Geldentwertung

Notstand bei den Notenbanken: Regnet es bald Geld aus dem Helikopter?

Sucht den Befreiungsschlag: EZB-Präsident Mario Draghi.

Sucht den Befreiungsschlag: EZB-Präsident Mario Draghi.

Die Europäische Zentralbank muss schon wieder nachbessern, die Schweizerische Nationalbank eine Woche danach Schaden begrenzen. Wie lange greifen die traditionellen Mittel der Geldpolitik noch?

Das vor einem Jahr angelaufene Wertschriftenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt zu wenig Wirkung. Die 60 Milliarden Euro, die monatlich über die Käufe von Anleihen öffentlicher und privater Schuldner und anderer Wertschriften in die Märkte fliessen, führten trotz der dadurch erhöhten Geldmenge nicht zur gewünschten Geldentwertung (Teuerung, Inflation). 

Auch die Negativzinsen von derzeit noch 0,3 Prozent und die im Dezember beschlossene Streckung der Laufzeit des Kaufprogramms von September 2016 bis März 2017 änderte daran nichts. Es wird allgemein erwartet, dass die EZB schon nächsten Donnerstag nachbessert. Schon wieder.

Ist es Verzweiflung, mehr vom Gleichen zu versuchen, wenn es bisher nicht funktionierte? Oder Wahn? Jedenfalls definierte Albert Einstein Wahnsinn so: immer wieder dasselbe tun und andere Resultate erwarten. Und es ist nur noch wenig mehr vom Gleichen, das EZB-Präsident Mario Draghi noch liefern kann, Feinsteuerung.

Angst vor der eigenen Politik

Die EZB hat zudem ein immer offensichtlicheres Problem: Senkt sie die Zinsen noch tiefer in negatives Terrain, nagt das an der Existenzgrundlage der Banken. Selbst Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), hat jüngst in einem Vortrag in Frankfurt gewarnt: Irgendwann würde das Publikum plötzlich anfangen, ihr Geld abzuheben. Ein von den Notenbanken ausgelöster Bankrun, bei dem das Publikum sein Geld in Massen abhebt, wäre wohl die grösste Ironie der Geschichte nach der Finanzkrise.

Senkt die EZB ihre Zinsen, müsste die SNB eigentlich nachziehen, sonst werden Anlagen in Franken attraktiver, was den Franken stärkt. Doch verlangt die SNB noch weit mehr Strafzinsen für Geld, das die Banken bei ihr parken. Negativzinsen sind mit –0,75 Prozent so tief wie sonst nirgends. Sie ist der Grenze zur Bargeldhortung noch näher. Eine Woche nach der EZB muss die SNB entscheiden.

Draghi muss liefern

Draghi hatte schon im Januar erklärt, die EZB werde aufgrund ungenügender Wirkung an der Inflationsfront die Massnahmen an der Märzsitzung überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Mitte Februar dann hatte er erneut eine Überprüfung angekündigt, diese aber teilweise schon mit einer Lagebeurteilung vorweggenommen: Die Marktstimmung habe sich seit Dezember eingetrübt, die EZB werde auch den Einfluss der Kursrückgänge an den Börsen auf die Preisstabilität berücksichtigen.

Die europäischen Börsen haben seit Anfang Jahr über 15 Prozent ihres Werts vernichtet, Banktitel mehr als 20 Prozent. Auch auf die besondere Anfälligkeit der Banken in den Börsenturbulenzen wies Draghi hin. 

Derweil ist auch die letzte Hiobsbotschaft eingetroffen: Wie befürchtet ist die Inflation in der Eurozone wieder negativ, das Deflationsgespenst konnte nicht verscheucht werden. Letzte Woche gab das Statistikamt Eurostat bekannt, dass die Verbraucherpreise im Februar zum Vorjahr um 0,2 Prozent gefallen sind. Im Januar war die Inflationsrate noch bei 0,3 Prozent – tief, aber immerhin nicht negativ.

Damit dürften die letzten Zweifel ausgeräumt sein, dass die EZB nächste Woche handeln wird. Sie hat die Erwartungen des Marktes von noch mehr Liquidität selbst geschürt. Da sich diese Erwartungen schon in den Kursen von Währungen auch an den Börsen niedergeschlagen haben, würde der Euro aufwerten, wenn Draghi keine neue Euroliquidität schafft, die Börsen könnten wieder einbrechen.

Auch die von der «Nordwestschweiz» angefragten Experten gehen davon aus, dass Draghi versuchen wird, die Märkte nicht zu enttäuschen, und dass die SNB unter Zugzwang kommt.

Die Notenbanken, die sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise von 2008 auch wegen fehlender Strukturreformen und Konjunkturmassnahmen der Staaten zu den neuen Rettern der Welt berufen fühlten, scheinen am Ende ihres Lateins.

In den letzten Wochen wurde daher immer wieder eine radikale Idee als Ausweg heraufbeschworen, die seit 1969 Jahren in den Schubladen schlummert – oder besser: weggeschlossen wurde.

Geld aus dem Helikopter werfen?

Sie geht auf den berühmten Ökonomen Milton Friedman zurück: Wenn es der Notenbank nicht mehr gelingt, das Geld über das Bankensystem in die Realwirtschaft zu schleusen und der Staat keine Konjunkturpolitik betreibt, könnte man Geld von einem Helikopter über den Städten abwerfen – so geschaffenes Geld heisst seither «Helikopter-Geld». Noch nie hat es eine Notenbank gewagt, diese abstrus anmutende Idee umzusetzen. Aber wie ein Stratege der Deutschen Bank jüngst bemerkte: Ein Merkmal dieser Krise ist, wie schnell radikale Ideen zur Orthodoxie, zum normalen Kanon werden.

Noch werden die Notenbanken versuchen, mit traditionellen «Techniken» die in diesem Ausmass bisher unbekannten Probleme zu lösen. Dabei weiss niemand, ob sie schon jetzt nichts mehr nützen, um die Tendenz fallender Preise zu invertieren.

Dann wäre es Zeit für einen – wie von Thomas Kuhn in den 1960er-Jahren beschriebenen – Paradigmenwechsel. Die Notenbanken waren jahrzehntelang mit dem Kampf gegen einen zu starken Anstieg befasst, der das Geld entwertet. Das Gegenteil, also eine Deflation, hielt man für ein Problem Japans. Schlimmstenfalls stünde nun aber auch Europa ein «verlorenes Jahrzehnt» bevor. Der Begriff wurde im Japan der 1990er-Jahren geprägt. Aus zehn Jahren wurden mehr als zwanzig.

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