Interview

«Notorische Nichtzahler wälzen Kosten auf brave Bürger ab»: Inkassofirma-Chef will mit dem Bild des hilflosen Schuldners aufräumen

In diesem Herbst droht eine Betreibungswelle auf die Schweiz zu treffen.

In diesem Herbst droht eine Betreibungswelle auf die Schweiz zu treffen.

Jedes Unternehmen auf der Welt hat mit Forderungsausfällen zu tun. Dennoch findet die Gläubigerseite in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung, sagt Branchenvertreter Dick Wolff.

Die Skepsis gegenüber der wachsenden Inkassobranche ist gross, sowohl bei Privatpersonen als auch bei Unternehmen. Nicht selten werden die umstrittenen Methoden der Firmen oder einzelne Fälle in TV-Sendungen wie Kassensturz thematisiert. Dick Wolff, gebürtiger Holländer und seit 2003 Inhaber der Liechtensteiner Inkassofirma IB Score AG, nimmt zu den Vorwürfen Stellung und erklärt, weshalb seine Arbeit wichtig ist.

Immer wieder wird publik, dass Inkassofirmen bei Leuten zu Unrecht Geld einfordern. Verschicken Sie willkürlich Zahlungsforderungen?

Dick Wolff: Natürlich nicht. Wir übernehmen nur unbestrittene Forderungen von unseren Kunden, also Fälle, bei denen klar ist, dass der Schuldner den Gläubiger bezahlen muss. Es stimmt aber, dass Schuldner manchmal zu Unrecht von Inkassofirmen angegangen werden, etwa wenn sie eine Rechnung längst bezahlt oder eine Dienstleistung gar nie bezogen haben. Das ist auch für uns ärgerlich. Der Fehler liegt dann allerdings nicht bei uns, sondern beim Auftraggeber. Wir stoppen den Prozess dann sofort und fordern unseren Kunden auf, seine Buchhaltung respektive den Auftrag an uns zu überprüfen. Das tun leider nicht alle Inkassofirmen gleich schnell, weshalb manchmal weiterhin Briefe und Emails verschickt werden. Man darf allerdings nicht übersehen, dass jährlich Millionen von Inkassoaufträgen bearbeitet werden. Da kann leider auch mal etwas schief gehen.

Sie überprüfen die Forderungen also nicht von sich aus?

Wir können die Forderungen nicht im Einzelnen überprüfen. Hauptgrund ist aber, dass wir keine Einsicht in die Buchhaltung unserer Kunden haben. Stellt sich heraus, dass ein Kunde nicht ehrlich mit uns war und uns bewusst nicht sämtliche Informationen und Unterlagen zur Verfügung gestellt hat, lehnen wir ihn das nächste Mal ab. Das kommt sehr selten vor, Empfängern von Mahn- oder Inkassobriefen empfehle ich dennoch, die Forderung genau anzuschauen und allenfalls den Gläubiger und die Inkassofirma zu kontaktieren. So vermeidet man, dass das Mahnwesen weitergeführt wird.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die hohen Gebühren, die Inkassofirmen auf die Schuldner abwälzen.

Wir gehen nach dem Verursacherprinzip vor. Bevor sich ein Gläubiger an uns wendet, hat er in der Regel schon alles probiert, um an sein Geld zu kommen. Mahnungen, Anrufe etc. Er hat also bereits viel Zeit und Geld aufgewendet und weiss dann nicht mehr weiter. Warum sollte er auch noch für unsere Kosten aufkommen, die schliesslich der Schuldner verursacht? Mit Blick auf die Schuldnererziehung wäre das nicht klug. Wir versuchen, die Schäden des Gläubigers so gering wie möglich zu halten. In vielen Ländern, etwa Deutschland, Österreich und Liechtenstein, ist es ausserdem ganz normal, dass der Schuldner die Inkassokosten zu bezahlen hat. In der Schweiz ist das gesetzlich nicht geregelt. So entsteht ein Wildwuchs und es werden unterschiedliche Gebühren in Rechnung gebracht.

Wie gehen Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor? Rufen sie die Schuldner mehrmals am Tag oder auch in der Nacht an?

Sie schreiben Briefe und greifen ab und zu zum Telefon, dies aber nur tagsüber. Das Bild des aufdringlichen Geldeintreibers, der den Schuldner droht und sie sogar mit Gewalt einschüchtert, möchte ich aber revidieren. Klar gibt es solche Inkassobüros, aber die machen damit auch bewusst Werbung. Bei uns gibt es solche Praktiken definitiv nicht. Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Gläubiger und Schuldner und bieten auch Hand, wenn jemand seine Schulden in den Griff kriegen will. Und wir setzen uns für den Gläubiger ein, der in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung findet.

Wie meinen Sie das?

Meistens werden nur jene Fälle publik, bei denen eine Inkassofirma forsch vorgeht und wiederholt Leute belästigt, bei denen nichts zu holen ist. Solche Fälle gibt es leider. Bei der grossen Mehrheit handelt es sich aber nicht um hilflose Menschen, sondern um notorische Nichtzahler, die so den Gläubigern und letztlich der ganzen Wirtschaft schaden. Ich weiss zum Beispiel von einem Onlineshop, der bis zu acht Prozent seines Umsatzes abschreiben muss, weil seine Kunden einfach nicht zahlen. Eine Folge ist, dass sie ihre Preise erhöhen müssen, um die Verluste zu kompensieren – die Kosten werden somit auf die braven Bürger abgewälzt, die ihre Rechnungen gewissenhaft begleichen. Denselben Mechanismus gibt es bei Krankenkassenprämien, Steuern etc. Jedes Unternehmen auf der Welt hat mit Forderungsausfällen zu tun. Kurz: Die öffentliche Wahrnehmung von Opfer und Täter ist hier oft vertauscht.

Trotzdem ist der Ruf von Inkassofirmen häufig auch bei Unternehmen schlecht. Warum?

Das Bild des aufdringlichen Geldeintreibers hält sich leider hartnäckig. Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, getrauen sich Unternehmen oft nicht, eine Inkassofirma zu beauftragen, insbesondere in kleineren Gebieten, wo sich die Leute kennen, oder in der KMU-Landschaft. Das könne man dem Kunden doch nicht antun, heisst es dann. Frage ich aber, was ein Inkassobüro ihrer Ansicht nach denn so macht, haben sie darauf keine Antwort. Kommt eine Inkassofirma ist Spiel, wird die Kundenbeziehung zwar belastet. In meinen Augen ist das aber besser, als wenn ein Zahnarzt, Maler oder Schmuckhändler auf sein Geld verzichtet, für das er schliesslich eine Leistung erbracht hat. Denn viele geben nach ein paar Mahnungen einfach auf, der Schuldner wird somit für sein Verhalten belohnt. Für die Wirtschaft ist Inkasso also ein sehr wichtiges Instrument.

Sie sind weltweit tätig und haben auch Kunden in der Schweiz. In welchen Branchen?

Wir arbeiten für viele Banken, Industriebetriebe und Onlineshops, die Forderungen im Ausland haben. Wir verfügen über ein eigenes weltweites Inkassonetzwerk und sorgen somit dafür, dass der Schuldner im eigenen Land von einem Inkassobüro und Anwalt kontaktiert wird. In der Schweiz und Liechtenstein bearbeiten wir die Forderungen selber und vertreten sämtliche Branchen.

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Autor

Gabriela Jordan

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