Pharma
Novartis-Chef Jimenez: «Der Preisdruck verschärft sich nicht unbedingt»

Novartis-Chef Joe Jimenez setzt unter anderem auf rezeptfreie Medikamente, um der Kostensenkung durch die Krankenkassen zu entgehen. Und er setzt weiter auf die Schweiz. Die Qualität der Mitarbeitenden würden die Kostenvorteile in Asien aufwiegen.

Isabel Strassheim
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Joe Jimenez, Novartis-Chef, lobt die Qualität der Schweizer Mitarbeitenden

Joe Jimenez, Novartis-Chef, lobt die Qualität der Schweizer Mitarbeitenden

Keystone

Herr Jimenez, Novartis erzielt ein Viertel der Umsätze in Schwellenländern. Im zweiten Quartal stiegen dort die Verkäufe um sechs Prozent – wird das Wachstum auf diesem Niveau so stark bleiben?Joe Jimenez: Wir erwarten, dass die neuen Wachstumsmärkte weiter in diesem Ausmass und vielleicht sogar noch stärker wachsen. In China zum Beispiel betrug die Zunahme im zweiten Quartal 23 Prozent. Das Tempo könnte im zweiten Halbjahr noch zulegen, da ein Teil der Ausschreibungen für neue Medikamente sich erst in den kommenden Monaten auswirken wird.

Was bedeutet das rasante Wachstum in Asien für den geografischen Fussabdruck von Novartis – werden neue Produktionsstätten und Jobs vor allem dort geschaffen?
Nicht unbedingt. Auch wenn wir zunehmend mehr Umsatz in Asien erwirtschaften, bedeutet das nicht notwendig, dass wir dort produzieren. Das hat unsere Entscheidung gezeigt, in unser Werk in Stein im Kanton Aargau 500 Millionen Franken zu investieren. Denn die Qualität und die Ausbildung der Mitarbeitenden in der Schweiz wiegen in diesem Fall die Kostenvorteile in Asien auf. Deswegen haben wir uns erneut für den Standort Stein entschieden. Das zeigt, dass viele Faktoren eine Rolle spielen.

Bei Ihrer Entscheidung für Stein war sicher auch wesentlich, dass Sie die dort bestehende Produktion leichter in die neue überführen können. Neue Investments auf der grünen Wiese dürfte es in der Schweiz aber nicht geben.
Es hängt wirklich von der Situation ab. Auch in Nyon investieren wir. Dort werden wir künftig Produkte für die USA herstellen.

Wie steht es um den Preisdruck in den von der Eurokrise betroffenen Staaten – wird der im kommenden Halbjahr zunehmen?
Wir gehen davon aus, dass er anhält, sich aber nicht unbedingt verschärft. Schon im ersten und zweiten Quartal sahen wir einen deutlichen Einfluss. Wir konnten aber trotzdem unseren Umsatz steigern. Dass wir besser als die Konkurrenz abschneiden, liegt daran, dass rund 40 Prozent unserer Verkäufe nicht von der Erstattung durch Krankenkassen oder die öffentliche Hand abhängen. Rezeptfreie Medikamente zum Beispiel stehen nicht unter einem solchen Preisdruck.

Es fällt auf, dass Novartis in Deutschland vor allem mit Sandoz Umsatzprobleme hat. Denken Sie über eine neue Strategie nach?
Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte – er steht aber durch aggressive Ausschreibungen auch bei Generika unter grossem Preisdruck. Es ist schwierig zu wachsen, wenn der Gesamtmarkt um neun Prozent sinkt. Wir arbeiten dem aber entgegen, indem wir unser Portfolio erneuern. Wir bringen mehr Biosimilars auf den Markt, mehr injizierbare Krebsmittel sowie mehr Medikamente für Atemwegerkrankungen. Unsere Strategie ist, uns dem Preisdruck durch innovative Generika zu entziehen.

Die Aktionäre von Novartis interessiert, wann das Aktienrückkaufprogramm wieder aufgenommen wird – der freie Cashflow scheint da aber nicht gerade zu ermutigen?
Wir haben keinen Kommentar dazu abgegeben. Aber uns ist die Rückgabe an die Aktionäre wichtig, genauso wie eine starke Bilanz und Investitionen. Geld an die Aktionäre fliesst vor allem durch die Dividende zurück. Zudem wollen wir die durch den Kauf von Alcon erhöhten Schulden reduzieren.

Gibt es eine höhere Dividende?
In den letzten Jahrzehnten haben wir die Dividende immer erhöht. Aber der Vorschlag dazu liegt natürlich beim Verwaltungsrat. Uns ist definitiv daran gelegen, die Investitionen in unser Geschäft mit der Belohnung der Aktionäre ausgewogen zu halten.

Die Zinsen für Schulden sind im Moment niedrig, zahlt es sich da aus, die Schulden, die Sie für Alcon aufgenommen haben, schnell zurückzuzahlen?
Nun, wir schauen uns immer nach Arrondierungskäufen um. Es dürfte demnächst keine Akquisitionen in der Grösse von Alcon geben, aber Zukäufe zwischen zwei bis drei Milliarden sind möglich. Der Kauf von Fougera ist ein gutes Beispiel, wie wir unser Kapital investieren.

Ihr Werk in Nebraska/USA produziert nach der Stilllegung wegen Qualitätsproblemen zum Teil wieder, mit Auslieferung kann aber erst im vierten Quartal begonnen werden – wie wirkt sich das auf Umsätze und Reputation aus – wird Novartis je zurück auf sein altes Verkaufsniveau gelangen?
Die Sanierungsmassnahmen dauern länger, als wir dachten, das ist ein ziemlicher Umsatzverlust. Das Werk generiert normalerweise eine Milliarde Dollar an Verkäufen. Im Moment kaufen unsere Kunden Konkurrenzprodukte. Unsere stehen ja nicht mehr in den Regalen, sie müssen zwangsläufig auf andere ausweichen. Wenn wir wieder liefern, werden wir sie mit speziellen Aktionen und Werbemassnahmen überzeugen müssen.

Wie sieht es aus mit den Sanierungsmassnahmen in den drei Sandoz-Werken in Nordamerika, die eine Verwarnung von der USArzneimittelbehörde FDA bekommen haben?
Die Sanierung dort schreitet sehr gut voran. Wir sind auf gutem Weg, um den Anforderungen dort zu genügen. Wir haben nicht nur das Management, sondern auch die Personen bei der Qualitätskontrolle gewechselt.

Wie kommt die Modernisierung Ihres Sandoz-Werkes in Österreich voran, wann sind die Produktionseinschränkungen vorüber?
Monatlich können wir unsere Produktion erhöhen. Es dauert noch etwas, bis wir auf dem alten Niveau sind. Aber die Verknappung – die ja ebenfalls andere Hersteller betraf – ist fast vorüber.