Abgas-Skandal
Noch mehr Schall um zu viel Rauch

Die US-Behörden ermitteln wegen manipulierter Zahlen, die Aktie bricht ein, der grösste Automobilkonzern Europas stellt 6,5 Milliarden Euro zurück.

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Dunkle Wolken am Horizont des VW-Konzerns.

Dunkle Wolken am Horizont des VW-Konzerns.

Keystone

Seit Anfang Woche befindet sich die Aktie des Volkswagen-Konzerns nahezu im freien Fall. Der Konzern ist an der Börse fast 30 Milliarden Euro weniger wert. Grund für den Einbruch sind angeblich manipulierte Abgaswerte bei rund elf Millionen verkauften Fahrzeugen. Ein Imageproblem. Mehr noch: Die «auffälligen Abweichungen zwischen Prüfstandswerten» könnten den grössten Automobilbauer der Welt sehr teuer zu stehen kommen. Gestern gab der Konzern eine Gewinnwarnung heraus. 6,5 Milliarden Euro wurden alleine für dieses Jahr zurückgestellt, um das Debakel finanziell abzudecken.

Denn nach den Abgastest-Manipulationen ermittelt nun auch das amerikanische Justizministerium gegen Volkswagen. Die Umwelt-Abteilung der Strafverfolgungsbehörde in Washington, die bei Verstössen gegen die Umwelt-Gesetzgebung in Aktion tritt, habe entsprechende Abklärungen aufgenommen, meldeten amerikanische Medien übereinstimmend.

Umweltbehörde preschte vor

Der VW-Konzern sieht sich bereits mit zivilrechtlichen Bussen in Milliarden-Höhe konfrontiert, weil der deutsche Autobauer bei amerikanischen Emissionstests gezielt geschummelt hatte. Die Höhe dieser Entschädigungen wird von der amerikanischen Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) festgelegt; weil rund 482 000 Diesel-Fahrzeuge der Marken VW und Audi betroffen sein sollen, muss VW mit einer Strafzahlung von bis zu 18 Milliarden Dollar rechnen. Der Konzern gibt zu, einen Fehler gemacht zu haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass auch das amerikanische Parlament Ermittlungen aufgenommen hat. Die Energie- und Handelskommission des Repräsentantenhauses meldete am Montag, dass ein Untersuchungsausschuss in den kommenden Wochen den Skandal unter die Lupe nehmen werde. «Das amerikanische Volk verdient Antworten und Zusicherungen, dass dies nicht noch einmal geschehen wird», hiess es in einer Stellungnahme der beiden republikanischen Politiker Fred Upton und Tim Murphy.

Die Mogel-Software

Die US-Umweltbehörde EPA hatte am Freitag bekannt gegeben, dass Volkswagen (VW) eine Software entwickelt hat, mit der Vorgaben zur Luftreinhaltung zwar bei Tests, nicht aber beim normalen Betrieb der Dieselautos erfüllt wurden. Die Dieselfahrzeuge stiessen folglich im regulären Strassenverkehr mehr gesundheitsschädliche Stickoxide aus als erlaubt.
Die Umweltbehörde forderte VW deshalb auf, mehr als 480 000 Dieselautos zurück in die Werkstätten zu rufen und die Technik nachzubessern. Ihre Stickoxidemissionen entsprechen nur auf dem Prüfstand den gesetzlichen US-Grenzwerten – im realen Fahrbetrieb werden sie jedoch teils um das 40-Fache überschritten. Das will die EPA nicht länger akzeptieren.
VW gab gestern zu, Fehler gemacht zu haben. Die Software zur Manipulation von Abgaswerten ist nach Angaben des Konzerns weltweit in 11 Millionen Fahrzeugen eingebaut. «Auffällig» seien Motoren vom Typ EA 189, teilte gestern der Konzern mit. Bei diesem Motortyp sei eine «auffällige Abweichung zwischen Prüfstandswerten und realem Fahrbetrieb» festgestellt worden.
Laut der Homepage der «Zeit» berichteten unabhängige Institute wie die Umweltschutz-Dachorganisation Transport & Environment (T&E) schon seit langem, dass Autohersteller bei den offiziellen Abgas- und Verbrauchsmessungen mogeln. (SDA/ASC)

Gestern kursierte das Gerücht, wonach VW-Chef Martin Winterkorn noch vor der heutigen Krisensitzung des Aufsichtsrates zurücktreten und durch Porsche-Chef Matthias Müller ersetzt werden würde. Am Nachmittag wurde diese Meldung vom Konzern dementiert, am frühen Abend nahm Winterkorn in einer Videobotschaft selbst Stellung. Winterkorn kündigte eine umfassende Aufklärung des Skandales an und bat um Vertrauen. «Wir klären das auf», sagte der 68-Jährige, der von Rücktritt offenbar nichts wissen will.

Winterkorn entschuldigt sich

Zugleich stellte er sich hinter die 600 000 Mitarbeiter des Konzerns. Diese hätten es nicht verdient, unter Generalverdacht gestellt zu werden. «Ich gebe Ihnen mein Wort, bei all dem werden wir mit der nötigen Transparenz und Offenheit vorgehen. Wir werden alles tun, um Ihr Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen.» Winterkorn bat in dem Video zudem um Entschuldigung: «Es tut mir unendlich leid, dass wir dieses Vertrauen enttäuscht haben. Ich entschuldige mich in aller Form bei unseren Kunden, bei den Behörden und der gesamten Öffentlichkeit für das Fehlverhalten.»

Nichtsdestotrotz: Wie lange sich Winterkorn noch an der Konzernspitze wird halten können, ist fraglich. Der Druck ist gewaltig, Medien sind sich einig, dass sich der Konzernchef nicht wird halten können. Sollte er von den Manipulationen gewusst haben, ist seine Zeit bei VW ohnehin abgelaufen. Aber selbst, wenn er von den Tricksereien seiner Ingenieure keinen Schimmer hatte, spricht das nicht für Winterkorn. Kaum zu glauben, dass der Aufsichtsrat in seiner ordentlichen Sitzung am Freitag Winterkorns Vertrag – wie ursprünglich vorgesehen – tatsächlich um zwei Jahre bis 2018 verlängern wird.

Der Skandal beschäftigt auch die höchste politische Ebene Deutschlands. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat gestern eine Untersuchungskommission eingesetzt, um in Deutschland zugelassene Fahrzeuge zu prüfen. Selbst Kanzlerin Angela Merkel (CDU) meldete sich gestern zu Wort. Volkswagen müsse «den gesamten Vorgang» aufklären, forderte sie. «Ich hoffe, dass möglichst schnell die Fakten auf den Tisch kommen.»

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