Novartis mit Fensterplatz in China
Novartis mit Fensterplatz in China

Novartis baut in Schanghai für eine Milliarde Franken das grösste Forschungs- und Entwicklungszentrum in ganz China. Wie sich der Basler Konzern im wichtigsten Pharma-Zukunftsmarkt in Stellung bringt.

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Novartis Shanghai Forschungszentrum China

Novartis Shanghai Forschungszentrum China

Ruedi Mäder, Schanghai

«Better City, better Life»: Mit der Expo 2010 verfügt Schanghai über ein prestigeträchtiges Schaufenster zur Welt. Ambitiös zeigt sich die 19-Millionen-Metropole auch auf der Wirtschaftshalbinsel Pudong, bekannt für die Wolkenkratzer-Skyline, die den Huangpu-Fluss säumt.

Mit Beginn der wirtschaftlichen Renaissance der Hafenstadt Schanghai um 1990 wurde Pudong zur Sonderwirtschaftszone erklärt. Zur Ergänzung des Finanzdistrikts wurde 1992 der Zhangjiang High-Tech-Park gegründet.

Dieser kokettiert heute mit dem Etikett des «Silicon Valley von China». Eines der jungen Schlüsselfelder heisst Biopharma. Rund 350 Firmen mit ungefähr 20 000 Jobs bilden heute den Life-Sciences-Cluster.

Drittgrösster Pfeiler im Konzern

Novartis will in Pudong einen Fensterplatz zur asiatischen Pharmawelt besetzen. Bis Ende 2014 entsteht dort der drittgrösste Forschungs- und Entwicklungscampus im Konzern nach Basel und Boston (USA) - und das bisher grösste Forschungszentrum in ganz China.

Kostenpunkt: Eine Milliarde Dollar. Auf dem künftigen Campus, zehn Autominuten vom bisherigen, anno 2007 eröffneten Forschungsinstitut entfernt, werden rund 1000 Personen arbeiten.

Versorgungsbedarf steigt rasant

Die Liste der Nachbarn im Park liest sich wie das «Who is who» der Pharmaindustrie: Von Abbott und AstraZeneca über DSM und Pfizer bis Roche und Wyeth. China ist zum bedeutendsten Zukunftsmarkt für die Multis geworden, eine starke direkte Präsenz längerfristig ein Muss.

Als Absatzmarkt könnte China - heute an fünfter Stelle - innert zwei bis drei Jahren Japan überflügeln und hinter den USA Platz zwei besetzen, glaubt Emmanuel Puginier, Chairman der Region Greater China bei Novartis.

Der Umsatz mit Medikamenten in China könnte von 37 Milliarden Dollar (2008) bis 2013 auf gegen 80 Milliarden klettern. Die Alterung der Gesellschaft und die Veränderung der Lebensstile werden den medizinischen Versorgungsbedarf schnell und stark steigen lassen. Heute dominiert noch die traditionelle chinesische Medizin.

Erst eine Minderheit ist versichert

Mit einer nationalen Gesundheitsreform will Peking das erhebliche Krankenversicherungsgefälle korrigieren und die medizinische Versorgung von den vermögenden Städten im Osten westwärts in das Landesinnere ausdehnen. Vor dem Reformstart im Frühjahr 2009 standen die Hälfte der Bevölkerung in den Städten (über 45 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen) und vier Fünftel der Landbevölkerung ohne Versicherungsschutz da. Bis Ende 2011 sollen 90 Prozent versichert sein.

Ein weiterer Vorteil der Forschungs- und Entwicklungs-Hubs in China kommt im Rahmen der klinischen Versuche zum Tragen: die verfügbare Patientenpopulation ist ungleich grösser als an Konkurrenzstandorten im Westen.

Der verbesserte Schutz des geistigen Eigentums verringert das Produktpiraterie-Risiko für Grossinvestoren; Im vergangenen Jahr wurde das nationale Patentgesetz revidiert. Unter Druck der chinesischen Zulassungsbehörden soll sich die Zahl der Fälschungen in den letzten Jahren zumindest massiv verringert haben.

Das Wachstum des wissenschaftlichen Talentpools ist ein weiterer Faktor: Nicht weniger als 44 000 Doktorhüte wurden 2008 in China vergeben, gut dreimal so viel wie noch zu Beginn des Jahrzehnts. Damit wurden erstmals die USA übertroffen. Bisher sind 380 000 im Ausland ausgebildete Akademiker in die Heimat zurückgekehrt.

Talente und neue Technologien

Professor En Li ist einer von ihnen. Seit 2007 ist er für die Forschung und Entwicklung von Novartis in Schanghai verantwortlich (vgl. Interview). Er könnte sich «gut vorstellen», dass das Kompetenzniveau innert vier, fünf Jahren jenes des Pharma-Clusters an der US-Ostküste erreicht: «Als Teil eines globalen Netzwerks bringen wir Talente und neue Technologien hierher. Viele internationale Pharmaunternehmen werden diesem Trend voraussichtlich folgen.»

Bei vielen lokalen Firmen stünden hingegen noch innovationsschwache Arzneien («Me-too-Drugs») und vor allem Generika im Mittelpunkt.

Doch die strategische Marschrichtung ist klar: China will nicht mehr bloss eine billige Pharmafabrik sein, sondern möchte sich in der Wertschöpfungskette nach vorne arbeiten. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die Universitäten. Sie werden finanziell zunehmend besser ausgestattet und sind stark interessiert am Ausbau der Zusammenarbeit mit Pharmagrössen aus dem Westen.