Bestechungsvorwürfe

Novartis’ High Noon in Hellas

Novartis soll nach den Aussagen von Zeugen griechische Politiker sowie Ärzte bestochen haben. (Archiv)

Novartis soll nach den Aussagen von Zeugen griechische Politiker sowie Ärzte bestochen haben. (Archiv)

Novartis kämpft in Griechenland mit Bestechungsvorwürfen. Erneut versagt das Risiko-Management.

In der Ägäis vergeht kein Tag, an dem die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras nicht neue Schuldzuweisungen gegen Politiker und Ärzte ausspricht. Sie sollen Bestechungsgelder von Novartis kassiert haben. Die Regierung hat nun einen Untersuchungsausschuss in der Causa beauftragt.

Die Vorwürfe, die die griechische Regierung und das FBI gegen Novartis erheben, sind happig: Bestechung von zehn Politikern, Zahlungen an Ärzte für die Teilnahme an Fake-Studien, Fake-Aufträge, Luxusreisen für Ärzte. Das Ziel: schnellere Medikamentenzulassungen, Kostengutsprachen, mehr Absatz in Hellas. Die Vorwürfe reichen über zehn Jahre zurück.

Gelder nach Athen geflossen

Zurzeit ist noch unklar, wann es zu konkreten Anklagen gegen den Pharmakonzern und einzelne Mitarbeiter kommen wird. Fest steht: In Athen wird «Novartis-Gate» bereits als grösster Korruptionsfall aller Zeiten gehandelt – bedeutender als der Siemens-Schmiergeldskandal 2006. In Basel gibt man sich hingegen betont ruhig. Auch wenn die Wogen in der Ägäis hochgehen, hat man hier Erfahrung mit solchen Angelegenheiten: Die Anschuldigungen aus Athen fügen sich in eine Reihe von Bestechungsvorwürfen ein, die Novartis in den vergangenen Jahren von den USA bis nach China beschäftigten. Das Sündenregister der Basler ist mit allein sieben Fällen in den letzten fünf Jahren beträchtlich (siehe Box) – auch wenn Korruption in der Pharmabranche generell ein notorisches Problem ist. Das zeigt: Trotz verstärkten Compliance-Bemühungen in jüngster Zeit hat der Konzern seine Risiken gerade in für Korruption anfälligen Regionen wie Griechenland nicht im Griff.
Nachdem die griechischen Behörden im Dezember 2016 in Athen die erste Razzia bei Novartis durchgeführt hatten, leitete der Konzern eigene Untersuchungen ein. Im Januar 2017 liess der Konzern diese Zeitung wissen, man habe bis jetzt keine Kenntnisse über systematische Verstösse. Ein Update dazu gibt der Konzern ein Jahr später nicht.

Fest steht: Es sind Gelder aus der Konzernzentrale in Basel nach Hellas geflossen. Der FBI-Report, mit dem die US-Justiz und die US-Börsenaufsicht gegen Novartis in Hellas ermitteln, spricht von «B-Money», das an Ärzte, Politiker und Intermediäre bezahlt wurde. 

Bis 2011 seien bestimmte Zahlungen an Begünstigte in Griechenland direkt von einer Schweizer Tochtergesellschaft vorgenommen worden, was an sich nicht ungewöhnlich sei, hört man bei Novartis. Laufende Abklärungen hätten ergeben, dass der Kontrollprozess für die Zahlungen im grossen Regelfall eingehalten wurde.

Ab März führt Novartis neue Richtlinien ein. Es handelt sich um prinzipienbasierte Vorgaben. Damit heisst es nicht mehr, Geschenke oder Abendessen gegenüber Ärzten sind verboten, sondern die Belegschaft wird aufgefordert, stets integer zu handeln.

Risiken nicht im Griff

Es herrscht Aktionismus an der Compliance-Front. Erst 2015 führte Novartis neue Verhaltensregeln ein und verdoppelte seine Compliance-Mannschaft auf weltweit fast 400 Angestellte. Sie sollen aufpassen, dass die Geschäfte, besonders an der Verkaufsfront, im Einklang mit den rechtlichen Leitplanken geschehen.

Doch wie der aktuelle Fall in Hellas zeigt, scheint der Kontrollarm der Konzernzentrale nicht bis in die einzelnen Niederlassungen zu reichen. Die Kontrollmechanismen stossen besonders in korruptionsanfälligen Ländern an Grenzen, sagen Experten. «Es gibt keine einzelne Compliance-Massnahme, die Bestechung in Ländern beseitigen kann, die unter weitverbreiteter, systematischer Korruption leiden», sagt Gemma Aiolfi, Compliance-Chefin beim Basel Institute on Governance. Korruptionsbekämpfung sein ein Puzzle mit viele Teilen. «Die Frage ist letztlich, wie gut ein Konzern seine Prozesse im Griff hat», sagt ein langjähriger Betrugsexperte, der Novartis kennt. Ein globaler Konzern müsse seine Risiken richtig einschätzen können. Denn Compliance sei am Ende des Tages ein Kompromiss zwischen Profitabilität und Aufwand. Man könne nicht alle Winkel der Welt ausleuchten.

Aber die wichtigen Winkel muss man im Visier haben. Der Grossteil der Compliance-Angestellten sitzt bei Novartis in den Märkten. Sie rapportieren an die Rechtsabteilung in den Länderorganisationen oder an die Geschäftsleitung dort. Die Marketing- und Verkaufsangestellten rapportieren ebenfalls an die Länderorganisationen. Das heisst: Basel kriegt nicht alles mit. Das sei normal, da Regelwerke national angepasst werden, so der Betrugsexperte. Daher bringe es wenig, an eine Konzernzentrale zu rapportieren, die nicht mit dem lokalen Markt vertraut ist. Die Konzernleitung müsse aber letztlich über alle potenziellen Risiken informiert sein, die rufschädigend und rechtsverletzend sein könnten. Dafür brauche es eine entsprechende Firmenkultur. «Die beste Kontrolle bringt nichts, wenn sie Mitarbeiter aushebeln.»

Hier steckt bei Novartis der Wurm drin. Anders als in der Chefetage habe der notwendige Kulturwandel in weiten Teilen der Firma nicht stattgefunden, sagen Kenner. Schuld sei die jahrelange Kampfkultur. Nach der Fusion zwischen Ciba-Geigy und Sandoz 1996 war die neu gegründete Novartis über Jahre für besonders aggressive Verkaufspraktiken im Markt bekannt. Wobei die Grenzen ausgelotet – und überschritten wurden. Das lange Sündenregister sei nun die Retourkutsche für den kompetitiven Kurs.

Davon ist heute mehr übrig, als der Konzernleitung lieb ist. Die neuen Compliance-Richtlinien sollen das ändern. In der Teppichetage spricht man schon vom «Paradigmawechsel». Für Experten ist das neue Programm progressiv – aber problematisch. Prinzipienbasierte Richtlinien liessen sich nicht in Leistungskennzahlen für Verkaufsmitarbeiter übersetzen. Novartis habe den Sinneswandel von Justiz, Strafbehörde und der Öffentlichkeit zu spät erkannt. Die strafrechtliche Verfolgung von Bestechung sowie die grenzüberschreitende Kooperation der Behörden hätten in den letzten Jahren stark zugenommen, sagt Compliance-Spezialistin Aiolfi. Der Trend setze sich fort. Das könnte Novartis in der Ägäis zum Verhängnis werden. Laut Experten hat der Konzern dort vor allem den langen Arm der US-Justiz zu fürchten.

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