Infrastruktur
Noch-Chef des grössten Baukonzerns Implenia: «Die Schweiz muss investieren»

5 Milliarden Franken Umsatz soll der Schweizer Baukonzern Implenia mittelfristig schreiben, heute sind es 3, 9 Milliarden. Damit hätte Implenia die kritische Grösse aber noch immer nicht erreicht. Anton Affentranger, der Ende September als CEO abtritt, hält kräftiges Wachstum auch danach für unabdingbar. Im Interview spricht er zudem über die überbelasteten Strassen und Schienen.

Niklaus Vontobel
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«In peripheren Lagen gilt es vorsichtiger zu sein»: Noch-CEO Anton Affentranger warnt vor leeren Wohnungen. key

«In peripheren Lagen gilt es vorsichtiger zu sein»: Noch-CEO Anton Affentranger warnt vor leeren Wohnungen. key

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Anton Affentranger (62) hat Implenia, grösster Schweizer Baukonzern, als CEO und Präsident durch die letzten zwölf Jahre geführt. 2006 schlossen sich Zschokke und Batigroup zu Implenia zusammen, er zog die Fäden. 2007 bis 2009 kämpfte Implenia gegen den Hedgefonds Laxey, er organisierte den Widerstand. Zschokke und Batigroup hatten noch eine regional begrenzte Reichweite, Implenia war in sechs Ländern vertreten. Diese Woche stellte Affentranger zum letzten Mal die Geschäftszahlen von Implenia vor. Auf Ende September tritt er ab.

Herr Affentranger, die letzten zwölf Jahre brachten Implenia rasantes Wachstum – und die nächsten zwölf?

Anton Affentranger: Ich wurde häufig kritisiert, Implenia wachse zu schnell. Ich bin da anderer Meinung: Wir werden weiter kräftig zulegen müssen. Heute erwirtschaften wir rund 3,9 Milliarden Umsatz, unser Ziel ist es, mittelfristig 5 Milliarden zu erreichen. Aber die kritische Grösse liegt noch deutlich höher.

Können Sie eine Zahl nennen?

Nein, substanziell höher als 5 Milliarden. Das ist immer noch klein, vor allem im europäischen Vergleich. Unsere Konkurrenten setzen 20, 30 oder 40 Milliarden um.

Sollte sich auch Implenia an solchen Zahlen orientieren?

Ich sage nicht, wir müssten die Grössten sein. Wir sind sehr gut aufgestellt in Europa, aber die kritische Grösse haben wir noch nicht erreicht.

Implenia wächst weiter rasch

Die Baufirma Implenia hat in der ersten Jahreshälfte 2018 ein starkes Wachstum verbucht. Zudem schrieb sie wieder schwarze Zahlen. Im Vorjahr hatten wegen der Niederlage im juristischen Streit um das Zürcher Letzigrund Stadion noch rote Zahlen resultiert.

In den ersten sechs Monaten hat Implenia einen Umsatz von 2,12 Milliarden Franken erzielt und damit rund 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Betriebsgewinn (Ebit) der Geschäftsbereiche lag bei 29,5 Millionen Franken, jedoch ohne Berücksichtigung von Amortisationskosten für bei der Übernahme der deutschen Biflinger erworbene immaterielle Vermögenswerte. Im Vorjahr war Implenia hier mit 0,1 Millionen Franken nur sehr knapp über der Gewinnschwelle.

Insgesamt, das unter Einbezug aller Amortisations- und Konzernkosten, erreichte Implenia ein operatives Ergebnis von 18,1 Millionen Franken. Auf dieser Ebene hatte vor einem Jahr ein Fehlbetrag von 9,6 Millionen Franken zu Buche geschlagen. Unter dem Strich resultierte ein Konzernergebnis von 8,9 Millionen Franken, nach minus 11,9 Millionen im Vorjahr. (sda)

Woraus folgt der Zwang zu einer bestimmten Grösse?

In unserem Geschäft bleibt nur eine geringe Marge, rund 3 Prozent auf das ganze Jahr gesehen. Gleichzeitig müssen wir investieren können: in die Sicherheit auf Baustellen oder in Digitalisierung etc. Das Geld dafür muss aus diesen drei Prozent Marge kommen. Wenn Sie das machen, ohne die nötige Grösse zu haben, bleibt kein Gewinn mehr übrig. Also müssen wir weiterhin wachsen.

Was hat das Wachstum der letzten Jahre für Sie privat verändert?

Letzten Montag stand ich beispielsweise staunend in Berlin auf einer Baustelle von uns. Implenia baut dort die U-Bahn vom Alexanderplatz bis zum Brandenburgertor. Wir, die kleine Schweizer Implenia, bauen am Brandenburgertor. Was wir heute in Deutschland haben, das ist schon unglaublich. Diesen Sommer habe ich auch öfter Fotos von Schweizer Touristen gemailt bekommen, die auf ihren Reisen irgendwo durch Europa unserem Konzern-Logo begegnet sind. So etwas freut die Menschen, und mich selber auch.

Stichwort Reisen in Europa, was wird die Katastrophe in Genua verändern?

Das ist natürlich tragisch, eine Katastrophe. Am gleichen Morgen, als die Brücke einstürzte, hielt ich an einer Tagung einen Vortrag über den europäischen Markt, insbesondere über die Infrastruktur. Ich sprach also unter anderem über Brücken in der Schweiz und in Deutschland, während in Genua diese Brücke einstürzte. Am Nachmittag erfuhr ich davon.

Was muss die Schweiz oder Deutschland daraus lernen?

Es ist eine Tatsache, dass der Zustand der Infrastruktur in der Schweiz und in Deutschland nicht gut ist. Ich glaube zwar nicht, dass auch bei uns Brücken einstürzen können. Aber es wäre arrogant zu sagen, was in Italien möglich ist, ist bei uns völlig ausgeschlossen.

Wenn Sie sagen, die Infrastruktur sei «nicht gut», beziehen Sie das mehr auf Deutschland oder auf die Schweiz?

Unsere Infrastruktur ist in einem weitaus besseren Zustand als jene in Deutschland. Dort habe ich mir schon selber Brücken vor Ort angesehen, weil ich schlicht nicht glauben konnte, was mir meine Kollegen berichteten. Dergleichen gibt es in der Schweiz zum Glück nicht.

Was macht Ihnen Sorge an der Schweizer Infrastruktur?

Das Bundesamt für Strassen ist bei uns sehr konsequent, da wird sehr frühzeitig eingegriffen. Aber dennoch liegt auch in der Schweiz vieles im Argen. Nicht die Brücken, aber fahren Sie einfach einmal auf der Autobahn oder mit der Bahn. Beide Verkehrssysteme sind heute dermassen überlastet, dass die Schweiz über kurz oder lang nicht um grosse Investitionen herumkommen wird.

Nationalbank und Finanzmarktaufsicht fürchten, in der Schweiz könnten zu viele Wohnungen gebaut werden. Rasch gewachsen ist vor allem der Markt für Wohnungen, mit denen eine Rendite erzielt werden soll. Sind die Sorgen gerechtfertigt?

Wir sollten heute nicht noch mehr Wohnungen auf die grüne Wiese stellen. Stattdessen dichter bauen auf bereits genutzten Flächen. Heute entstehen tatsächlich vor allem dort neue Wohnungen, die Nachfrage ist riesig. Wir haben ein Projekt, das noch nicht einmal fertiggestellt ist – aber zwei Drittel der Wohnungen sind verkauft. In peripheren Lagen gilt es hingegen vorsichtiger zu sein.

Sie meinen ländliche Regionen?

Ja, genau dort steigt auch die Zahl der leerstehenden Wohnungen. Dort kann es dann tatsächlich Objekte haben, die sich nicht vermieten lassen.

Insgesamt entwickelt sich der Immobilienmarkt aber auf gesunde Weise?

Die fundamentalen Daten sind gut, ja. Die Einwanderung hat abgenommen, ist aber noch immer positiv. Die Zinsen sind etwas angestiegen, aber im historischen Vergleich weiter sehr niedrig. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist gering.

Warum macht sich die Nationalbank dann Sorgen?

Sie fragt sich natürlich, was geschieht, wenn die Zinsen wieder nach oben gehen. Können dann all die neu vergebenen Hypotheken noch bedient werden? Das ist meiner Ansicht nach ein Thema für die Banken. Haben sie ihre Kunden richtig eingeschätzt, können diese auch höhere Zinsen tragen?

Wo werden Sie nach Ihrer Implenia-Zeit beruflich wieder auftauchen?

Ich habe noch keine Ahnung, wirklich nicht. Natürlich sind schon zig Anfragen gekommen. Aber ich will nun erst einmal bei Implenia abschliessen, dann schaue ich weiter.