welt» galt. Einer, der das früh erkannt hat, ist der Amerikaner Jeffrey Sprague. Der Analyst deckt GE schon so lange ab, dass sich der frühere GE-Chef Jeff Immelt persönlich von ihm verabschiedete. Er werde ihn vermissen.

Sprague rät seinen Kunden seit acht Jahren davon ab, Aktien von GE zu kaufen. Er liess sich nicht ablenken von all den Umbauten bei GE – von den fast jährlich wiederkehrenden Käufen, Verkäufen und sonstigen Sondereffekten. Sprague schaute auf eine Kennzahl: Wie viel Bargeld floss in die Kassen. Und was er sah, gefiel ihm nicht. «Der Bargeldzufluss war seit einigen Jahren schwach und problematisch», sagte Sprague in einer amerikanischen Börsensendung.

Der Bargeldzufluss schwächelte, weil GE in den letzten Jahren oftmals unglücklich entschied. Der Kauf von Alstom im Herbst 2015 war nur der letzte Fehltritt. Flannery begründete den Kauf damals mit «exzellenten langfristigen Wachstumsaussichten». Die Energiesparte wurde zum wichtigsten Geschäft. Schon davor stiess GE immer wieder Geschäfte zu einem schlechten Preis ab, wie zum Beispiel den US-Sender NBC Universal.

Die Zahlen, die GE in seinen Präsentationen hervorhob, ergaben jedoch zumeist ein freundlicheres Bild. «GE hat die Aufmerksamkeit der Leute auf Zahlen gelenkt, die die zugrundliegende finanzielle Situation nicht gut widerspiegelten», sagt Sprague. Negativposten seien ausgeschlossen worden, um dann «adjustierte Betriebsgewinne» ausweisen zu können. Sprague: «So entkoppelten sich die adjustierten Ergebnisse immer mehr vom wahren Bargeldzufluss.»